work-Wissen

Der Duden ist jetzt auch eine Dudin

Marie-Josée Kuhn

Es hat Jahrzehnte gedauert, aber nun hat auch das wichtigste deutsche Wörterbuch «Duden» gehandelt und 12’000 Berufsbezeichnungen gegendert. Vorerst jedoch nur online.

GENERISCH: In der Onlineversion des Nachschlagewerks Duden ist die männliche Form nicht mehr im verallgemeinernden Sinne verwendet. (Foto: Keystone)

Endlich ist der Dieb ein Mann! Neuerdings auch bei Duden Online (www.duden.de). Er ist nämlich «eine männliche Person, die fremdes Eigentum heimlich entwendet». Drum kann Mann einer Frau jetzt definitiv nicht mehr grammatikalisch korrekt hinterherrufen: «Haltet den Dieb!» Denn sie ist eine Diebin. Endlich sind wir Frauen in den männlichen Wortformen nicht mehr versteckt. Und nur mitgemeint. Sondern kommen in der Muttersprache auch zur Sprache. Zum Beispiel in den Berufsbezeichnungen. Als Apothekerinnen, Musikerinnen oder Politikerinnen. Es hat Jahrzehnte gebraucht, aber jetzt gibt es selbst die Duden-Redaktion zu: «Die männlichen Formen waren nie geschlechtsneutral.»

Aber genau das hatten uns die Hüterinnen und Hüter der deutschen Sprache bisher weismachen wollen. Der Fachausdruck dafür heisst «generisches Maskulinum». Das bedeutet so viel wie: männliche Formen können in der deutschen Sprache auch im verallgemeinernden Sinne (eben «generisch») verwendet werden. Also auch für Frauen. Dies, obwohl daneben durchaus weibliche Wortformen existieren.

Die deutsche Sprache legt immer den Mann nahe und verdrängt die Frauen.

MANN ALS CHEFIN

Die deutsche Sprache ist ein Mann. So kritisiert seit langem besonders eine: die deutsche feministische Linguistin Luise F. Pusch. Und dass ihre Kritik nichts mit «Gender-Wahnsinn» zu tun hat, wie man ihr vorwirft, erklärt sie so: «Es ist durch Studien erwiesen, dass die meisten Menschen bei dem Maskulinum nicht an Frauen und Männer denken, sondern nur an Männer. ‹Wer wird der nächste Bundes­präsident?› ist somit eine klassische Suggestivfrage, weil sie durch das generische Maskulinum keinen Raum lässt für den Gedanken an eine Frau. Dieses Konzept kann man auf die ganze Sprache übertragen. Die deutsche Sprache ist eine suggestive Sprache, die immer nur den Mann nahelegt und die Frauen selbst aus ihrer ­eigenen Vorstellung hinausdrängt.» Das ist verheerend. Nicht nur auf Sprach­ebene. Sondern auch im ­Leben. Bus­chauffeurinnen? Kampfpilotinnen? Baggerführerinnen? Physikerinnen? Allzu lange gab es sie weder-noch. Das Sichtbarmachen von Frauen in der Sprache ist deshalb zentral. Wer’s bestreitet, gendere mal umgekehrt und verkünde im Büro: «Meine Chefin ist ein Mann.»

ENTERICH ALS FRAU

Und trotzdem erntet die Duden-Reaktion jetzt heftigste Kritik für ihr fortschrittliches Tun: «grotesk und ab­solut unverantwortbar» sei diese ­Genderei, gifteln verschiedene Medien. Solches Hyperventilieren kennen wir doch: Als die linke Wochenzeitung WOZ am 11. September 1987 ihre Zeitung als «Pusch-Ausgabe» herausbrachte, als Ausgabe, feminisiert von Luise Pusch, tönte es ähnlich wild. Es war eine Pioniertat in Sachen Sprachfeminisierung in der Schweiz. Aber einzelne Autoren weigerten sich sogar, der Wissenschafterin ihren Text zur Feminisierung zu übergeben. Gegenderte Texte würden mühsam, langfädig und umständlich: dieses Vorurteil lebt auch heute noch. Dabei zeigt gerade die Art, wie work in seinen Artikeln Sprachgerechtigkeit herstellt, wie leicht das gehen kann. Das «steilaufragende I» (Pusch) wie in «KundInnen» verwenden wir nicht. Zu undifferenziert und schwierig auszusprechen. Aber wir brauchen das Splitting: Kundinnen und Kunden. Und immer öfter auch das Sternchen vor der weiblichen Endung: Kund*innen. Damit sind dann alle Geschlechter gemeint. Und wir verwenden das geschlechtsneutrale «die Kundschaft». Statt «jeder, der …» verwenden wir den Plural: «alle, die …». Und wenn wir mal eine Reihe von Berufen aufzählen müssen, wechseln wir ab mit den Geschlechtern: «Krankenpfleger, Pilotinnen, Verkäufer und Augenärztinnen». Und überall sind entweder die Frauen oder die Männer mitgemeint. Sozusagen ausgleichende (Un-)Gerechtigkeit.

Diese gibt’s im sprachlichen Tierreich übrigens schon lange. Auch darauf hat die lustige Luise Pusch kürzlich hingewiesen: «Die Ente, der ­Enterich, die Enten: Hier wird das Maskulinum aus dem Femininum abgeleitet, und so geht es dem Enterich wie den Frauen.» Sprachlich ist er das abgeleitete Geschlecht. Für ihn wird sich das wohl nicht so schnell ändern. Trotz Duden-Reform.

www.duden.de: Wörterbuch online
www.fembio.org/biographie.php/

1 Kommentar

  1. Tömmchen

    Der Duden wurde nach Konrad Duden benannt. Man kann nicht einfach einen Familiennamen ändern. Wie wär’s ansonsten mit:
    Die Brockhäuserin
    Die große Gatsby-in
    Die große Knaur-in?
    Ich bitte Sie!

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