Corona-Impfstoff aus dem Oberwallis:

Das Lonza-Wunder

Ralph Hug

Der neue Impfstoff gegen Corona der US-Firma Moderna wird bei der Lonza in Visp produziert. Das ist nur möglich, weil die Chefs vor Jahren einen super Riecher hatten.

GLÄNZENDE ZUKUNFTSAUSSICHTEN: Bauarbeiter im Innern des Ibex-Gebäudes der Lonza im Oberwallis. In Rekordzeit hat die Lonza ihre Produktionskapazitäten ausgebaut, um Corona-Impfstoffe des US-Pharmakonzerns Moderna herstellen zu können. (Foto: Keystone)

Woher den Impfstoff nehmen? Diese Frage trieb das Bundesamt für Gesundheit (BAG) schon vor Jahresfrist um. Erst gab es Pläne, bei Lonza eine eigene Impfstrasse zu bauen. Kostenpunkt: rund 30 Millionen Franken. Doch das versandete. Warum, darüber hüllen sich heute sowohl das BAG als auch die Lonza in Schweigen. BAG-Mediensprecherin Maria Foursova sagt bloss: «Die aktuelle gesetzliche Grundlage lässt eine Investition des Bundes in Produktionskapazitäten grundsätzlich nicht zu.»

Die Lonza ist für das Oberwallis fünf Mal so wichtig wie die Auto­industrie für Deutschland.

HUNDERTE NEUE JOBS

Der soeben zugelassene Impfstoff des US-Pharmaunternehmens Moderna kommt jetzt trotzdem aus dem Wallis. Und das kam so: Seit zweieinhalb Jahren zieht die Lonza in Visp einen neuen Biopark hoch. Der Komplex bringt mehrere Hundert neue Arbeitsplätze. Am Ende stehen fünf neue Produktionshallen am Rhoneufer. Im Endausbau werden in Visp statt der jetzigen 3400 gegen 4000 Leute arbeiten. Das ist gigantisch! Ein Vergleich: Deutschland hat 80 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Das Oberwallis nur 80’000. Auf tausend Deutsche kommt ein Oberwalliser, eine Oberwalliserin. In Deutschland ist die Autoindustrie mit ihrem 800’000 Arbeitsplätzen systemrelevant und politikbestimmend. Umgerechnet auf Deutschland bedeuten die 4000 Lonza-Arbeitsplätze 4 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland. Mit anderen Worten: Die Lonza ist für das Oberwallis fünf Mal so wichtig wie die Autoindustrie für Deutschland. Und Visp langsam, aber sicher ein Pharma-Hotspot der Schweiz.

Noch 2013 kündigte das Lonza-Management einen grossen Jobabbau an. 400 der insgesamt 2800 Stellen sollten verschwinden. Das Wallis befürchtete eine Schrumpfkur bei der wichtigsten Arbeitgeberin im Kanton. Und die Unia stritt sich mit den Managern über die Zahl der Entlassungen. ­Alles Schnee von gestern.

Ibex brachte die Wende. Ibex heisst Steinbock, ein Symbol für Widerstandsfähigkeit. Die Lonza-Führung hatte begriffen, dass es eine Verschiebung braucht: von Feinchemie zu Pharma und Biotechnologie. In diesen beiden Zukunftssparten winken Milliardengeschäfte. Das Zauberwort hiess «Biomanufacturing»: Lonza stellt Pharmakonzernen und kleinen Biotech-Unternehmen ihre Anlagen und ihr Know-how für die Entwicklung, Produktion und Vermarktung von neuen Wirkstoffen für Arzneimittel zur Verfügung. Lonza-Sprecher Mathias Forny sagt: «Wir ermöglichen den Firmen einen schnellen Einstieg in klinische Studien und eine schnelle Umsetzung.» Denn Tempo ist im Rennen um neue Therapien entscheidend.

Laut Standortleiter Renzo Cicillini investiert Lonza gesamthaft rund eine Milliarde Franken in den Ibex-Komplex, der noch nicht fertig ist. Der französische Pharmamulti Sanofi war Lonzas erster Partner.

In Visp werden seitdem Biopharmazeutika hergestellt. Dann folgte ­Moderna. Jene erst zehn Jahre alte US-Biotechfirma, die den soeben zugelassenen Impfstoff gegen Covid-19 entwickelt hat. Mit Moderna arbeitete Lonza schon in den USA zusammen, wo sie eine Produktionsstätte unterhält. In der Rekordzeit von acht Monaten anstatt in zwei Jahren stand die komplexe Anlage für den neuen Impfstoff bereit. Für Lonza ein schlagendes Beispiel, wie gut ihr neues Businessmodell funktioniert.

FINANZIELLES RISIKO

Die neue Covid-19-Impfstrasse hat drei Linien. Eine hat die Lonza selber mit 70 Millionen Franken bezahlt, die andern beiden Moderna mit 140 Millionen Franken. Die Lonza sei nicht Eigentümerin des Impfstoffs, stellt Sprecher Forny klar: «Wir bringen keine eigenen Pharmaprodukte auf den Markt, sondern produzieren für Kunden.» Letzte Woche hat Gesundheitsminister Alain Berset (SP) die neue Impfstrasse besucht. 300 Millionen Dosen, darunter 4,5 Millionen für die Schweiz, wird der Visper Ibex pro Jahr ausliefern.

Die Verschiebung von Feinchemie zu Biotech war ein finanzielles Risiko. Das sagt der frühere Verwaltungsratspräsident Rolf Soiron im Interview mit work (siehe links). Aber eines, das sich gelohnt hat. Vor allem mit Wirkstoffen gegen globale Pandemien. Die Corona­krise macht klar, dass in kürzester Zeit Abermillionen von Menschen geimpft werden müssen, denn ohne Impfstoff geht es nicht. Das macht sich bezahlt. Die Lonza fährt satte Gewinne ein. In zwei Jahren strebt das Management einen Umsatz von 7 Milliarden Franken an. 2016 waren es noch 4,1 Milliarden gewesen. Wird das Ziel erreicht, wäre es ein Geburtstagsgeschenk: Die Lonza feiert im Jahr 2022 den 125. Geburtstag.

Und selbst wenn das Corona­virus dereinst flächendeckend besiegt sein sollte, sind die Aussichten auf weitere Geschäfte gewahrt. Denn das nächste Virus kommt bestimmt.

Gefordert: Ein staatliches Impfinstitut, jetzt!

Einst hatte die Schweiz das Schweizerische Serum- und Impfinstitut in Bern. Es war eine weltweit renommierte Einrichtung für die Entwicklung von Impfstoffen gegen Pocken, Diphtherie, Cholera usw. 2001 wurde das Institut, das unter dem Namen Berna Biotech AG noch 400 Leute in der Schweiz beschäftigte, jedoch verscherbelt. Das war unter dem damaligen FDP-Wirtschaftsminister Pascal Couchepin. Wäre das nicht geschehen, kämen ­heute die Impfstoffe gegen Corona womöglich nicht von US-Pharmakonzernen. Sondern vom Bund, der sich keine Sorgen über genügend Impfdosen machen müsste.

SPEZIALIST. Die Schweiz hatte mit dem Immunologen Steve Pascolo auch einen Spezialisten, der mit Erfolg an den Grundlagen für die revolutionären mRNA-basierten Vakzine gegen Covid-19 forschte. Doch er sei mit seiner Arbeit nicht ernst genommen worden, klagt Pascolo, der am Unispital Zürich arbeitet, gegenüber dem «Sonntagsblick». Er fordert jetzt ein staatliches Impfinstitut.


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1 Kommentar

  1. Bill Martin

    Die Covid – Pandemie hat einige Schwächen der Schweizerpolitik blossgestellt und mein Vertrauen in den Staat und den Bund tief erschüttert.
    Die Landesversorgung zur Pandemiebekämpfung wurde sträflich vernachlässigt (siehe Vorstösse Fr. Humbelt 2005)
    Unter Berufung auf Recht, Gesetz und staatliches Unvermögen wurde ein Impf- und Seruminstitut leichtfertig verscherbelt. Die Armeeapotheke mit dem Auftrag medizinische Versorgung in Krisenzeiten für die Bevölkerung zu gewährleisten, hat versagt. Diese Versäumnisse (kleine Mio. Beträge) kosten den Bund und den Staat jetzt Milliarden, die der Bürger nun berappen muss, ohne Aussicht, dass man daraus etwas gelernt hat und auf eine Impfung warten muss was die Pandemie noch verlängert !!!
    Der wohlgelobte Föderalismus hat sich eher als Feudalismus entpuppt und hat nichts zu der Einheit dieses Landes beigetragen sondern die Menschen nur noch mehr auseinander getrieben und gespalten.
    Im Vergleich mit dem Ausland hat die Schweiz in grossen Teilen versagt nicht nur in der Vorsorge und Bewältigung sondern auch auch in der Kommunikation gegenüber der Bevölkerung.

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