Robotik-Professorin Dégallier Rochat blickt optimistisch in die Zukunft:

«Roboter ermöglichen uns 15-Stunden-Woche»

Johannes Supe

Künftig könnten Menschen Hand in (Metall-)Hand mit ­Robotern ­arbeiten. Aber nur, wenn die Menschen die ­Roboter kontrollieren – nicht umgekehrt.

SARAH DÉGALLIER ROCHAT: Die Forscherin entwickelt Roboter, die sich den Menschen anpassen. Foto: Stöh Grünig)

Nein, intelligente Maschinen werden in nächster Zeit nicht die Herrschaft übernehmen. Auch roboterbedingte Massenarbeitslosigkeit fürchtet Sarah Dégallier Rochat nicht. Zu viel Science-Fiction, zu wenig Fakt. Das sagt eine, die es wissen muss: Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt sich die Professorin mit Robotik. Derzeit untersucht sie an der Berner Fachhochschule in Biel das Zusammenspiel von Mensch und Maschine.

Natürlich reize es sie, sich mit sehr pessimistischen Weltentwürfen zu befassen. Sie selbst schaue zum Beispiel gern «Black Mirror», die britische Serie, die sich mit den Schattenseiten der Technik beschäftigt. Doch für die nähere Zukunft zeichnet Dégallier ­Rochat ein positiveres Bild: «Es gibt die Chance, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Koboter können die Tätigkeiten übernehmen, die mühsam und eintönig sind. Bei den Menschen liegt dann die Anleitung der Koboter und all jenes, was interessant und sinnstiftend ist.» Die Voraussetzung dafür: eine neue Arbeitsteilung und zudem Maschinen, die sich den Menschen anpassen.

«Ich will dazu beitragen, dass die Automatisierung den Arbeiterinnen und Arbeitern zugute kommt.»

VOM ROBOTER ZUM KOBOTER

Im Blick hat Dégallier Rochat dabei sogenannte Koboter, also kollaborierende oder mithelfende Roboter. Vergessen sollte man dabei das Bild von menschenähnlichen Maschinen auf zwei Beinen. Vielmehr handelt es sich etwa um flexibel einsetzbare Metallarme. Diese Koboter sind zudem mit Sensoren ausgerüstet, durch die sie zum Beispiel Kontakte wahrnehmen können. Kommt ihnen also ein Mensch in die Quere, stoppen sie. «Tatsächlich bedeutet kollaborativ hier zunächst, dass sich der Roboter den Arbeitsplatz mit dem Menschen teilen kann», so die Forscherin. Während also heute oft die Arbeiterin warten muss, bis die Maschine ihre Arbeit verrichtet hat, könnte morgen das Werk Hand in (Metall-)Hand verrichtet werden.

Runder sind sie, diese Koboter. Oft auch weicher als bisherige Roboter. So soll ein Gefühl von Sicherheit vermittelt werden. Doch entscheidender dürfte sein: Sie sind deutlich günstiger als bisherige Industrielösungen. «Bisher wurden oft einfache Arbeiten vollständig automatisiert. Die Menschen wurden ersetzt. Mit Kobotern ist eine Teilautomatisierung möglich.» Gerade für kleinere Unternehmen sei das von Vorteil. Die Investitionssummen seien geringer, und die Firmen behielten eine grössere Flexibilität, Arbeitsabläufe umzustellen.

Doch Sarah Dégallier Rochat will nicht einfach für die Profitsteigerung forschen. Stattdessen erklärt sie: «Der Schlüsselbegriff für uns ist die Ermächtigung der Arbeiterinnen und Arbeiter. Wir wollen, dass sie lernen, mit der Maschine umzugehen, und dass sie die Kontrolle behalten.» In den kommenden Jahren werde ihr Team die Einführung von Kobotern in verschiedenen Unternehmen, darunter solche der ­Uhrenindustrie, begleiten. Die Beschäftigten sollen dabei in jeden Schritt ­einbezogen werden – von Fragen der Arbeitsabläufe bis hin zur Farbe des Displays. Und eines ist der Forscherin besonders wichtig: Jedes der Unternehmen hat zugesichert, keine Stellen streichen zu wollen.

DER MENSCH IST ÜBERLEGEN

Naiv ist die Forscherin aber nicht. Natürlich verlange die Industrie verwertbare Ergebnisse. «Wenn diese auch die Arbeitsbedingungen verbessern, umso besser. Aber der Hauptfokus ist das selten.» Und es gebe einige Firmen, die nichts lieber tun würden, als auch ihre letzten Beschäftigten gegen Maschinen auszutauschen. Bislang verhindere das aber oft genug der Stand der Technik. Im Geschick und im Erkennen der Umwelt sei der Mensch den Ro- und Kobotern noch immer weit überlegen.

Aber tragen ihre Untersuchungen langfristig nicht doch zum Stellenabbau bei? Und vielleicht noch perfider als bisher, da es die Arbeiterinnen und Arbeiter sind, die ihren stählernen Ersatz genauestens einweisen? «Es ist nicht auszuschliessen. Aber die Automatisierung wird so oder so kommen. Ich will einen Teil dazu beitragen, dass sie den Arbeiterinnen und Arbeitern zugute kommt», entgegnet die Forscherin. Dann legt sie nach: «Es liegt daran, wie der Prozess gestaltet wird. Wir könnten längst viel weniger arbeiten und wären noch immer produktiv. Eine 15-Stunden-Woche wäre möglich.»

Das wäre dann tatsächlich nicht mehr die pessimistische Zukunftsversion von «Black Mirror», sondern der optimistische Blick ins Morgen von «Star Trek».

Kobotik: Mitmachen bei der Studie

Vier Jahre lang – von Mai 2020 bis Ende April 2024 – untersuchen ­Sarah Dégallier Rochat und ihr Team «Wie Mensch und Maschine optimal zusammenarbeiten können». Die Forschenden wollen die Einführung von Kobotern in mehreren Industriebetrieben begleiten und die Erfahrungen der Beschäftigten auswerten. Das Projekt wird vom Schweizerischen Nationalfonds im Rahmen einer ganzen Forschungsreihe namens «Digital Transformation» gefördert. Der Nationalfonds ist eine private Stiftung, die im Auftrag des Bundesrats wichtige Forschungen unterstützt. Teil der Studie ist auch die Befragung von Industrie­mitarbeitenden zu ihren Erfahrungen mit Robotern. Interessierte können unter diesem Link teilnehmen: rebrand.ly/mensch-und-roboter

AUSSTELLUNG. Das Neue Museum Biel zeigt derzeit die Ausstellung «Biel/Bienne 4.0. Revolutionen an der Arbeit seit 1800». In einem ­eigens konzipierten Teil wird auch auf mögliche bevorstehende Ver­änderungen der Arbeitswelt hinge­wiesen, darunter auch auf die ­Möglichkeiten der Kobotik. Sarah ­Dégallier Rochat war an dieser Ausstellung beteiligt. Das Museum ­bietet auch eine virtuelle Tour an: rebrand.ly/arbeitsrevolutionen

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