Diplompflegerin Lena Staub * (27) hat sich im Unispital Zürich mit Corona infiziert. Sie sagt zu work:

«Es ist fahr­lässig!»

Jonas Komposch

Die Spitäler sind am Anschlag und Pflegerin Lena Staub  mittendrinn. Sie erzählt:

KAMPF GEGEN DIE CORONA-WELLE. Die Pflegerinnen und Pflegern in den Heimen und Spitälern schlagen Alarm. (Foto: Keystone)

«Wie Corona mein Leben verändert hat? Nun, das Virus hat mich gerade zwei Wochen komplett flachgelegt. So was habe ich noch nie erlebt. Atemnot nach drei Treppenstufen! Meine Geruchs- und Geschmacksinne sind immer noch im Eimer. Und müde bin auch. Arbeiten geh ich jetzt trotzdem wieder. Und klar, obwohl wir schon vor der Pandemie am Anschlag waren, haben wir jetzt noch mehr zu tun. Unser Spital ist jetzt voll. Ich überwache nun 4 statt wie früher 3 Intensivpatienten. Gleichzeitig muss ich den abteilungsfremden Pflegenden stets auf die Finger schauen. Sie wurden als Verstärkung zu uns geschickt. Bloss fehlt ihnen die nötige Ausbildung für unsere komplexe Station. Auch ich muss mittlerweile Dinge tun, die eigentlich nur Spezialpersonal machen darf. Wir stehen unter hohem Druck.

Weil noch bis vor wenigen Tagen operiert wurde wie verrückt. Um das Defizit reinzuholen, das in der ersten Welle mit dem Stop von nicht überlebenswichtigen Eingriffen eingebüsst wurde. Chirurgie ist lukrativ. Aber dass so viel operiert wird, während wir kaum nachkommen, geht einfach nicht. Wir durften ja lange nicht einmal Betten sperren, wenn wir zu wenig Personal hatten. Bis wir gesagt haben: ‹Wir machen nicht mehr mit!›

«Innerhalb einer Woche haben sich 12 Pflegende angesteckt.»

FRÜCHTEKORB ALS DANK. Unsere Gesundheit inter­essiert definitiv zu wenig. Beispiel erste Welle: Die Schutzmassnahmen waren lächerlich. Es gab nur eine Maske pro Tag! Dabei hiess es früher immer, ­Masken müssten alle 2 Stunden ausgewechselt werden. Auch Schutzanzüge ­waren Mangelware.

Und dann die Zimmer. Bei uns sind sie nur durch Vorhänge aufgeteilt. Das wäre ­genug, wenn garantiert keine Corona-Positiven zu uns kämen. Doch das kommt immer wieder vor! Etwa wenn Patienten aus dem überlasteten Notfall oder anderen vollen Stationen zu uns geschickt werden, noch bevor das Testresultat da ist. Fahrlässig für die Patientinnen und für uns! Prompt haben sich auf meiner Station innerhalb einer Woche 12 Pflegende angesteckt, darunter ich. Wird unsere Leistung anerkannt? Vom Spital haben wir einmal einen Früchtekorb erhalten – einen für die ganze Station. Wir haben eine Gefahrenzulage verdient! Und mehr Personal braucht’s sowieso.»

Aufgezeichnet von Jonas Komposch


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