Inkompetenz und Gier regieren beim US-Energiekonzern:

Belegschaft von General Electric zu allem bereit

Johannes Supe

Erneut kündigt GE eine Massenentlassung an. Der Konzern zerstört so die ­industrielle ­Substanz der Schweiz. Doch jetzt wollen die Mitarbeitenden ihre ­Stellen retten.

NICHT MIT UNS! Rund 300 GE-Mitarbeitende protestierten gegen die Streichung von fast 600 Stellen in Ober­entfelden AG. (Foto: UNIA)

Schon wieder General Electric: Anfang Dezember kündigte der US-Energiekonzern eine weitere Stellenstreichung in der Schweiz an. Innerhalb weniger Wochen ist es die dritte angedrohte Entlassungswelle. Schliessung des Standorts Oberentfelden AG, Streichungen in Baden AG und nun auch noch ein Kahlschlag im Bereich Steam Power, zu dem unter anderem auch die Kohlekraft gehört. Macht zusammen gut 700 Stellen, die vernichtet werden sollen. So sieht sie aus, die Weihnachtsüberraschung des Energiekonzerns für die Mitarbeitenden.

«Die Kolleginnen und Kollegen haben keine Angst mehr vor GE.»

SINNLOSER ABBAU

Für Thomas Bauer ist das nicht hinnehmbar. Seit Jahren begleitet der 56jährige Präsident der Personalkommission eine Streichung nach der anderen und ist für seine Arbeit als Personalvertreter komplett freigestellt. Er verhandelt mit dem örtlichen Management, berät sich mit den Kollegen aus anderen Ländern, stimmt sich mit der Gewerkschaft ab. Von sechs am Morgen bis sechs am Abend dauern seine Arbeitstage derzeit. Und auch danach gibt es noch Mails zu schreiben und Whatsapp-Nachrichten zu beantworten. So sieht er aus, der Kampf gegen den Abbau-Irrsinn.

«Der Plan von General Electric entbehrt Sinn und Verstand», sagt Bauer zu work. Dem Konzern gehe es darum, Kosten einzusparen. Doch bei den rabiaten Streichungen ginge Mal um Mal Know-how verloren. Regelmässig merke der Konzern dann, dass wichtige Tätigkeiten nicht erledigt werden. Also werden sie den verbleibenden Mitarbeitenden aufgebürdet. Das Ergebnis: Mit jeder Sparrunde müssen weniger Beschäftigte mehr ­Aufgaben erledigen. Das geht auf ­Kosten der Effizienz. Personalvertreter Bauer: «Aber GE kümmert das nicht. Überhaupt nicht!» Und weiter: «Jedes dieser Vorhaben ist von der Finanzabteilung ausgetüftelt worden. Die interessiert nur, dass die Aktionäre ihre Dividenden erhalten.»

Um die Streichungen durchzupeitschen, setzt GE oft auf ­Management-Söldner, die die ört­lichen Gegebenheiten kaum kennen. Manches Mal schon habe die Personalkommission den Zuständigen auf den neusten Stand bringen müssen. Und da der Konzern Kahlschläge oft europaweit vornimmt, die Vorgänge entsprechend komplex sind und die lokalen Verantwortlichen nur beschränkte Entscheidungsmacht haben, hat Bauer absurde Aussagen erleben müssen: «Da hiess es dann vom Management: ‹Ihr habt recht, und euer Plan ist gut, aber wir können es trotzdem nicht so machen.›»

KONZERN OHNE MASS

Das brutale Vorgehen ist auch die Folge eines Versagens der Schweizer Politik. Denn die hat sich stets geweigert, die Unternehmen zu fordern und ihnen klare Ansagen zum Stellenerhalt zu machen. Seit Jahren betont die Unia die Notwendigkeit einer solchen Industrie­politik. Und auch Peko-Präsident Bauer teilt diese Position. Tatsächlich lotet aktuell der Aargauer Regierungsrat zusammen mit dem Bund Möglichkeiten aus, GE zum Stellenerhalt zu bewegen.

Doch Bauer weiss auch: «GE ist masslos.» Jede steuerrechtliche Lücke werde genutzt, jede Subvention eingestrichen. Arbeitsplätze seien dabei eine Art Tauschmittel. Ein Beispiel sei das Vorgehen rund um den britischen Standort Stafford. GE drohte, das Werk zu schliessen, und erhielt daraufhin Subventionen, um es weiterlaufen zu lassen. Bauer: «Aber nur ein, zwei Jahre später wurde der Standort wieder angezählt. Und erneut wurde Geld gesprochen.» Aus der Erfahrung sei klar: Damit tatsächlich Stellen gerettet werden, müsse die Politik von vornherein eindeutige und wasserdichte Regelungen für den Erhalt der Standorte festlegen.

Womöglich muss General Electric aber mit Gegenwind von der eigenen Belegschaft rechnen. Als der Konzern bekanntgab, das Werk in Oberentfelden dichtmachen zu wollen, protestierten 300 Mitarbeitende mit der Unia gegen das Vorhaben (work berichtete). «Die Kolleginnen und Kollegen haben keine Angst mehr vor GE. Vielmehr fragen sich die Mitarbeitenden mittlerweile, welches Märchen ihnen jetzt wieder erzählt wird», meint Bauer. Entsprechend sei man zu allem bereit, was helfe, um Stellen zu retten. Auch zu einem Streik? Bauer: «Zu allem.»


6 Massenentlassungen in 5 Jahren:Chronologie der Zerstörung

GE: US-Konzern im Jobvernichtungs-Modus. (Foto: Keystone)

In die Schweiz kommt General Electric (GE) durch eine Übernahme. Der ins Schwanken geratene französische Transportkonzern Alstom verkauft zwischen 2014 und Ende 2015 seine Energiesparte für 9,7 Milliarden Euro an den US-Konzern. In der Schweiz arbeiten damit rund 5500 Beschäftigte für GE. Ihnen erklärt der damalige Bundesrat Johann Schneider-Ammann nach Gesprächen mit der Alstom-Spitze, dass ihre Stellen gesichert seien.

2016: GEBORCHENE VERSPRECHEN
Schon im Januar 2016 sind die Zusagen nichts mehr wert. In der Schweiz will GE mehr als 1300 Stellen vernichten. Das ist Teil ­eines europaweiten Abbauprogramms. Bundesrat Schneider-Ammann zeigt für den Konzern ein «gewisses Verständnis». Und so hält GE am Plan fest. Gut 900 Mitarbeitende werden bis Ende Jahr entlassen, viele weitere werden in die Frühpension geschickt, oder sie verlassen GE freiwillig. Immerhin: Im Konsultationsverfahren gelingt es Personalvertretung und Gewerkschaften, den Konzern zur Schaffung von 172 neuen Stellen zu verpflichten.

2017/2018: DER NÄCHSTE SCHLAG
Ende 2017 kündigt GE den nächsten Abbau an. Weltweit will der Konzern 12 000 Arbeitsplätze ­vernichten, davon 1400 in der Schweiz. Wieder ringen Gewerkschaften und Personalkommission um jede Stelle. Doch im Juni 2018 ist klar: In Baden AG werden 920 Stellen verschwinden, in Birr AG 230 und in Oberentfelden AG 50. Zwar spricht Schneider-Ammann im Oktober 2017 bei GE in den USA vor. Er kann dort aber wenig erreichen. Es rächt sich, dass der Bundesrat das Unternehmen nie zum Stellenerhalt verpflichtet hat.

2019: 400 WEITERE STELLEN VERSCHWINDEN
Bereits im Juni 2019 gibt der Konzern bekannt, abermals abbauen zu wollen. Diesmal sollen es 450 Stellen in Baden und Birr sein. Erneut wendet sich die Unia an den Bundesrat und fordert diesen auf, er solle «auch gegenüber transnatio­nalen Konzernen entschlossen auftreten, wenn diese sich wenig für den Erhalt der industriellen Substanz in der Schweiz interessieren». Das geschieht nicht.

2020: DREI MASSENENTLASSUNGEN
In diesem Jahr kündigte GE von September bis Dezember gleich drei Stellenvernichtungen an: 562 Arbeitsplätze weniger in Oberentfelden, 84 bei Gas und Power in Baden, 83 bei Steam ­Power und der GE-Tochter Fieldcore. Alle drei Abbauvorhaben befinden sich derzeit noch in der Konsultationsfrist. Und von ehemals 5500 Beschäftigten könnten im schlimmsten Fall weniger als 2000 übrigbleiben.

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