Riegers Europa

Streik in Italien: Fast der ganze Zug

Andreas Rieger

Andreas Rieger

Eine halbe Million Menschen streikten am 13. November in Italien. Frauen und Männer der «Multiservizi», die in Reinigungs- und Hausdiensten tätig sind, in Spitälern, Verwaltungen, Bildungs- und Kulturstätten. Die meisten sind im Stundenlohn angestellt und verdienen gerade mal 7 Euro. Seit sieben Jahren sind ihre Löhne und Zulagen eingefroren. Denn die Arbeitgeber weigern sich, den Gesamtarbeitsvertrag zu erneuern, der für 600’000 Arbeitende gilt. Mit Corona ist die Arbeit in diesen Berufen noch härter geworden: Die Mitarbeitenden sind ohne Unterbruch gefordert, müssen zusätzliche Reinigungen erledigen und sich dabei noch mehr schützen. In der Pandemie wurde erstmals sichtbar, wie unabdingbar diese Arbeit ist. Systemrelevant. Mehr Lohn oder Boni gibt es dafür dennoch nicht. Im Gegenteil: In den Spitälern bleibt die zusätzliche Arbeit zum Teil unbezahlt. Und gewissen Arbeitnehmenden kürzte man aus Spargründen gar die garantierte Stundenzahl. All das brachte das Fass zum Überlaufen.

Arbeit­geber in Italien weigern sich systematisch, die GAV zu erneuern.

UNSICHTBAR. 500’000 Menschen legten ihre Arbeit nieder. Trotz beginnender zweiter Coronawelle. Sie folgten einem Aufruf der drei grossen Gewerkschaften CGIL, UIL und CSIL. In über hundert Städten gingen sie auf die Plätze, um gegen die fehlende Anerkennung zu protestieren. «Invisibili e ultimi – mai più!»: Unsichtbar und immer erst zuletzt– nie wieder! Eine Demonstrantin brachte es auf den Punkt: «Man behandelt uns wie das fünfte Rad am Wagen. Wir behaupten nicht, wir seien der ganze Zug. Aber wir sind ein vollwertiger Teil von ihm.»

DURCHSICHTIG. Der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der «Multiservizi» ist nicht der einzige, der seit Jahren nicht mehr erneuert wurde. Italien hat zwar ein starkes Kollektivvertragssystem, mehr als 80 Prozent aller Arbeitnehmenden sind ­ihnen unterstellt. Und die nationalen Verträge werden auf der regionalen und schliesslich der Betriebsebene weiter ausgestaltet. Aber der italienische Arbeitgeberverband Confindustria und sein Präsident Carlo Bonomi weigern sich systematisch, nationale GAV zu erneuern. Sie wollen diese einfrieren und möglichst viel auf die betriebliche Ebene verlagern. Eine durchsichtige Taktik, denn dort sind die Gewerkschaften schwächer.

Andreas Rieger war Co-Präsident der Unia. Er ist in der europäischen Gewerkschafts­bewegung aktiv.

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