12-Tage-Streik zwingt französischen Elektrokonzern an Verhandlungstisch
«Wir kämpfen bis ans bittere Ende»

Die Kondensatorenfabrik Leclanché Capacitors Sàrl aus Yverdon soll schliessen. Trotz vollen Auftragsbüchern und Staatshilfen.

NICHTS ZU VERLIEREN: Die Beschäftigten mussten zweieinhalb Wochen streiken bis zum ersten Etappenziel. Endlich sind die Verantwortlichen zu echten Verhandlungen bereit. Das kantonale Einigungsamt beaufsichtigt die Gespräche. (Foto: Unia)

Es sei «der härteste Konflikt», den die Stadt in letzter Zeit gesehen habe. So lautet die Zwischenbilanz der Zeitung «La Région» aus Yverdon VD zum Arbeitskampf bei Leclanché Capacitors. In der Kondensatorenfabrik traten am 30. September 12 von 17 Mitarbeitenden in einen unbefristeten Streik. Um endlich echte Verhandlungen über die angekündigte Werkschliessung zu erreichen. Für dieses Etappenziel mussten die Streikenden zweieinhalb Wochen durchhalten. Am 16. Oktober war es endlich so weit. Unter Aufsicht des kantonalen Einigungsamtes begannen Verhandlungen. Mit welchem Resultat, war bei Redaktionsschluss noch offen. Und damit auch, ob die Büezerinnen und Büezer eine zweite Streikphase einläuten werden. Möglich wäre es. So sagte ein Streikender zur welschen Unia-Zeitung «L’Evénement syndical»: «Wir kämpfen bis ans bittere Ende, denn verlieren können wir nichts mehr.»

VORSCHLÄGE «WEGGEFEGT»

Tatsächlich soll Leclanché Capacitors – nicht zu verwechseln mit dem grösseren Batterienhersteller Leclanché SA – nach 101 erfolgreichen Jahren geschlossen und die Produktion nach Norddeutschland verlagert werden. Das will der börsenkotierte französische Elektrokonzern Mersen. Er hatte das Traditionsunternehmen erst 2018 aufgekauft. Umso überraschender kam der Schliessungsentscheid. Zumal die Auftragsbücher für das nächste Quartal laut Belegschaft voll sind. Und weil die Firma über Monate von Kurzarbeit profitierte. Und zudem vom Kanton 100’000 Franken erhalten hatte – ausgerechnet aus einem Industriefonds zur Sicherung von Arbeitsplätzen! Nun aber foutiert sich Mersen um all das. Ersatzstellen könne man allenfalls in Frankreich oder Deutschland anbieten, liess der Konzern verlauten. Kommt nicht in Frage, sagen die Betroffenen. Weshalb sie gemeinsam mit der Unia Pläne zur Standortrettung vorlegten. Und sogar einen potentiellen Fabrikkäufer fanden. Doch davon wollte Mersen bisher nichts wissen. Dazu Gewerkschafterin Nicole Vassalli: «Kaum gelesen, wurden unsere Vorschläge einfach weggefegt.» Und ein Streikender sagte: «Wir haben der Direktion gezeigt, dass wir sehr gut ohne Mersen weiterfahren könnten und sogar einen Käufer hätten. Doch sie wollen das aus Prinzip nicht. Im Namen des Profits und des Kapitalismus wollen sie uns opfern.»

LIQUIDATOR GEGEN DIREKTOR

Bei solchen Spielchen wollte Leclanché-Direktor Stephen Fugate übrigens nicht mitmachen. Mersen ersetzte ihn deshalb kurzerhand durch den berüchtigten Firmenliquidator Laurent Dousselin. Der Experte für so­genannte Restrukturierungen hat schon einige Konflikte ausgefochten. Teils mit unangenehmen Konsequenzen. So 2010, als er bei Lyon ein Stahlwerk schliessen sollte, die Büezer sich aber nicht nur mit Streik wehrten, sondern auch mit «Bossnapping»: Dousselin und drei weitere Manager wurden im bestreikten Werk kurzerhand eingesperrt und kamen erst nach 36 Stunden Fabrikluft wieder frei.

GSCHÄMIGE ANGEBOTE

So weit werden die Waadtländer wohl kaum gehen. Arbeiter Bernard Laclan* erklärt: «Auch wenn Mersen von Beginn weg sehr aggressiv auftrat und uns allen mit der fristlosen Entlassung drohte, bleiben wir friedlich.» Sein Kollege Boris Morat* ergänzt: «Auf keinen Fall lassen wir uns einfach abservieren, wir geben nicht auf und kämpfen für unsere Arbeitsplätze.» Und wenn das nicht funktioniere, dann solle Mersen wenigstens einen anständigen Sozialplan bezahlen. Denn das, was der Konzern bisher offerierte, ist schlicht gschämig: Viele würden mitten in der Coronakrise mit bloss zwei Monatslöhnen abgespeist. Ein Arbeiter mit fünf. Er ist 56 Jahre alt und arbeitet seit 31 Jahren für Leclanché.

Stand zu Redaktionsschluss am Dienstag, 20. Oktober 2020.

UPDATE: Die Entschlossenheit der Streikenden zahlt sich aus: Am 22. Oktober einigten sich die Unia, eine Delegation der Beschäftigten und die Mersen-Gruppe auf einen stark verbesserten Sozialplan. Alle Angestellten des Unternehmens erhalten nun – gemessen am Dienstalter – eine Abfindung zwischen fünf und 15 Monatslöhnen. Dazu hat sich das Unternehmen verpflichtet, den älteren Angestellten die vollen Beiträge an die berufliche Vorsorge zu bezahlen. Plus eine zusätzliche Entschädigung für Eltern mit Betreuungspflichten

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