Wie bricht man ein AKW ab? Mühleberg-Elektriker Peter Kauz betritt Neuland:

Vorher gab’s Checklisten, jetzt Überraschungen

Christian Egg

Das ist eine Schweizer Premiere: ein Atomkraftwerk abreissen. Elektriker Peter Kauz packt mit 64 die Herausforderung an.

UMGEDREHT: Statt den Atommeiler am Laufen zu halten, arbeiten die Mitarbeitenden in Mühleberg jetzt am sogenannten Rückbau. (Foto: Manuel Stettler)

Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit. Nach dieser Maxime hat Peter Kauz 40 Jahre lang gearbeitet. Denn an seinem Arbeitsplatz, dem Atomkraftwerk Mühleberg BE, können Fehler fatale Folgen haben. Der 64jährige Elektriker sagt: «Wenn ich in der Anlage ein Kabel oder einen Schalter ersetzte, nahm ich mir oft eine Stunde Zeit, um nochmals alles zu checken. Es zählte die Qualität, nicht die Geschwindigkeit.»

Das ist jetzt anders. Im vergangenen Dezember stellte die Betreiberin BKW Mühleberg ab, im Januar begann der Abbruch. Natürlich gehe auch dieser wohlüberlegt vor sich, betont Unia-Mitglied Kauz. «Aber wenn wir jetzt etwas demontieren und eine Ecke geht kaputt, ist das nicht mehr massgebend.»

Elektriker Peter Kauz. (Foto: ZVG)

NEULAND

Wie bricht man ein AKW ab, ohne dass Radioaktivität in die Umwelt gelangt? Bei der BKW dafür verantwortlich ist Stefan Klute, Projektleiter für die Stilllegung. Zwar profitiere man von den Erfahrungen in Deutschland, Spanien oder Schweden, wo derzeit auch Anlagen abgebaut würden, so Klute: «Da suchen wir uns die Puzzlestücke raus, die am besten zu Mühleberg passen.» Trotzdem betrete man Neuland, was von allen Mitarbeitenden ein Umdenken erfordere. Der BKW-Mann sagt es so: «Während des Betriebs gab es für alles Checklisten. Jetzt muss man mit Überraschungen rechnen.»

Zum Beispiel, als man auf dem Gelände einen Tank demontiert habe und darunter eine asbesthaltige Fuge zum Vorschein gekommen sei. Die Folge: Baustop und eine Spezialfirma engagieren.

15 Jahre soll es dauern, bis der letzte Rest von Mühleberg verschwunden ist. Bisher liege man gut im Zeitplan, sagt Klute. Die radioaktiven Brennelemente habe man vom Reaktor ins Lagerbecken transportiert. Dort müssen sie weiter gekühlt werden, erst in vier Jahren wird der letzte Brennstab Mühleberg verlassen und ins Zwischenlager in Würenlingen AG gebracht. Ein Endlager für Atommüll gibt es immer noch nicht (siehe Artikel unten).

Parallel dazu räumt die BKW das Maschinenhaus leer. Dort, wo vorher Generatoren den heissen Dampf aus dem Reaktor zu Strom machten, hat sie bis jetzt knapp 2000 Tonnen Material demontiert und abtransportiert.

Von den 300 Mühleberg-Mitarbeitenden sind fast alle für die Jahre des Abbruchs geblieben.

TIEFERE LÖHNE

Derzeit arbeiten rund 300 Menschen in Mühleberg. Etwa gleich viele wie während des Betriebs. Fast alle sind geblieben, etwa 50 haben sich umschulen lassen. Projektleiter Klute: «Unser Ziel ist es, möglichst viele Arbeiten mit eigenen Leuten auszuführen. Denn die kennen die Anlage am besten.» Er sagt aber auch: Früher habe es viele Inge­nieurinnen und Ingenieure gebraucht, künftig sei mehr Handwerk gefragt. Mit entsprechend tieferen Löhnen.

Peter Kauz blieb. Vor zwei Jahren fragte ihn die BKW, ob er nicht ins Demontage-Team wechseln wolle. Er wollte. Obwohl er Anfang nächsten Jahres pensioniert wird. Er sagt: «Es hat mich gereizt, noch etwas ganz Neues zu machen.» Jetzt kümmert er sich um die Sicherheit seiner Kollegen. Sorgt etwa dafür, dass ein Geländer gebaut wird, wenn an ­einer Stelle ein Abgrund entsteht, wo ein Bauteil bereits demontiert wurde.

Dass er jetzt seinen eigenen Arbeitsplatz langsam verschrottet, stört ihn nicht: Als er hier angefangen habe, sei man von einer AKW-Laufzeit von 40 Jahren ausgegangen. «Ich habe eigentlich nicht damit gerechnet, den Rest meines Berufslebens hierzubleiben.»


Für die Kosten hofft der Bund auf Erträge am FinanzmarktAtommüll-Endlagerung: Alles unklar

969 ging das erste Schweizer AKW ans Netz. Und schon fast so lange drücken sich Atomwirtschaft und Politik um die Frage, was mit dem radio­aktiven Abfall passieren soll.

WACKLIG: Jahrzehntelang kassierten die AKW-Betreiber. Zahlen sie jetzt die Müll-Entsorgung? (Foto: Keystone)

Das Versprechen war klar. Der Bundesrat legte es 1978 sogar in einem Bundesbeschluss fest: Bis im Jahr 1985 muss gewährleistet sein, dass radioaktiver Abfall «dauernd und sicher» in einem Endlager entsorgt werden kann. Sonst gebe es ab dann keine Betriebsbewilligung mehr für die fünf Schweizer AKW.

Es kam anders. Heute laufen vier AKW immer noch, Mühleberg wird stillgelegt (siehe Text oben). Und die Schweiz hat noch immer kein Endlager für Atommüll. Es ist noch nicht einmal klar, wo es gebaut werden soll.

REICHT DAS GELD?

Genauso unklar ist, ob das Geld für die Entsorgung ausreicht. Zwar müssen die AKW-Betreiberinnen in zwei Fonds einzahlen, die dereinst Stilllegung und Entsorgung bezahlen sollen. 8,5 Milliarden Franken liegen derzeit dar­in. Doch die Gesamtkosten, so die Schätzung des Bundes, werden bei 22,2 Milliarden liegen.

Alles im grünen Bereich, sagen der Bund und die AKW-Firmen. Denn die Beiträge würden weiter fliessen. Zudem würden die Fonds am Finanzmarkt 11 Milliarden Erträge erwirtschaften, bis das Geld gebraucht werde. Simon Banholzer, Atomspezialist von der Schweizerischen Energiestiftung, teilt diesen Optimismus nicht. Der Bund gehe davon aus, dass die Fonds auf ihrem Kapital jährlich 2,1 Prozent Rendite erzielen könnten. Das sei «ziemlich optimistisch». Zum Vergleich: Der Mindestzinssatz für Pensionskassen liegt seit bald vier Jahren bei einem Prozent.

Zudem, so Banholzer: «Was ist, wenn in 10 Jahren AKW-Betreiberinnen wie Alpiq oder Axpo gar nicht mehr existieren, weil sie konkursgegangen sind?» Zwar müssten in einem solchen Fall die anderen Betreiber solidarisch haften. Aber wenn sie die Kosten nicht stemmen können, muss die Bundeskasse einspringen. Das heisst: wir alle.

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