1x1 der Wirtschaft

Macht und Bildung: Was die Schweiz vor Ungleichheit schützt

David Gallusser

David Gallusser ist Ökonom beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB)

In der Schweiz hat sich seit 1980 die Einkommensschere geöffnet. Die obersten 0,1 Prozent konnten ihr ­Einkommen kaufkraftbereinigt um 43 Prozent steigern (siehe Grafik) – heute gehört man mit 1,3 Millionen Franken Jahreseinkommen dazu. Das ist deutlich mehr als bei den tiefen und mittleren Einkommen. So ist das höchste Einkommen der untersten 10 Prozent (derzeit 22’600 Franken) nur um 23 Prozent gewachsen. Diese Entwicklung ist besorgniserregend. Und trotzdem erscheint sie geradezu harmlos im Vergleich zum Anstieg der Ungleichheit in den USA, wo die obersten 0,1 Prozent ihre Einkommen mehr als verdreifacht konnten, während die untersten 10 Prozent heute einen Fünftel weniger zum Leben haben als noch 1980.

(Quelle: World Inequality Database (Zucman et al. 2016, Blanchet et al. 2020))

WICHTIGE BERUFSBILDUNG. Ein wich­tiger Grund für den geringeren Anstieg der Ungleichheit ist das Schweizer Bildungssystem. Im Gegensatz zu den USA können bei uns weite Kreise von einer guten Bildung profitieren. Die ­Berufslehre und die höhere Berufs­bildung sorgen dafür, dass auch ­Arbeitnehmende ohne Uni-Abschluss gut auf die Anforderungen in der ­Arbeitswelt vorbereitet sind und wirtschaftlich nicht abgehängt werden. Mindestens so wichtig wie die Bildung ist die Macht der Normalverdienenden gegenüber den Firmen und Managern. Institutionen, die diese Macht stützen, wurden in den USA über die letzten Jahrzehnte geschwächt.

MINDESTLÖHNE UND GAV. Besonders die sinkenden Mindestlöhne und die Mitgliederverluste der US-amerikanischen Gewerkschaften haben den ­unteren und mittleren Löhnen schwer zugesetzt. Dagegen konnten die ­Gewerkschaften in der Schweiz in der gleichen Zeit mehr Gesamtarbeitsverträge erkämpfen. Zugleich wurden die meisten Angriffe auf Arbeitnehmendenrechte und Sozialversicherungen abgewehrt. Zurücklehnen können wir uns deswegen aber noch lange nicht. Dank aggressiven Gewinnsteigerungen und Boni-Kultur konnten sich auch hiesige Aktionäre und Kader immer mehr bereichern. Und Angriffe auf den Lohnschutz und die Renten gehören leider nach wie vor zur Tagesordnung. Eine Trendwende zu weniger Ungleichheit können wir dies- und jenseits des Atlantiks nur erreichen, wenn sich wieder mehr Beschäftigte gemeinsam für bessere Einkommen starkmachen.

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