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Kioskverkäuferin Giulia Bezio: «Jeder Kiosk hat eine eigene Dynamik»

Anne-Sophie Zbinden

Giulia Bezio steht in ihrem Kiosk tagtäglich einem Spiegel der Gesellschaft gegenüber.

KIOSKFRAU. Von A wie Auskunft bis Z wie Zundhölzli: Das alles gibt’s bei Giulia Bezio. (Foto: Matthias Luggen)

«Wir sind Bank, Telecom, Post und Auskunftsbüro, alles in einem!» sagt Giulia Bezio (20). Hauptsächlich verkauft sie zwar Dinge wie Schleckzeug, Kaugummi oder Heftli in einem Valora-Kiosk in einem Einkaufszentrum. Doch ihre Aufgaben als Verkäuferin sind vielfältig: Bevor sie morgens den Kiosk für die Kundinnen und Kunden öffnet, legt sie Zeitungen und Magazine bereit, etikettiert neue Ware und räumt sie in die Regale, zählt das Geld der Lösli vom Vortag ab und schaut, dass die Werbung richtig plaziert ist. Giulia Bezio streicht eine Dreadlock-Strähne hinters Ohr und lacht: «Nein, langweilig wird es mir nicht! Und ich erfahre immer wieder Neues, was wir am Kiosk auch noch anbieten.» Denn neben diesen eher klassischen Kiosk-Aufgaben gibt Bezio Modems raus, verkauft SIM-Karten, Fernbedienungen, nimmt Päckli entgegen (etwa Firmen-Rücksendungen). Und sie ist auch so etwas wie eine Bank: bei ihr können Kundinnen und Kunden Prepaid-Karten kaufen oder Geld beziehen.

VIELE GEDANKEN. Erzählt Bezio anfangs noch etwas zurückhaltend, wird sie sehr lebhaft, sobald es um die Kundschaft geht, um die Menschen: «Das Schöne an meinem Job sind die vielfältigen Kontakte.» Jeder ­Kiosk habe eine eigene Dynamik. Eine Zeitlang arbeitete sie in einem Bahnhofkiosk. Auch dort gebe es zwar Stammkunden, doch gerade in den Stosszeiten sei die Zeit für Gespräche natürlich sehr knapp. Die meisten möchten einfach noch schnell ihre Zigaretten, ihren Kaffee oder ihren Energy-Drink mit in den Tag nehmen. ­Bezio sagt: «Als Kioskverkäuferin stehe ich täglich einem Spiegel der Gesellschaft ­gegenüber, begegne Frauen und Männern jeglichen Alters, Einkommensschichten, Kulturen.» Sie könne sich viele Gedanken machen über die Menschen und ihre Reaktionen. Zum Beispiel zu den Auswirkungen der Pandemie: «Am Kiosk habe ich bemerkt, dass viele Leute durch Corona einsamer geworden sind.» Und sie hofft, dass Verkäuferinnen, Pflegerinnen oder Betreuerinnen, also schlechtbezahlte Frauenberufe, jetzt endlich mehr Wert für die Gesellschaft erhielten. Bezio: «Ich finde, der Wert der Arbeit sollte daran gemessen werden, wie viel sie der Gesellschaft nützt.»

SCHLECKSTENGEl, HEFTLI, LOTTO & CO.: Mit Giulia Bezio den grossen Lottogewinn machen! Wenn nicht, reicht’s bestimmt für etwas Süsses. Und work hat einen Gastauftritt am Kiosk. (Fotos: Matthias Luggen)

OFFENES OHR. Interessant auch Bezios Begegnungen mit den verschiedenen Generationen: «Ältere Menschen, sagen wir mal über 70, sind in aller Regel höflich und respektvoll und haben ein Gspüri dafür, dass sich die Zeiten geändert haben.» Da war beispielsweise diese ältere Frau, die sich nicht sicher war, ob sie ein Papier-Sachet annehmen durfte wegen der Umwelt. Aber viele Leute ungefähr Mitte 50 hätten dieses Gspüri weniger. Bezio: «Sie erwarten, dass alles jederzeit einwandfrei funktioniere. Vielleicht liegt das daran, dass sie in eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs hineingeboren wurden.» Oder da ist diese gehörlose Frau, die sich klarer ausdrücken könne als viele, die sprechen könnten. «Das hat mich motiviert, ein paar Worte in Gebärdensprache zu lernen!» Und dann gibt es viele Kundinnen und Kunden, die einfach froh sind, dass Bezio ihnen hilft und auch mal ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte hat. «Da erfahre ich viel Dankbarkeit, das ist schön.»

Weniger erfreulich seien Kundinnen und Kunden, die weder «Hallo» noch «Bitte» noch «Merci» sagten. Da frage sie sich manchmal schon, ob diese Leute keine Höflichkeit gelernt hätten. «Das macht mich manchmal richtig hässig.» Unangenehm auch jene Leute, die ihren Frust und ihre schlechte Laune am Kiosk deponieren.

KLARES ZIEL. Wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen hat auch Bezio keine Ausbildung im Verkauf. Sie hat die Fachmatura erlangt. Danach musste sie arbeiten, um Geld für ihr Studium auf die hohe Kante legen zu können. Seit September studiert Bezio jetzt Soziale Arbeit in Bern und arbeitet deshalb nur noch zwei Tage pro Woche im ­Kiosk. Bezio: «Ich muss Geld verdienen, um mir das Studium zu finanzieren und um zu leben. Viele meiner Mitstudierenden arbeiten, um in die Ferien zu fahren oder Markenkleider zu kaufen, ich kann mir das nicht leisten.» Bezio studiert mit einem klaren Ziel: «Ich möchte Leuten helfen, Krisen zu bewältigen.» Als Bewährungshelferin oder im Sozialdienst. Sie findet es schön, dass man in diesem Beruf weniger ersetzbar ist. «Klar kommen die Leute auch deshalb zum Kiosk, weil sie mich mögen. Aber in der sozialen Arbeit zählen meine Persönlichkeit und meine Gedanken viel mehr.» Giulia Bezio ist es wichtig, einen Beitrag an die Gesellschaft zu leisten: «Als Kind habe ich davon geträumt, den Friedensnobelpreis zu gewinnen.» Überhaupt spielt politisches Engagement in Bezios Leben eine wichtige Rolle: Sie ist Mitgründerin der Kommunistischen Jugend Bern, ist aktiv im Frauenstreikkollektiv Thun und Mitglied der Unia-Jugend. Bezio: «Ich bin ein grosser Fan der Gewerkschaften. Es braucht schlagkräftige Organisationen, welche die Sache der Arbeitenden verteidigen.»


Giulia BezioPolitische Boxerin

Giulia Bezio (* 2000) ist in Thun auf­gewachsen. Bezio stammt aus einer Arbeiterfamilie, die Grosseltern kamen als Saisonniers aus Italien in die Schweiz. Ihre Mutter hat sie und ihre Schwester alleine grossgezogen. Das alles habe ihr Denken stark geprägt. Sie weiss, was es heisst, wenn das Geld nicht bis zum Ende des Monats reicht. Deshalb hatte sie als Kind manchmal das Gefühl, dass viel Geld sie glücklich machen würde. Ihre Schwester habe ihr dann aber gezeigt, dass es nicht primär um sich selber gehe. Überhaupt, die grosse Schwester: «Sie ist mein Vorbild, für mich die stärkste Frau der Welt.» Und hat Bezio gelehrt: Wenn sie alleine viel verdiene, helfe das vielleicht der Familie, wenn aber alle Arbeiterinnen und Arbeiter mehr verdienten, helfe das der Gesellschaft als Ganzes.

RAPPERIN. Bis vor zwei Jahren hat Bezio Leistungssport gemacht, Boxen. Doch das politische Engagement ist ihr jetzt wichtiger. Und als Frau sei der Boxsport schwierig. Sie konnte nie an einem Wettkampf teilnehmen, weil es zu wenig Frauen gibt.
Und Bezio macht Rap, das ist ihr Ventil. Aber (noch) nicht für Publikum. «Ich rappe mit meinen Freunden, wie’s grad kommt.»

Giulia Bezio ist Unia-Mitglied und verdient als ­Kioskverkäuferin 21 Franken pro Stunde netto.

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