Bärtschi-Post

Die Briefträgerin & ein Arbeitstag

Katrin Bärtschi

Katrin Bärtschi ist Briefträgerin in Bern und Gewerkschafterin.

Am frühen Morgen las die Briefträgerin zum x-ten Mal auf dem Monitor im Bus, dass Koalas pro Tag zwanzig Stunden schlafen. Um Energie zu sparen. Weil sie sich fast ausschliesslich von Eukalyptusblättern ernähren, die wenig Energie liefern, aber lange verdaut werden müssen. Zum x-ten Mal freute sich die Briefträgerin über diese Information, war gerührt und dachte: «Die Eukalyptusbäume würde es nicht freuen, doch wenn die Menschen wären wie diese drolligen Koalas, die Welt wäre ein gemütlicherer Ort.» Im Stollen angekommen, sah sie, dass wenig «Ware» zu verarbeiten war, weshalb eine ausgelassene Stimmung herrschte. Die Zustellerinnen und Zusteller schwärmten zeitig aus.

«Wenn die Menschen wären wie Koalas, wäre die Welt ein gemütlicherer Ort.»

PYJAMA. Herr Hünerwadel erhielt ein Kleinpaket vom Spezialitätenmetzger. Der Professor nahm wieder im klassischen Pyjama seine Sendungen entgegen. Und wieder dachte die Briefträgerin an einen Hörsaal und dass die Studierenden den Dozenten nie so sahen wie sie. Die Nervenärztin erhielt einen Brief von work. Der alte Brunnen unter den dunklen Linden plätscherte und strömte wie in einer andern Zeit und einer andern Welt. Wo fliessen denn noch Brunnen, ausser in der touristischen Innenstadt?

EHRENSACHE. Der Briefkasten von Frau L. war noch immer überfüllt. Doch schwante der Briefträgerin nichts Schlimmes. Frau L. war vielleicht in den Ferien oder erwartete keine erfreuliche Post. In der Nummer 63 wohnt kein Herr T. Die Sortiermaschine in Härkingen hatte sich geirrt, was erstaunlich selten vorkommt. Herr T. wohnt in der 53. Einen Brief, von Hand adressiert und mit einer A-Post-Marke versehen, zu wenden und ihn an den richtigen Bestimmungsort zu bringen, ist Ehrensache!

Die Kastenanschriften der WG in der 34 sind besonders un­leserlich. Die Briefträgerin klingelte, um einen Namen zu erfragen. Eine junge Männerstimme antwortete. «Danke für den Hinweis, wir erneuern die Namen», tönte es geschliffen. «Der wird sicher mal Politiker. Oder Bilderbuch-Vorgesetzter», dachte die Briefträgerin auf dem Rückweg. Im Bunker dann eine immer noch fröhliche Brigade. Es war ein guter Morgen. Es ist ein schöner Beruf.

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