worktag

Valentina Kastrati, Teamleiterin Unia-Arbeitslosenkasse: «Jedes Dossier erzählt eine andere Lebensgeschichte»

Anne-Sophie Zbinden

Valentina Kastrati ist Teamleiterin bei der Unia-Arbeitslosenkasse. Sie sieht in ihren Versichertenakten nicht nur die Zahlen, sondern die Menschen dahinter.

Wegen Corona: Valentina Kastrati (27) und ihr Team haben in den nächsten Monaten viel zu tun. (Foto: Franziska Scheidegger)

«Ich bin ein Unia-Kind!» sagt Valentina Kastrati (27). Ihr Vater war einst Saisonnier auf dem Bau. Und ist seit den 1990er Jahren Gewerkschafter. Zuerst bei den Unia-Vorgängerorganisationen, dann als Unia-Sekretär der Region Berner Oberland und Emmental. Kastrati: «Darum kenne ich die Unia, seit es sie gibt.» Bei ihr zu Hause war Gewerkschaftsarbeit denn auch häufig Thema. Und so war es naheliegend, auf der Suche nach einer Lehrstelle bei der Unia anzuklopfen. Kastrati: «Dass ich dann aber genau in der gleichen Sektion wie mein Vater meine Lehre als kaufmännische Angestellte absolvieren konnte, war schon speziell.» Es sei nicht immer einfach gewesen – Vater und Tochter am gleichen Arbeitsplatz. Aber sie hätten das gut gemeistert. In der Lehre lernte Kastrati auch die Arbeitslosenkasse der Unia kennen. Sie ist die grösste Schweizer Arbeitslosenkasse. «Ich habe schon damals Gefallen an dieser Arbeit gefunden.»

LEBENSGESCHICHTEN. So trat Valentina nach dem Lehrabschluss ihre Stelle bei der Unia-Arbeitslosenkasse Bern an. Zunächst als Sachbearbeiterin. Seit 2018 ist sie stellvertretende Standortleiterin. Kastrati sagt: «Ich finde, es fägt immer noch gleich wie vor sechs Jahren, als ich hier angefangen habe.» Auch deshalb, weil sie sich in dieser Zeit weiterentwickelt und neue Aufgaben übernommen habe. Sie begann als Sachbearbeiterin, wofür sie in den ersten eineinhalb Jahren eine interne Ausbildung machte, und bildete sich danach zur eidgenössisch diplomierten Sozialversicherungsfachfrau weiter. Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit ist die Anspruchsprüfung. Diese beginnt, wenn sich jemand beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) anmeldet und sich für die Unia-Arbeitslosenkasse entscheidet. Dann vervollständigt sie die Dossiers, prüft die Ansprüche auf Arbeitslosenentschädigung, berechnet den versicherten Verdienst, kontrolliert, ob es Einstelltage gibt, und macht die monatlichen Auszahlungen.

VERANTWORTUNGSVOLLER JOB: Valentina Kastrati sorgt dafür, dass die Versicherten ihre Arbeitslosenentschädigung rechtzeitig erhalten.

DIREKT INS HERZ. Valentina Kastrati gefällt ihre Arbeit, weil sie sehr vielfältig ist. Man könne keinen Fall mit dem anderen vergleichen. «Jedes Dossier erzählt eine andere Lebensgeschichte.» Im Team hätten sie sich die Dossiers alphabetisch nach den Namen der Versicherten aufgeteilt. Wenn sie die Dos­siers eines Buchstabens über eine gewisse Zeit betreue, dann habe sie das Gefühl, die Leute zu kennen, obwohl sie sie nie getroffen habe. «Ich habe dann jeweils Mühe, wenn ich meine Dossiers abgeben muss.»

Kastrati führt ein Team von vier Mitarbeitenden. Diese unterstützt sie bei fachlichen Fragen, aber auch in schwierigen Si­tuationen. Kastrati: «Wir haben einen sehr verantwortungsvollen Job. Die Versicherten sind auf unser Fachwissen angewiesen. Sie vertrauen darauf, dass wir unsere Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen erledigen und auch in einem gewissen Tempo, damit sie ihr Geld rechtzeitig erhalten.» Denn wer mit dem Lohn gerade mal so über die Runden komme, könne nicht wochenlang auf die Auszahlung der Taggelder warten.

Die allermeisten Versicherten seien höflich. Aber es komme schon auch zu aufwühlenden Situationen, in denen Leute traurig oder wütend seien. Meistens seien das Leute, die nicht mehr weiterwüssten, weil sie Miete, Versicherungen und Lebensmittel nicht mehr bezahlten könnten und trotzdem auf die Arbeits­losenentschädigung warten müssten. Kastrati: «Mit diesen Schicksalen umzugehen ist ein Teil unseres Jobs.» Sie versuchten, wenn immer möglich, kulant zu sein. Aber häufig seien ihnen die Hände gebunden, weil sie sich an die Gesetze halten müssten. Sie selbst habe gelernt, sich abzugrenzen. «Am Anfang konnte ich das noch nicht, da gingen mir diese Fälle direkt ins Herz und in die Seele. Doch dann habe ich gelernt, mich zu schützen.» Zum Glück sei der Umgang mit diesen schwierigen Situationen auch Teil der Ausbildung. «Wir hatten einen Kommunikations­kurs, bei dem wir gelernt haben, am Schalter und am Telefon mit Menschen umzugehen, die mit starken Emotionen zu uns kommen.»

Emotional waren auch die vergangenen Corona-Monate. «Von einem Tag auf den anderen mussten wir drei der insgesamt fünfzehn Mitarbeitenden für die Bearbeitung der Kurzarbeitsanträge abdelegieren.» Wegen Corona hätten sie jetzt auch drei neue Mitarbeitende im Team. Denn bis jetzt sei die Zahl der Anträge noch knapp zu bewältigen. Aber es werden weitere Entlassungswellen erwartet. Deshalb müssten sie sich darauf vorbereiten, dass die Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten steigen werde.

Valentina Kastrati war während desLockdowns im Homeoffice. Doch das sei gar nicht ihr Ding, ihr hätten die Kontakte zu ihren Kolleginnen und Kollegen im Büro gefehlt. «Als ich dann am 9. Juni endlich wieder ins Büro durfte, ging für mich die Sonne auf!»


Valentina KastratiKreative Köchin

Valentina Kastrati (27) ist in Langnau im Emmental aufgewachsen. Heute lebt sie zusammen mit ihrem Mann in Zollikofen BE. In ihrer Freizeit verbringt sie möglichst viel Zeit mit ihrer Familie und mit Freundinnen. Um sich zu entspannen, kocht sie gerne, auch Experimentieren gehört dazu. Valentina Kastrati ist Unia-Mitglied.

KOSOVO-REISEN. Vor Corona reiste sie bis zu fünf Mal pro Jahr nach Kosovo, wo ein Teil ihrer Familie lebt. Kastrati: «Normalerweise ging ich einmal für längere Zeit, so zwei bis drei Wochen, und dann noch einzelne Tage.» Doch jetzt sei sie im September 2019 das letzte Mal dort gewesen. «Das ist schon hart.»

NIE AUFHÖREN. Die Arbeit sei vielleicht nicht grad ihr Leben, aber schon ein sehr wichtiger Teil davon, sagt Valentina ­Kastrati. «Mein Job gibt mir Halt.» Deshalb könne sie sich nicht vorstellen, weniger als 100 Prozent zu arbeiten. Nur wenn sie dann Kinder habe, wolle sie reduzieren. Aber gar nicht mehr arbeiten? «Bestimmt nie!»

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.