Jean Ziegler ‒ la suisse existe

Die Konzern-Mogule zittern jetzt

Jean Ziegler
Jean Ziegler

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Wie kleine, verängstigte Tiere laufen Jungen und Mädchen durch die von Abfallbergen gesäumten Strassen von Goma, der kongolesischen Metropole in Nord-Kivu, nahe der ruandischen Grenze. Viele von ihnen sind verletzt oder versehrt, einige sitzen in Rollstühlen. Ihnen ist es gelungen, aus den Kobalt- und Coltan-Minen der Region zu fliehen.

Sie wagen es nicht, in ihre Heimatdörfer zurückzugehen, weil ihre Familien sie – um selbst zu über­leben – an die Minenbarone und deren Rekrutierer verschachert haben. In Goma fürchten sie sich vor Milizionären, die Jagd auf alle Flüchtigen aus den Minen-Enklaven machen. In zerschossenen Häusern suchen sie Unterschlupf. Zum Überleben betteln sie auf dem Gemüsemarkt. Nie in meinem Leben werde ich die verzweifelten Blicke, die Angst dieser gejagten Kinder vergessen.

Nie in meinem Leben werde ich
die verzweifelten Blicke dieser
gejagten Kinder vergessen.

KONZERNVERANTWORTUNG. Vor wenigen Tagen hat in der Schweiz die Kampagne zur Konzernverantwortungsinitiative begonnen. Abgestimmt wird am 29. November. Allein die Konzerne Glencore und Syngenta haben angekündigt, dass sie mit 8 Millionen Franken die Initiative bekämpfen werden.

Was verlangen die Initianten, die 120 Nicht­regierungsorganisationen, Gewerkschaften und Kirchen? Transkontinentale Konzerne und ihre Zulieferer sollen sich zur Einhaltung der Menschenrechte und der Umweltschutznormen verpflichten. Verstossen sie dagegen, können die Opfer Schadenersatz verlangen. Vor Schweizer Gerichten.

Wenn die Kommunikationsfritzen von Glencore in Zug behaupten, ihr Konzern erlaube keine Kinderarbeit, dann kann das sogar stimmen. Aber Coltan zum Beispiel wird in ganz engen Schächten, in brüchigem Gestein gefördert. Nur die schmalen Körper von Kindern können in die zwanzig oder mehr Meter tiefen Schächte herabgelassen werden. Diese Minen werden von einheimischen Unternehmern und ihren Milizionären betrieben, die keinen Zugang zum Weltmarkt haben. Über diesen Zugang verfügen nur die transkontinentalen Privatkonzerne. Ihre Agenten kaufen in Nord-Kivu das sogenannt handwerklich geförderte Erz auf. Es wird dann mit dem von den Konzernen selbst geförderten, sogenannt industriell geförderten Coltan vermischt und über die Atlantikhäfen Angolas oder über Kenia und die Häfen des Indischen Ozeans exportiert. Die Abnehmer sitzen im Westen, in Japan und den USA. Sie verarbeiten das wertvolle Metall unter anderem in Handys oder Flugzeug­rümpfen.

DIE WICHTIGSTE ABSTIMMUNG. Die über 700 in der Schweiz ansässigen transkontinentalen Privatkonzerne sind eine Weltmacht. Mehr als die Hälfte dieser Konzerne gehören ausländischen Kapitalisten.

Die Abstimmung über die Konzernverantwortungsinitiative vom 29. November wird sicherlich eine der wichtigsten der letzten Jahrzehnte werden. Sie wird zeigen, ob eine demokratische Mehrheit die mörderische Profitsucht brechen kann. Der 29. November wird damit zur einzigen Hoffnung der geschundenen Kinder von Goma.

Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein neustes Buch ist: Die Schande Europas. Von Flüchtlingen und Menschenrechten.

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