Neue Statistiken aus dem Vereinigten Königreich

Pflegende leben am gefährlichsten

Christian Egg

Pflege, Lebens­mittelindustrie und ­Securitybranche: ­Mitarbeitende haben dort ein besonders hohes Risiko, sich mit Corona zu infizieren.

RISIKO-JOB: In Pflegeberufen starben mehr als doppelt so viele Frauen an einer Covid-19-Infektion als im Schnitt aller Berufe. (Foto: Keystone)

Die meisten Ansteckungen passieren in der Schweiz innerhalb der Familie. Dann folgen: Einreisen aus dem Ausland, Bekannte und Nachbarn sowie der Arbeitsplatz. Zwischen 5 und 10 Prozent aller bekannten Fälle haben sich bei der Arbeit angesteckt. Das zeigen erste Zahlen der Kantone (siehe Text unten). Doch sie geben keine Auskunft darüber, welche Berufsleute in welchen Branchen besonders gefährdet sind.

Anders Daten aus England und Wales. Das statistische Amt hat dort alle Corona-Todesfälle von März bis Mai nach Berufen ausgewertet. Und kam zum Schluss: Betrachtet man das Risiko, an Corona zu sterben, sind für Frauen die Pflegeberufe die gefährlichsten. Mehr als doppelt so viele wie im Schnitt aller Berufe starben am Virus. Zwei Risikofaktoren kämen dort zusammen, so die britischen Statistiker: der regelmässige Kontakt mit Krankheiten und die körperliche Nähe zu anderen Menschen.

Die Sicherheits­branche weigert sich bis heute, ein Schutzkonzept zu erarbeiten.

ANRUF DER LUNGENLIGA

Bei der Arbeit hat es auch die Pflegerin Carla Weiss *(58) erwischt. Weil im Tertianum-Altersheim, in dem die Ostschweizer Pflegerin arbeitet, eine Seniorin am Coronavirus erkrankte, wurden alle Mitarbeitenden und alle Bewohnerinnen und Bewohner getestet. Weiss erzählt: «Am nächsten Morgen kam die Chefin zu mir und sagte: Du musst sofort heim, du hast Corona!»

Krank hatte sich Weiss nicht gefühlt. Doch klar: Wer das Coronavirus trägt, darf nicht im Altersheim arbeiten. Also ging die Pflegerin in Quarantäne. Alle zwei Tage rief die Lungenliga an und erkundigte sich nach ihrem Gesundheitszustand. Trotzdem: «Irgendwann hatte ich alle Kreuzwort­rätsel gelöst, allen Bekannten ein SMS geschrieben, und das TV-Programm hing mir zum Hals raus.»

230’000 Gesundheitsfachkräfte hätten sich weltweit bisher mit Corona angesteckt, weiss Amnesty International. Mehr als 3000 von ihnen sind der Krankheit erlegen.

RISIKOBRANCHEN

Als besonders gefährdet gelten auch Mitarbeitende in Lebensmittelfabriken. Weil sie auf engem Raum arbeiten, oft unter sehr kühlen Temperaturen, was dem Virus gut bekommt. So wurden in einer Sandwichfabrik in der britischen Stadt Northampton Mitte August fast 300 Arbeiterinnen und Arbeiter positiv auf Corona getestet. Und in mehreren Schlachthöfen in Deutschland wütete Corona ebenfalls. Allein 1500 Infektionen zählte die Billigfleisch-Fabrik von Ex-Schalke-Präsident Clemens Tönnies (work berichtete: rebrand.ly/schweinesystem).

Gross ist das Risiko auch in der Sicherheitsbranche. Das zeigen ebenfalls die Zahlen aus Grossbritannien. Viermal so viele Männer wie im Schnitt aller Berufe starben dort an Corona.

Arnaud Bouverat, bei der Unia zuständig für die Security­branche, erstaunt das nicht. Mitarbeitende seien dort oft in (zu) nahem Kontakt mit anderen Menschen. Dazu komme die «fahrlässige» Haltung der Arbeitgeber. Während hierzulande etwa Detailhandel, Gastgewerbe oder Baubranche sich grossmehrheitlich bemühten, ihre Mitar­beitenden zu schützen, weigere sich der Arbeitgeberverband bis heute, ein Schutzkonzept für die Branche zu erarbeiten. Bouverat: «Einige Firmen haben ihren Mitarbeitenden sogar verboten, während der Arbeit Schutzmasken zu tragen.»

* Name geändert


Corona-Zahlen:Jammerikantone versagen bei Datenerhebung

Corona-Tracing App. (Foto: Keystone)

Ende Februar gab es den ersten Coronafall in der Schweiz. Seither sind 38 760 Menschen am Virus erkrankt (Stand 19.  August). Doch die zentrale Frage, wo sie sich angesteckt haben, ist bisher nur bei gut 1000 Patientinnen und Patienten bekannt. Obwohl dies sowohl das Bundesamt für Gesundheit (BAG) als auch die Kantone erfassen sollten. Warum klappt das nicht besser?

GRUND 1: Das BAG-System ist lückenhaft. Eigentlich sollte das Amt von jedem Arzt und jeder Ärztin, die Coronakranke behandeln, ein Meldeformular erhalten. Bis Mitte Juli war da aber kein Platz für den Ort der Ansteckung vorgesehen. Seither hat das BAG gerade mal 793 Formulare bekommen. In gut 300 davon war der Ort der Ansteckung nicht ausgefüllt. BAG-Sprecher Yann Hulmann: «Noch nicht alle Ärzte sind es gewohnt, die Patienten danach zu fragen. Wir rechnen damit, dass die Angaben in nächster Zeit besser werden.»

GRUND 2: Nachdem die Kantone zuerst laut gejammert ­haben, sie wollten ihre Kompetenzen in Sachen Corona-Massnahmen vom Bund zurück, ­haben sie jetzt Mühe beim Contact-Tracing. Der Kanton Waadt konnte in 70 Prozent der Fälle nicht eruieren, wo sich eine Person angesteckt hatte. Der Kanton Luzern schreibt work: «Leider haben wir die Daten in dieser Form nicht.» Die Kantone Thurgau und Tessin haben auf die Anfrage von work gar nicht erst reagiert.

GRUND 3: Der Kantönligeist. Jeder Kanton sammelt seine Daten, wenn überhaupt, mit eigenen Informatiksystemen und nach unterschiedlichen Kriterien. Beispiel: Im Kanton Zug sind 9 Prozent aller Coronafälle in ­einer «Institution» (Pflegeheim, Asylzentrum, Strafanstalt) aufgetreten. Bei anderen Kantonen fehlt diese ­Kategorie. So sind die Daten der Kantone untereinander nur schwer vergleichbar. Und vor ­allem: Es fehlt eine zentrale Stelle, welche die Daten aus den Kantonen sammelt und auswertet.

Das BAG macht jetzt den Kantonen Minimalvorgaben, welche Angaben sie erheben sollen. Und ab September wird es dann auf die Zahlen der Kantone zumindest zugreifen können. Mehr als sechs Monate nach dem ersten Coronafall.

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