Jean Ziegler ‒ la suisse existe

Ein Genfer Nationalheld wankt

Jean Ziegler
Jean Ziegler

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Im Untergeschoss des Genfer Völkerbundpalasts lagern die Archive des Völkerbundes. Darunter befindet sich auch ein Foto des US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson. Der hagere, hochgewachsene Mann mit asketischem Gesicht und starken Brillengläsern steht andächtig vor der «Mauer der Reformatoren», den überlebensgrossen Steinstatuen der vier Begründer der calvinistischen Revolution.

Wilson wurde 1856 in Staunton, einer Kleinstadt in Virginia, geboren. Sein Vater war Pastor der lokalen presbyterianischen Kirche. Sein Leben lang war Wilson ein strenggläubiger Calvinist.

Auf der Friedenskonferenz von Versailles wurde 1919 die Welt neu geordnet. Neue Nationen wurden geschaffen, alte Reiche zerschlagen, Kolonien befreit und die Weltorganisation des Völkerbundes gegründet. Gegen den erbitterten Widerstand Frankreichs und Grossbritanniens setzte Wilson als Sitz der Weltorganisation die Republik Genf durch.

WILSONS SPUREN. Genf verdankt Wilson seine weltweite Bedeutung. Die Uno übernahm 1945 die Nachfolge des Völkerbundes. Die wunderschöne Seepromenade am rechten Ufer heisst «Quai Wilson». Der Sitz des Uno-Menschenrechtsrates ist im «Palais Wilson». Daneben steht das Luxushotel «President Wilson». Neben Jean Calvin und Henry Dunant ist Woodrow Wilson der dritte Nationalheilige der Republik.

Und nun das: Anfang August verlangten nordamerikanische und europäische zivilgesellschaftliche Bewegungen die sofortige Verbannung Wilsons aus dem öffentlichen Raum. Ihr Argument: Er sei ein wüster Rassist gewesen.

Leider stimmt der Vorwurf. Die Vereinigten Staaten waren 1917 in den Krieg eingetreten. Zwei Millionen Soldaten hatten den Atlantik überquert. Zehntausende von ihnen wurden auf den nordfranzösischen Schlachtfeldern verwundet oder getötet.

Rassendiskriminierung beherrschte Wilsons Armee. Die 400’000 schwarzen Soldaten mussten an vorderster Front kämpfen. Mit fürchter­lichen Verlusten. Die damaligen Führer der schwarzen Gemeinschaft und die Familien der geopferten Soldaten protestierten beim Präsidenten. Wilson strafte sie mit Verachtung.

AUS DER GESCHICHTE STREICHEN? Soll nun Genf diesen Mann aus seiner Geschichte streichen? Meine Ansicht ist die folgende: Rassismus ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Rassisten dürfen im Prinzip nie und nirgendwo mit Denkmälern verehrt werden. Doch noch immer thront ein Denkmal von David De Pury mitten in der Stadt Neuenburg. De Pury (der der Stadt Teile seines Riesenvermögens vermacht hatte) war ein ganz übler Spekulant, Sklavenhändler und Sklavenhalter auf seinen lateinamerikanischen Plantagen.

Aber es gibt Sonderfälle. Auch der französische Philosoph Voltaire hat sich am Sklavenhandel bereichert. Aber er hat ein Werk geschaffen, das zur Emanzipation der Menschen beigetragen hat. Und nun Wilson. Seine rassistischen Verbrechen sind nicht zu verzeihen. Aber er hat den Völkerbund geschaffen. Genf sollte ihm ein ehrwürdiges Gedenken bewahren.

Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein neustes Buch ist: Die Schande Europas. Von Flüchtlingen und Menschenrechten.

2 Kommentare

  1. Peter Bitterli

    Bla bla bla bla, Schleim Schleim Schleim Schleim, Bückling da, Bückling dort, Zeitgeist und name-dropping. Ziegler vom Feinsten.

  2. Bruno Rabe

    Ich möchte die Geschichtskenntnisse von Jean Ziegler nicht in Frage stellen, aber seine Ansichten über Woodrow Wilson sind schon etwas ‚zurechtgebogen‘.
    Wilson war ein früher Transatlantiker. Das Ziel der Truppensendung (im ersten wie im zweiten Weltkrieg) nach Europa war nicht Europa zu befreien, sonder Europa zu beherrschen, was ja auch gelungen ist. Wilson war einer der Köpfe des unseligen Vertrages von Versailles, was bekanntlich zu Nazifizierung Deutschlands und zum Zweiten Weltkrieg geführt hat.

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