Wildwest bei Putzfirma Fama: Jetzt packt Reinigungsfrau Ljiljana Stankovic (52) aus

Eine Pistole statt Lohn

Jonas Komposch

Nächtelang musste sie durchputzen, ihren Lohn bekam Reinigerin ­Ljiljana Stankovic aber nicht. Jetzt geht sie gegen die Ostschweizer Putzfirma Fama vor Gericht.

LILIJANA STANKOVIC, alleinerziehende Mutter von vier Kindern, musste wochenlang 15,6 Stunden pro Tag putzen, auch sonntags. (Foto: Stefan Bösch)

Gäbe es eine Rangliste für wahnsinnige ­Arbeitsleistungen, hätte Reinigungsfrau Ljiljana Stankovic aus Rorschacherberg SG beste Chancen auf den ersten Platz. Denn die alleinerziehende Mutter von vier Kindern hat in bloss sechs Wochen ganze
468 Stunden geputzt. Das sind 15,6 Stunden pro Tag. Zumindest, wenn man mit einer normalen, fünftägigen Arbeitswoche rechnet.

Doch bei der Reinigungsfirma Fama ­Facility Services GmbH herrscht eine ganz eigene Normalität. Stankovic: «Im ersten Monat habe ich komplett durchgearbeitet. Frei hatte ich nicht einmal am Sonntag.» Und dann die Arbeitszeiten: Meistens begann ihr Tag um halb zwei in der Nacht. So früh musste sie los, um mit dem alten Firmenauto rechtzeitig bis nach Aarau zu kommen. Dort war sie zuständig für die Reinigung des Clever Fit – eines Fitnesscenters, das täglich um 6 Uhr seine Türen öffnet.

«Meistens begann mein Tag nachts um halb zwei.»

ENTLASSUNG PER SMS

Nachdem der Duschbereich wieder blank und der Sportlerschweiss weggewischt war, fuhr die gelernte Haushälterin zurück in die Ostschweiz. Jeweils um 10 Uhr traf sie im Fama-Magazin in Goldach SG ein. Endlich Feierabend? Nicht für Stankovic: «Meistens hatte ich nur eine kurze Pause. Dann ging’s weiter zum Chef.» Dem musste sie noch sein Büro sowie das gesamte Gebäude saubermachen. Erst am späten Nachmittag war endlich auch für Stankovic Schluss.
Das war im Frühling 2019 und dauerte sechs Wochen. Dann erhielt die Vielarbeiterin die fristlose Kündigung – per SMS. Abgeschickt hatte die Kurznachricht Fama-Boss Kutay Taylan. Ausgerechnet er warf der Festangestellten vor, zu viele Stunden gearbeitet zu haben. «Fauler hätte die Ausrede nicht sein können», sagt Stankovic dazu, die seither arbeitslos ist. Und bald erfuhr sie den wahren Grund. Taylan hatte nämlich ein grosses Problem: Sämtliche seiner sechs Mitarbeitenden verweigerten die Arbeit, da sie seit Wochen keinen oder zu wenig Lohn erhielten. Nun sollte Stankovic wieder ran. Doch die sagte: «Vergiss es!» Denn auch sie hatte von ihrem Ex-Chef nur einen Bruchteil ihres Lohnes erhalten. «Zuerst bezahlst du!» forderte sie deshalb.

BUSINESS MIT BAULÖWEN

Dann machte Taylan auf Mitleid. Ihm seien die Hände gebunden, behauptete er. Denn sein wichtigster Kunde bezahle seine Rechnungen nicht. Gemeint war der Thurgauer Geschäftsmann Patrick Manser. Er hatte Anfang Jahr eine seiner vielen Firmen, die Marty Bauunternehmung AG, an die Wand gefahren, etwa 40 Arbeitern missbräuchlich gekündigt und sie um ihren Lohn geprellt (siehe Kasten). Was aber steckt hinter den neusten krummen Geschäften, in deren Zusammenhang schon wieder der Name Manser fällt?
Auf Anfrage will sich Patrick Manser nicht zur Sache äussern. Er bestätigt aber, in einem Vertragsverhältnis mit der Fama zu stehen. Der 47jährige ist nämlich Verwaltungsratspräsident der Clever Sports AG, welche die 15 Schweizer Studios des internationalen Fitnessgiganten Clever Fit betreibt. Darunter jenes in Aarau, wo Stankovic die Nächte durchputzte. Sie sagt: «Wir waren praktisch nur für Manser unterwegs.» Fama-Chef Taylan wiederum hat seine Firma in einer Manser-Liegenschaft eingemietet. «Business-to-Business» nennt er dieses Geschäftsmodell auf der Firmen-Homepage. Doch dieses scheint nur mit Wildwestmethoden zu funktionieren. So zumindest erlebte es Stankovic kurz vor ihrer Entlassung.

«Einer der Männer im Fama-Büro trug eine Pistole.»

GANGSTER IM BÜRO

An einem Samstag musste sie noch kurz in die Firma, um Material abzuholen. Normalerweise sei am Wochenende niemand im Haus. Doch als sie das Fama-Büro betrat, sass da die Sekretärin am Computer, umgeben von drei unbekannten Typen. «Die sind alle total erschrocken», erinnert sich Stankovic, die sofort merkte, dass da was Krummes lief. Denn einer der Männer war mit ­einer Pistole bewaffnet. «Du hast nichts gesehen!» habe der sie angeschnauzt und sei dann schnell gegangen. Stankovic warnt daher vor dieser Firma. Und zieht gegen sie vor Gericht. Mit Hilfe von Unia-Sekretär ­Lukas Auer, der gerechnet hat: Die Fama schuldet Stankovic 15 019 Franken Lohn. Mindestens noch einmal so viel haben sechs weitere Angestellte zugute. Kutay Taylan scheint unterdessen untergetaucht, einen Termin vor der Schlichtungsbehörde liess er verstreichen und nimmt auch keine Anrufe entgegen. Aktiv ist er aber durchaus: Seine Fama hat vor wenigen Tagen den Firmensitz und den Namen gewechselt. Neu heisst die Firma Djuric Facility Services GmbH und hat offiziell nichts mehr mit Taylan zu tun.

Baubude: Aufstand gegen Massenentlasser Manser

Der Thurgauer Unternehmer Patrick Manser (47) herrscht über rund zwanzig Firmen aus der Immobilien-, Bau-, Werkzeugs- und ­Fitnessbranche. Insgesamt beschäftigt er an die 500 Personen. Nicht mehr zu seinem Imperium gehört die Marty Bauunternehmung AG. Sie befindet sich seit Februar in Liquidation.
ZERSTRITTEN. Zuvor hatte sich Manser mit Firmengründer Ronny Marty (35) zerstritten und dann der gesamten Belegschaft aus heiterem Himmel gekündigt. Dabei brach der studierte Betriebswirt das Gesetz. Er hatte nämlich vorgängig weder die betroffenen Mitarbeitenden noch den Kanton informiert, wie das bei Massenentlassungen vorgeschrieben ist. Und: Er hatte nicht einmal die ausstehenden Löhne bezahlt. Von einem Sozialplan ganz zu schweigen.
ANZEIGE. Das aber liessen sich die Büezer nicht gefallen: sie organisierten mit Unterstützung der Unia eine laute Demonstration durch Arbon TG bis vor den Sitz der Manser Group AG. Der Protest zeigte Wirkung: Das Thurgauer Amt für Wirtschaft und Arbeit erstattete Anzeige gegen Manser. Ein Urteil steht noch aus. Zudem wurden verschiedene Baufirmen auf die stellensuchenden Arbeiter aufmerksam und stellten diese nach Vermittlung der Unia ein.

1 Kommentar

  1. Peter Bitterli

    Soll sich doch die Frau Stankovic selbständig machen, im Aufbau die ganzen Wochenenden durcharbeiten, acquirieren, später Arbeitsplätze schaffen und dann zu ihren Angestellten so fair, wenn nicht gar grosszügig sein, wie sie es sich jetzt von der Fama wünscht. Vielleicht haut es hin, vielleicht auch nicht. In einem Punkt ist das egal: Die Zeitung „workzeitung“ wird so oder so auf Frau Stankovic einprügeln, nur schon, weil sie dann zu den Arbeitgeberinnen gehört.

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