Neue Umfrage schockiert: Logistikfirmen zwingen Kranke und Risikopatienten zur Arbeit
«Was, du hast Corona? Einfach weiterarbeiten!»

In den Logistikzentren ­grassiert das Coronavirus. Doch zu viele Chefs foutieren sich um die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden, wie jetzt eine Unia-Umfrage zeigt.

STOP COVID-19! Das geht nur mit Schutzmassnahmen, auch für Fahrerinnen und Fahrer. (Foto: Keystone)

Mehrern seinen Kollegen seien positiv auf Covid-19 getestet worden, berichtet ein Mitarbeiter eines Pharma-Grossisten im Kanton Bern. «Einer von ihnen hat während der Arbeit angefangen zu husten und Schüttelfrost bekommen. Der Vorgesetzte sagte ihm, er solle normal weiterarbeiten.»

«Mehrere Kollegen hatten Corona. Die Chefs haben das verheimlicht.»

ARZTZEUGNIS ZÄHLT NICHTS

Diesen und zahlreiche andere Fälle bringt eine neue Umfrage ans Licht, welche die Unia unter Logistik-Mitarbeitenden durchgeführt hat. Seit Anfang April haben über 1400 Beschäftigte mitgemacht. Etwa ein Lagerist aus einem Maler-Gipser-Betrieb in der Westschweiz. Er schreibt: «Mehrere Kollegen haben den Virus erwischt. Niemand hat uns etwas gesagt. Und nach einer Woche zu Hause sind sie wieder arbeiten gekommen. Die Chefs haben das vor uns versteckt.» Seit dem Lockdown ist die Logistik überall am Limit. Auch in den Verteilzentren des Detailhandels. Hauptsache, die Ware kommt schnell in die Läden. Das ist für einige Chefs wichtiger als die ­Gesundheit der Mitarbeitenden, wie diese Frau aus einem Verteilzentrum im Kanton St. Gallen berichtet: «Viele Risikopatienten arbeiten unter dem Druck weiter. Herzkranke, Leute mit Krebs. Trotz Arztzeugnis dürfen sie nicht zu Hause bleiben, das hat mir der Chef persönlich gesagt.»

Insgesamt zeichnen die Antworten ein erschreckendes Bild der Branche: 43 Prozent der Teilnehmenden sagen, dass bei ihnen der Mindestabstand von 2 Metern zwischen Mitarbeitenden nicht permanent eingehalten werde. Ein Lagerist in der Maschinenindustrie im Kanton Bern: «Wir müssen an Besprechungen teilnehmen, an denen mehr als fünf Personen anwesend sind und die zwei Meter nicht respektiert werden.» Eine Mitarbeiterin aus dem Kanton Freiburg, ausgerechnet von einem Pharma-Grossisten, schreibt: «Es gibt keine Masken oder Handschuhe. Die Verantwortlichen haben sich in den Büros eingeschlossen und denken nicht an uns.»

ALIBI-KONTROLLE

Roman Künzler, bei der Unia für die Logistik zuständig, fordert: «Die Firmen müssen jetzt zusammen mit den Gewerkschaften ein wirksames Schutzkonzept umsetzen.» Zudem brauche es Kontrollen, die diesen Namen wirklich verdienten. Denn obwohl die Unia Verstösse gegen den Gesundheitsschutz systematisch den zuständigen Behörden melde, hätten die Kontrollen praktisch nie Sanktionen zur Folge. Künzler: «Die Kontrolleure melden der Firma oft im voraus an, dass sie kommen. Und sie befragen die Mitarbeitenden nicht.» Ihre Aufgabe, die Gesundheit der Arbeitnehmenden zu schützen, nähmen die meisten Kantone nicht wahr, kritisiert der Unia-Mann.

KEIN SCHUTZ FÜR CHAUFFEURE

Schlecht geschützt sind auch viele Mitarbeitende, die bestellte Waren an die Kundschaft ausliefern. Bis zu hundertmal pro Tag drücken sie auf einen Klingelknopf, übergeben die Ware, lassen den Lieferschein un­terschreiben. Trotzdem berichten 28 Prozent in der Umfrage, es seien keinerlei Massnahmen getroffen worden, um den direkten Kontakt mit Kundinnen und Kunden zu reduzieren.

Und dies, obwohl die Chauffeure einen riesigen Einsatz leisten, wie dieser Päcklifahrer aus dem Kanton Zürich beschreibt: «Wir müssen ständig 12 bis 13 Stunden arbeiten. Auch am Samstag wollen sie, dass wir arbeiten. Es wurde uns gesagt, wir sollten glücklich sein, dass wir eine Arbeit hätten. Wir könnten ja gehen, wenn es uns nicht passe.»

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.