Brasilien hat hinter den USA am zweitmeisten Covid-Kranke
«Viele Menschen haben noch nicht mal Seife»

Der Corona-Virus breitet sich in Brasilien rasant aus. Doch für Präsident Jair ­Bolsonaro ist es noch ­immer eine «kleine Grippe». ­Deshalb helfen sich die Leute in den ­Armenvierteln von São Paulo jetzt selbst.

KURZ VOR DEM KOLLAPS? Der Coronavirus breitet sich in Brasilien rasant aus. So auch in der Millionenstadt São Paulo.(Foto: Keystone)

Auch eine Tafel Schokolade sei eingepackt, sagt Andreia Barbosa und lacht. «Um das Leben in dieser schweren Zeit ein bisschen zu versüssen.» Barbosa (36) glattgeföhnte Haare, zupackende Art, steht in einem Raum voller Kisten, irgendwo am Stadtrand von São Paulo, Brasilien. Und sagt: «Die Auswirkungen des Coronavirus sind in den Randgebieten dramatisch. Deshalb helfen wir.» Barbosa ist Koordinatorin der Wohnungslosenbewegung MTST. Eigentlich kämpft die Bewegung mit Besetzungen gegen die massive Wohnungsnot in der Megametropole, in der 20 Millionen Menschen leben. Doch in der Corona-Krise hilft sie den Armen mit Essensspenden.

«Komm, jetzt fahren wir los», sagt Barbosa, schnappt sich eine Kiste und schleppt sie zu einem Auto. «Was wir machen, ist eine solidarische Revolution», sagt sie, während der Wagen durch ein Labyrinth aus roten Backsteinhäusern düst. Nach nur wenigen Minuten kommt das Auto zum Stehen. Barbosa stapft eine enge Gasse hoch, bleibt vor einem schrägen Haus mit unverputzten Wänden stehen und klopft an die Holztür. Eine Frau mit türkisem T-Shirt macht die Tür auf. Aus dem Innern des kleinen Hauses dröhnt der Fernseher, Kinder toben durch das dunkle Wohnzimmer. Barbosa überreicht die Kiste, die voll mit Lebensmitteln und Reinigungsprodukten ist. Auch ein paar rote Masken gibt es dazu. Die dreifache Mutter sagt: «Es ist gerade sehr schwierig für uns. Aber diese Spende hilft uns.» Vor Corona, erzählt sie weiter, habe sie als Putzfrau gearbeitet. Mit Beginn der Pandemie verlor sie von einem Tag auf den anderen ihren Job.

So ging es vielen armen Brasilianerinnen und Brasilianern. In einigen Vierteln grassiert bereits der Hunger unter ihnen. «Und viele Menschen haben noch nicht mal Seife, sich die Hände zu waschen», sagt Barbosa. «Die Armen sind mal wieder die grossen Verlierer dieser Krise.» Die Aktivistin und fünffache Mutter lebte lange Zeit in einer Holzbaracke. Irgendwann lernte sie die MTST kennen, wurde Vollblutaktivistin. Heute wohnt sie in einer selbstverwalteten Wohnanlage, die nach langem Kampf von der Bewegung errichtet wurde.

«Bolsonaro ist die Bevölkerung
völlig egal.»

HÖCHSTE ANSTECKUNGSRATE

Seit mehr als zwei Jahrzehnten kämpft die MTST, die Bewegung der Arbeiterinnen und Arbeiter ohne Dach über dem Kopf, für menschenwürdiges Wohnen und solidarische Städte. Ihr Ziel: Vorstadtbewohnerinnen und -bewohner zu politisieren und städtischen Wohnungsleerstand für arme Familien nutzbar zu machen. Im Gegensatz zu den Gewerkschaften mobilisiert die MTST weniger die klassischen Industriearbeitenden und Angestellten, sondern konzentriert sich auf arme Vorstadtbewohnerinnen, die vom formellen Arbeitsmarkt ausgegrenzt sind. Als sich die Corona-Krise Mitte März auch in Brasilien verschärfte, waren es Aktivistinnen der MTST, die als erstes Hilfe in den ­Armenvierteln leisteten. Über Spenden finanzieren sie ihr Projekt.

Brasilien hat die Corona-Krise hart getroffen. Das Land hat bereits die zweitmeisten Corona-Infizierten weltweit. Nur in den USA und Russland sind es mehr. Offiziell sind über 24 600 Menschen (Stand: 27. Mai) an Covid-19 gestorben. Die Dunkelziffer dürfte jedoch viel höher liegen, da in kaum einem Land so wenig getestet wird wie im grössten Staat Lateinamerikas. Eine Studie des Imperial College in London zeigt zudem, dass Brasilien von 48 ­untersuchten Ländern die höchste Ansteckungsrate hat. Und in vielen Bundesstaaten Brasiliens ist das Gesundheitssystem bereits zusammengebrochen.

EIN DORN IM AUGE

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro spielt den Virus dennoch weiterhin hartnäckig herunter, spricht von einer «kleine Grippe» und fordert eine Rückkehr zur Normalität. Bolsonaro stellt sich zwar in seinen Reden gerne auf die Seite der Arbeiterinnen und Arbeiter, um gegen die von den Landesregierungen beschlossenen Isolationsmassnahmen zu wettern. Doch viele Sozialprogramme wurden nach seinem Amtsantritt gekürzt, eine spezifische Politik für die Ärmsten gibt es in der Corona-Krise nicht. Das sieht auch Aktivistin Andreia Barbosa so: «Bolsonaro ist das Land und die Bevölkerung egal.» Bewegungen wie die MTST sind dem rechtsradikalen Präsidenten schon lange ein Dorn im Auge. Im Wahlkampf drohte er mehrmals damit, die MTST als kriminelle Vereinigung einstufen zu lassen.

Doch durch seinen Corona-Kurs erfährt Bolsonaro mittlerweile viel Gegenwind. Zwei Gesundheitsminister mussten während der Pandemie nach Konflikten mit dem Präsidenten gehen, auch ehemalige Mitstreitende wenden sich ab. Politisch ist Bolsonaro mittlerweile weitestgehend isoliert.

Nach Druck der linken Opposition hat der Kongress eine finanzielle Direkthilfe für informell Beschäftigte bewilligt. Umgerechnet etwa 200 Franken pro Person werden über drei Monate ausgezahlt. Das ist nicht viel, aber für die meisten armen Familien ist das zumindest ausreichend, um Essen und Miete zu bezahlen. Die dreifache Mutter im türkisen T-Shirt hat das Geld allerdings noch nicht erhalten – und ist weiterhin auf Essensspenden angewiesen.

Am Ende eines langen Tages steht Barbosa auf dem Balkon ihrer Wohnung. Auch heute haben die Aktivistinnen der MTST wieder zahlreiche Essensspenden ausgeliefert. Natürlich habe auch sie Angst vor dem Virus. «Aber die Menschen brauchen uns», sagt Barbosa und blickt auf das Meer aus Backstein und Wellblech herunter. «Deshalb fahre ich auch morgen wieder los.»

Lateinamerika: Corona-Kurve steigt steil an

In Süd- und Mittelamerika breitet sich der Coronavirus rasant aus. Mehr als 600’000 Menschen (Stand 27. Mai) sind nach offiziellen Angaben mit dem Virus infiziert. Die Dunkelziffer ist wohl allerdings um ein Vielfaches höher, denn viele Covid-19-
Erkrankte werden nicht erfasst.

PREKÄR. Die ärmste Bevölkerungsschicht ist in ganz Lateinamerika am meisten be­troffen. Sie hat höhere Ansteckungsquoten ­wegen der oft prekären Lebensbedingungen. Zudem verschärfen die teils strengen Anti-­Corona-Massnahmen ihre ökonomisch ohne­hin schwierige Situation. Viele arbeiten im informellen Sektor, etwa als Putzfrau ohne Arbeitsvertrag, als Strandverkäufer. Bleiben sie zu Hause, haben sie kein Einkommen.

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