Corona-Not: In Genf stehen Tausende für Lebensmittel an

«Hörst du, wie mein Magen knurrt?»

Jonas Komposch

Haushälterin Sherly Silang ist da und Reinigerin Maria Escarda auch. Seit Corona haben sie kein Einkommen mehr: «No work, no pay». Gut gibt es die Lebensmittel-­Verteilaktion des Vereins «Caravane de Solidarité»!

GELEBTE SOLIDARITÄT: Genau 1683 Lebensmittelpakete verteilten Freiwillige in der Finanzmetropole Genf an Leute, die seit Corona am Hungertuch nagen. (Foto: Thierry Porchet)

Genf, am Samstagmorgen um 7 Uhr: Der zentrale Plainpalais-Platz ist noch menschenleer. Ebenso die Gassen der umliegenden Quartiere. Wären da nicht die paar Hündeler, die ihre Vierbeiner Gassi führten, könnte man meinen, die Rhône-Stadt habe sich in Totalquarantäne begeben. Doch der Eindruck täuscht. Denn bloss zehn Gehminuten entfernt, zwischen riesigen Beton-Wohnblocks und Industrieanlagen, herrscht Betrieb. Aus allen Himmelsrichtungen kommen Menschen in Schutzmasken. Viele führen Einkaufswagen oder Taschen mit sich. Und alle haben es eilig. Ihr Ziel: Die Eissporthalle «Les Vernets». Dort, wo sonst der HC Servette spielt, werden heute erneut Gratis-­Lebensmittel abgegeben.

Seit dem Ausbruch der Corona-Krise ist dies bereits die sechste Grossaktion des Hilfsvereins «Caravane de Solidarité», der seit fünf Jahren Flüchtlinge auf der Balkanroute mit Naturalien unterstützt. Jetzt ist die Not aber auch hier akut. Vor einer Woche kamen rund 2500 Frauen und Männer zur Eishalle, um einen Sack mit Grundnahrungsmitteln im Wert von 20 Franken abzuholen. Die Nachfrage war aber grösser als das Angebot. Deshalb sind heute viele schon am frühen Morgen da. Obwohl die Verteilung erst um neun beginnt.

«Es ist eine Schande!»

ERSPARTES WEG

Zu ihnen gehört auch Haushälterin Sherly Silang*. Die Philippina steht im vorderen Bereich der Warteschlange, die schon jetzt 500 Meter lang ist, und sagt: «Vor Corona arbeitete ich Teilzeit für drei Genfer Familien und habe 2000 Franken verdient.» Seit fast zwei Monaten stehe sie aber komplett ohne Lohn da: «No work, no pay», sagt Silang. Auch ihr Erspartes sei längst aufgebraucht. In einer noch fataleren Situation ist Maria Escarda*. Die Peruanerin teilt sich mit fünf weiteren südamerikanischen Reinigungsarbeiterinnen eine Dreizimmer-Wohnung im Aussenquartier Carouge. Escarda putzt schon seit neun Jahren Appartements am Genfersee – illegal. Denn gültige Papiere besitzt sie nicht. Escarda ist eine von rund 13’000 Sans Papiers im Kanton Genf (siehe Box). Ihre Auftraggeber sind Banker, Diplomatinnen oder Mitarbeitende von ­internationalen Organisationen. Von ihrem Einkommen habe sie bisher immer einen Teil an die Eltern in der Heimat schicken können. Jetzt sei
sie weit davon entfernt. Dann zeigt Escarda auf ihren Bauch: «Hast du das gehört? Mein Magen knurrt.» Seit zwei Tagen habe sie nicht mehr richtig gegessen.

ILLEGALER GRENZVERKEHR

Umso mehr freue sie sich auf den Reis, die Teigwaren, die Sardinen und heute, so habe sie gehört, gebe es sogar eine Tüte frisches Obst und Gemüse. Frischprodukte habe sie besonders vermisst. Die zu kaufen liege einfach nicht drin, «nicht in Genf», sagt sie.

Hier in der Finanzmetropole sind die Lebenshaltungskosten die zweithöchsten der Welt, so eine UBS-Studie. Nur die Stadt Zürich ist gemäss der Grossbank noch teurer. Viele Genferinnen und Genfer sind deshalb auf Einkäufe im billigeren Nachbarland angewiesen. Wozu das führt, schildert Unia-Gewerkschafter Artur Bienko. Er hat am Ausgang der Eishalle einen Info-Stand aufgebaut und sagt: «Es ist eine Schande!» Er kenne Familien, die wegen der Grenzschliessung keine andere Wahl hätten, als wöchentlich über die grüne Grenze nach Frankreich zu wandern. «Mit gefüllten Einkaufstaschen kämpfen sie sich dann durchs Dickicht zurück in die Schweiz», so Bienko.

REGIERUNG STAUNT

Unterdessen ist die Warteschlange vor dem Stadion auf einen Kilometer angewachsen. Mehrheitlich Frauen sind gekommen, nicht selten zusammen mit ihren Kindern. Alleine hier ist Paulino Alves*, ein Bauarbeiter aus Portugal. Dabei habe er viele Kollegen, die diese Unterstützung auch benötigten. «Doch sie schämen sich zu sehr.»

Dann schlägt es neun Uhr. Endlich gehen die Tore auf. Unter den Augen von staunenden Regierungs- und Stadträten sorgen über 70 freiwillige Helfende für einen geregelten Ablauf. Am Feierabend werden sie 1683 Essenspakete verteilt haben. Allesamt Gaben, die zuvor Grossisten, Bauern und mehrere Hundert Private gespendet hatten. Das freut Christophe Jakob von der «Caravane de Solidarité» ganz besonders. Sein Fazit: «Nicht nur die Not ist gross, auch die Unterstützung aus der Bevölkerung ist riesig.» Dennoch ist für ihn klar: «Essenverteilen löst das Problem nicht.» Die Geringverdienenden bräuchten eine direkte Entschädigung. Und: «Die Sans-Papiers sind allesamt Arbeiterinnen und Arbeiter, die zum Reichtum Genfs beitragen. Sie müssen regularisiert werden.

Hilfesuchende: Nur die Hälfte sind Sans Papiers

Das Hilfsorganisation «Ärzte ohne Grenzen» (MSF) hat in Genf vor der Eishalle eine Umfrage unter den Menschen durchgeführt, die für Lebensmittel anstehen: 52 Prozent waren Sanspapiers. Sie trifft die Corona Krise sehr hart, da sie wegen ­ihres illegalen Status weder Kurzarbeitsentschädigung noch Sozialhilfe beziehen können. Viele der rund 13’000 Genfer Papierlosen arbeiten schwarz in der Gastronomie, bei Diplomaten oder in der Reinigung.

VIELE COVID-FÄLLE. Weitere 28 Prozent der Bedürftigen waren Personen mit einer Aufenthaltsbewilligung, 4,3 Prozent Asylsuchende und 3,4 Prozent Schweizerinnen und Schweizer. Unter den Befragten war eine Covid-19-Erkrankung dreimal häufiger, als im Rest der Genfer Bevölkerung. MSF führt dies auf die engen Wohnverhältnisse zurück: Die Befragten teilen sich im Schnitt ein Schlafzimmer mit 1,53 Personen. Mehr als jede zehnte Person, die an der Umfrage teilnahm, schläft sogar mit drei weiteren Personen im gleichen Raum.

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