Beizer Suresh hat schon mehr überlebt als Corona:

«Das war schon mein fünfter Lockdown»

Marie-Josée Kuhn

Über Colombo–Karachi–Moskau–Polen–Amsterdam kam Suresh einst in die Schweiz. Auf der Flucht vor den Tamil Tigers. Jetzt ist er hier schon 21 Jahre Wirt. Einer mit Herzblut und Erfahrung mit Lockdowns.

BERNER BEIZER: Sellathurai Ulakanathan Sureskumaran ist für alle nur «dr Suresh». Und trotz allen Schicksalsschlägen eine Frohnatur im Berner Mattenquartier. (Foto: Matthias Luggen)

Nicht alle Wirte sind ihr Restaurant. Sellathurai Ulakanathan Sureskumaran schon. Das Beizenlogo sagts verkürzt: Suresh. Und er steht davor in seinem meerblau-blumigen Hemd und seinem Flatterschal: Suresh (50), seit Jahren Beizer in der Matte. «Wie lange ich lebe, ist nicht wichtig», verkündet er auf seiner Website: «Wichtig ist, wie ich lebe.» Und Suresh lebt bewegt. Er sagt: «Lockdown? Das ist für mich nichts Besonderes. Der Corona-Lockdown war schon der fünfte Lockdown in meinem Leben. Mindestens!» Die anderen erlebte Suresh im Krieg oder bei Überschwemmungen. Zuerst im Bürgerkrieg in Sri Lanka. Dort kam er 1969 zur Welt. In einem Haus mit einer Lenin-Statue vor dem Hauseingang. Denn Sureshs Vater war Sozialist.

BEI DEN ÖLSCHEICHS

Den zweiten Kriegs-Lockdown erlebte Suresh in Kuwait, als die irakische Armee dort einmarschierte. Er war 21. Und ein Geflohener. Weil ihn die Tamil Tigers verfolgten. Auch er hatte sich für den Be­freiungskampf engagiert. Mit 15 bei der People’s Liberation Organisation of Tamil Eelam (PLOTE). Für die Tigers war er drum ein «Verräter». Sie suchten und fanden ihn. Ganz knapp nur entkam er einer Hinrichtung.

In Colombo gelang es Suresh dann, auf dem Schwarzmarkt den Pass eines acht Jahre älteren Mannes mit einem Arbeitsvisum für Kuwait zu ergattern. Er wurde Putzmann im Golfstaat der superreichen Ölscheichs. 14 Stunden am Tag chrampfen, Strassenlampen vom Wüstensand säubern.

«Ich habe so viel schon überlebt», sagt Suresh und kommt mit einem Mineral aus dem «Suresh»: «Corona? Ich hatte bisher nie auch nur eine Sekunde Angst.» Das Gastro-Schutzkonzept hat er «klar!» umgesetzt: Der Koch arbeitet allein in der Küche. Also kein Problem. Aus den einst 35 Sitzplätzen im Restaurant und auf ­der Terrasse sind deren 18 geworden. Zwischen den Tischen stehen Pflanzen. Und er macht nun 30 Prozent weniger Umsatz als früher, schätzt er. Doch seine Stammgäste hielten zu ihm, er sei froh.

Sureshs Natel läutet. Und das tut es so alle fünf Minuten. Er entschuldigt sich und redet drauflos: auf tamilisch. Dieser guttural-melodiöse Stakkato-Schwall. Suresh versteht aber auch perfekt Mundart. Spricht es. Das war am 3. Dezember 1990 noch nicht so.

«Ich habe meine Eltern und mein Land verloren. Und dennoch: Ich lache schon am Morgen wie ein Kanarienvogel!»

ZWÖLFI IST ZWÖLFI

Ankunft in Kreuzlingen. Suresh kommt über Colombo–Karachi–Moskau–Polen– Amsterdam in die Schweiz. Asyl-Zentrum Kreuzlingen, Asylzentrum Interlaken. «Sobald ich durfte, ging ich dann nach Bern. Für einen Job», erzählt er. Tellerwäscher im Steakhouse Churrasco. Nach einem Jahr steht er dort schon am Grill. «Wer meint, als Beizer könne man den grossen Stutz machen, täuscht sich», sagt er und grüsst jetzt einen Gast: «Hallo, Pesche, wie geits?», der ein «Stängeli, bitte, gäu!» bestellt. Um Beizer zu sein, brauche es Herzblut. Doch wie hat er es mit dem Social Distancing? Ist doch gar nicht so einfach in einem Gastrolokal, oder?

Suresh sagt, Social Distancing erlebe er, seit er in die Schweiz gekommen sei. Wegen seiner dünkleren Hautfarbe: «Im Zug, im Tram, ich hatte immer genügend Platz. Die Leute wollten nicht neben mir sitzen. Wechselten den Platz, wenn ich mich zu ihnen setzte.»

Und auch von seiner Kultur her sei er sich Distanzhalten gewöhnt: «Wir geben uns nie die Hand und küssen uns nicht dauernd.» Viele Wirtinnen und Wirte seien halt auch chli Jammeri. Umgekehrt drohe jetzt vielen kleinen, die schon vor Corona knapp dran oder verschuldet gewesen seien, der Konkurs. Das sei nicht gut.

Doch in der Schweiz, sagt Suresh und zeichnet mit seinem Finger auf dem roten Gartentisch eine gerade Linie: «In der Schweiz muss alles immer so gehen. Alles eine Frage der Planung. Acht Uhr ist immer acht Uhr und zwölfi zwölfi. Und im Frühling planen sie schon die nächsten Weihnachten.»

Laufe es dann aber nicht so, Suresh zeichnet jetzt eine quere Linie auf den Tisch: «Dann wird es schwierig, wie beim Corona-Lockdown: «Ihr seid euch daran gewöhnt, dass alles gut geht. Ein reiches Land, wenig existentielle Sorgen. Ihr dachtet immer, so etwas wie Corona kommt nur weit weit weg vor. Und jetzt ist es eben doch passiert.» Sagt Suresh, der Schweizer. Ein Schock für viele hier. Aber vielleicht sei so ein Schock ja auch nicht so schlecht: «Vielleicht verstehen jetzt ja mehr Leute, warum Menschen flüchten. Dass sie oft keine Alternative haben.»

AUCH OHNE MORGENKAFFEE

Jammern vergraule nur die Kundschaft, sagt Suresh: «All die Leute, die mir erzählen: ‹Ich kann nicht grüssen am Morgen, bevor ich nicht einen Kaffee gehabt habe …›!» Das verstehe er immer noch nicht: «Ich habe meine Mutter verloren, meinen Vater verloren, mein Land verloren und meine Kultur, und dennoch: Ich lache immer wie ein Kanarienvogel!» Auch ohne Morgenkaffee.

Und dann kam 1999 die Flut über die Matte. Suresh und seine Frau Nina hatten alles parat für die Neueröffnung des Restaurants Fischerstübli. Dann kam das grosse Hochwasser. «Und sieben Monate Lockdown», sagt Suresh. Und sie mussten wieder komplett renovieren. Und nur sechs Jahre später dann: das zweite Hochwasser. Und wieder Lockdown.

«Was wosch?» Suresh zeichnet wieder mit dem Finger auf dem Tisch. Diesmal Kurven: «Es geht immer weiter, auf, ab, auf, immer weiter!» Auch jetzt. Der Bundesrat habe seine Sache super gemacht. Man könne doch nicht fordern, man müsse die Alten einsperren! Es gehe im Leben doch nicht nur ums Geld!

Ob Corona die Menschen verändert hat? «Äuä», sagt Suresh, der Wirt, der neben der Speisekarte seine Biografie auf der Beizen-Website hat (www.suresh.ch). Notiert von seinem Sohn Navin Sureskumaran. Suresh schüttelt den Kopf: «Äuä! Sie machen schon wieder Party, bald fliegen sie wieder in die Ferien. Der Mensch vergisst schnell. Viel zu schnell!» Zum Beispiel die Kolonialzeit. Einst hätten die Kolonialherren Viren nach Afrika und Asien eingeschleppt. Viele seien gestorben. Jetzt kämen die Viren aus China in den Norden: «Wie ein Bumerang!» sagt Suresh.

Schon als Bub in Sri Lanka wollte er, dass «man ihn kennt» im Dorf. Schreibt sein Sohn. Er übermalte deshalb den Marken-Schriftzug seines Velos mit seinem ­eigenen Namen. Suresh, wie das Beizenschild. Und er hat es geschafft: Heute kennen ihn alle im Dorf. Namens Berner Mattequartier.

Hauruck-Öffnung: Platzers ­Eigengoal

Schon am ersten Tag, als der Bundesrat das Ausstiegsszenario aus dem Corona-Lockdown präsentierte, platzte dem obersten Schweizer Wirt Casimir Platzer der Kragen: Eine «Frechheit» sei es, dass man die Restaurants übergehe. Und er drängte mit seinem Branchenverband Gastrosuisse auf eine Hauruck-Öffnung, unterstützt von der SVP. Diese erfolgte am 11. Mai. Und schon zwei Wochen danach ist das Desaster perfekt. Die Turbo-Öffnung im Gastgewerbe ist nämlich ein Eigengoal: 97,1 Prozent der Betriebe machen rückwärts. Zeigt eine Umfrage von Gastrosuisse selber. Im Durchschnitt erwirtschaften sie nur noch etwa 60 Prozent ihres früheren Umsatzes. Und viele denken schon wieder ans Schliessen.

SPERRSTUNDE. Statt Asche auf sein Haupt zu streuen, giesst Wirte-Chef Platzer mit seinem Verband jetzt noch mehr Öl ins Corona-Feuer. Und fordert per sofort weitere Lockerungen vom Bundesrat: Die Zwei-Meter-Abstand-Regel, die Sperrstunde ab Mitternacht und die Nur-vier-Personen-pro-Tisch-Regel sollen auch noch fallen. Davor warnt aber Epidemiologe Christian Althaus von der bundesrätlichen Corona-Task-Force. Man müsse jetzt erst einmal die weitere Entwicklung der Neuansteckungen abwarten, sagt er.

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