Schweizer Büezer spendeten Schwarzenbach den letzten Rappen

Das Spaltungs-Trauma der Gewerkschaften

Jonas Komposch

Zuerst spaltete Schwarzenbach die Arbeiterbewegung, dann hätte er fast triumphiert. Auch wegen schwerer Fehler der Gewerkschaften.

ALS ARBEITSKRAFT ERWÜNSCHT, ALS MENSCHEN NICHT WILLKOMMEN: Migranten aus Spanien am Bahnhof Genf Cornavin, 1962. (Foto: Keystone)

Am Montagmorgen des 8. Juni 1970 hatte das Zittern endlich ein Ende. Nun stand fest: Die Mehrheit der Schweizer Männer hatte tags zuvor der «Überfremdungsinitiative» von Nationalrat James Schwarzenbach eine Abfuhr erteilt. «Schwarzenbachab!» jubelte der «Blick» auf seiner Titelseite. Dabei war das Resultat alles andere als ein Riesentriumph: Nur gerade 54 Prozent sagten Nein zur Initiative, mit der bis zu 400’000 Ausländerinnen und Ausländer auf einen Schlag ausgewiesen worden wären. Die Frauen durften damals noch nicht abstimmen. In sechs Kantonen gab es sogar Ja-Mehrheiten. Und dies, obwohl sämtliche Zeitungen, die Wirtschaftsverbände, die allermeisten Gewerkschaften, der Bundesrat sowie alle wichtigen Parteien, einschliesslich der BGB (der heutigen SVP), Schwarzenbachs fremden- und wirtschaftsfeindliche Vorlage zur Ablehnung empfohlen hatten.

Ein Lokführer spendete James Schwarzenbach 30’000 Franken.

FLUCHENDER LOKFÜHRER

Wie also konnte der rechtsextreme Einzelkämpfer Schwarzenbach (siehe Seite 9) derart begeistern? Und warum stimmten auch viele Gewerkschaftsmitglieder für die Initiative des elitären ­Industriellenerben von der Zürcher Goldküste? Sein Erfolgsrezept gab Schwarzenbach später selbst preis – und zwar mit Stolz. Mit der Mobilisierung von nationalistischen und patriotischen Gefühlen sei es ihm gelungen, die Schweizer Arbeiterschaft zu spalten: «Ich habe sie nicht als Arbeiter, nicht als Berufsklasse, sondern als Schweizer angesprochen, und darin lag das Geheimnis des Erfolgs.» So sei es ihm auch gelungen, die Einheimischen gegen ihre ausländischen Arbeitskollegen und ihre Gewerkschaften aufzubringen.

Einer, der sich ganz genau an diese Spaltung erinnert, ist Helmut Hubacher (94), damals Chefredaktor der SP-Zeitungen und Nationalrat. Zu work sagt er: «Bei meinen ersten Reden gegen die Initiative schlug mir aus den eigenen Reihen heftiger Widerspruch entgegen.» Erst dann habe er realisiert, wie tief der Nationalismus bereits vorgedrungen sei – gerade auch in der Arbeiterschaft. So habe ihm Schwarzenbach einmal sein Spendenbüchlein gezeigt. Hubacher: «Aufgelistet waren nur Kleinbeträge von einem, zwei oder fünf Franken.» Einen einzigen hohen Betrag habe er entdeckt: 30 000 Franken. Doch auch dieser stammte nicht von einem Kapitalisten. Hubacher: «Der Spender war ein Lokführer und SP-Kantonsrat aus St. Gallen!» Sofort fuhr der spätere SP-Präsident in den Osten, um in ­Erfahrung zu bringen, warum dieser Parteikollege sein bitter Erspartes ausgerechnet dem steinreichen Fremdenfeind schenkte. Der Bähnler habe vor allem geflucht. Über die «elenden Tschinggen und Gotthard-Indianer», die mit ihren Koffern voller Salami seine Züge verstopften. So extrem seien jedoch die wenigsten gewesen, sagt Hub­acher. «Viele Arbeiter haben sich insgeheim geschämt, weil sie in der Ausländerfrage wie der Faschist Schwarzenbach dachten.» Und ältere Arbeiter sahen sich häufig durch die jungen und kräftigen Italiener unter Druck gesetzt. «Aber anstatt diese ungerechte Konkurrenz beim Chef anzuprangern, beschuldigten sie die ausländischen Mitarbeiter», so Hubacher. Von ungefähr kam diese Haltung allerdings nicht.

«VERHÄTSCHELTE AUSLÄNDER»

Die meisten Gewerkschaften hatten nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg den von den Rechten erfundenen Kampfbegriff der «Überfremdung» übernommen. Zudem plädierten sie grundsätzlich für eine Reduktion der Zahl der Migranten, da sie glaubten, so das Lohnniveau schützen zu können. Die Verlautbarungen gewisser Gewerkschaften unterschieden sich manchmal kaum von ­jenen der Ausländerfeinde. So etwa SP-Nationalrat Max Weber. Kurz vor dem Abstimmungstermin schrieb er in der Zeitung des Smuv, ­einer Vorgängergewerkschaft der Unia: Die «Vermehrung» der ausländischen Arbeitskräfte habe «zahlreiche unangenehme Auswirkungen gezeitigt». Und: «Wir werden den Kampf gegen die Überfremdung weiterführen.» Noch weiter ging die Gewerkschaft Textil, Chemie, Papier (GTCP). Sie behauptete, die Schweizer Arbeiterinnen und Arbeiter hätten jahrelang mit ansehen müssen, «wie seitens der Unternehmerschaft die ausländischen Arbeiter geradezu gehätschelt wurden». Mehr noch: «Man hat für die Ausländer Dinge ­unternommen, die man für die schweizerische Arbeiterschaft nie getan hätte.» Dieser Fremdenhass habe die Gewerkschaften damals fast zerrissen, sagt der ehemalige SGB-Chef Paul Rechsteiner. Und: «Er steckte ihnen noch lange in den Knochen. Bis die Gewerkschaft Bau und Indus­trie (GBI) voranging und sich für die italienischen und spanischen Migranten öffnete.» Ex-Unia-Chef Vasco Pedrina spricht im Rückblick ­sogar von einem Spaltungs-Trauma: «Um dieses zu überwinden, mussten wir das damals herrschende System der Ausländerkontingente in Frage stellen. Als erstes begannen wir, gegen das diskriminierende Saisonnierstatut zu kämpfen.» Dieses fiel erst mit der Einführung der Personenfreizügigkeit 2002. Und der flankierenden Massnahmen gegen Lohn- und Sozialdumping, ein grosser Gewerkschaftserfolg.

KLARTEXT DER COLONIE LIBERE

Politisch eindeutig liess sich die «Federazione delle colonie libere italiane in Svizzera» zu Schwarzenbach verlauten. Diesem 1943 von Mussolini-Gegnern offiziell gegründeten Verein gehörten Tausende italienische Emigrierte an. Und er sprach Klartext: «Schwarzenbachs Initiative spaltet die Arbeiterschaft entlang von Nationalitäten, was nur den Unternehmern nützt.» Es gehe deshalb nicht um «Schweizer gegen Italiener», sondern um «das höchste Gut»: die Einheit der Arbeiterklasse. Das wiederum war Musik in den Ohren von Ezio Canonica, dem Chef des Schweizerischen Bau- und Holzarbeiterverbands (GBH, später GBI, heute Unia). In ihm fanden die italienischen Arbeiterinnen und Arbeiter endlich einen Verbündeten. Und als Canonica 1973 auch den Vorsitz des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds übernahm, erhielt die internationale Solidarität wieder einen hohen Stellenwert in der immer multikulturelleren Schweizer Gewerkschaftslandschaft.

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