work-Redaktor Jonas Komposch (31) im Corona-Einsatz

«Heitere Stroh- und anderi Säck!»

Jonas Komposch

Ein Alters- und Pflege­zentrum im Zürcher Oberland: Schon am ­ersten Tag hat’s der «Zivi»­­ ­schweisstreibend. Und dann möchte ihm eine ­abenteuerlustige Rüstige wegen der ­Uniform erst noch an die Wäsche.

KOMPOSCH, JONAS, work-Redaktor, meldet sich zum Dienst an der Corona-Front. Ende. (Foto: Lea Küng)

Am 16. März erklärte der Bundesrat die Lage für ausserordentlich und mobilisierte die Armee. Zwei Tage später klingelte auch mein Telefon. Eine unbekannte Nummer: «Ja tschau, hier ist Ronny vom Zivilschutz.» Er wolle mich nur kurz informieren, dass ich wegen des Notstands bald mit einem Aufgebot rechnen müsse. In meinem Kopf funkte es zurück: «Verstanden, muss mit Aufgebot rechnen, Ende!»

Ronny kannte ich nicht. Seinen Verein aber zur Genüge. Als Zivilschutzsoldat mit der Funktion «Betreuer» habe ich in über zehn Dienstjahren schon unzählige Bunker inspiziert, etliche Katastrophenszenarien eingeübt und mir an eidgenössischen Schwing-, Älpler-, Schützen- und Turnfesten die Beine in den Bauch gestanden. Nun plötzlich der Ernstfall – und was für einer! Die Behörden rechneten zu Recht mit dem Schlimmsten: mit überfüllten Spitälern, überlastetem Gesundheitspersonal und einem Virus ausser Kontrolle.

Kein Wunder, rief Mutter Helvetia auch viele der schweizweit 110’000 Zivilschützer und 542 Zivilschützerinnen an die Corona-Front. Rund 600 sind derzeit allein im Kanton Zürich im Einsatz. Und seit fünf Tagen trage auch ich das orange-olivgrüne Tenue, die wohl grellste aller Uniformen. Aber nicht nur! Lila Pluderhosen und ein weisser Kittel gehören ebenfalls zu meiner aktuellen Garderobe.

Frau Gredig will so gerne wieder mal steil bergauf.

AUF SPAZIERFAHRT

Stationiert bin ich nämlich in einem Alters- und Pflegezentrum im Zürcher Oberland. Und dort trägt das Personal Lila-Weiss. Von dieser Kleiderordnung ausgenommen sind bloss der Chefkoch und der Heimleiter – die beiden einzigen Männer im Betrieb. An mein neues Pflegerinnen-Dress habe ich mich rasch gewöhnt. Mehr Mühe bereitet mir hingegen die Schutzmaske, die für alle Mitarbeitenden Pflicht ist, mir aber ständig die Brillengläser beschlägt. Besonders dann, wenn die Büez schweisstreibend ist. Und das kommt im Pflegealltag nicht selten vor. So lieben es die allermeisten Se­niorinnen und Se­nioren, vom «netten Herrn Soldat» im Rollstuhl durch das Dorf gekarrt zu werden. Das bringt den Schreiberling schnell ins Schwitzen – und zwar nicht nur bei Herrn Bär, dem ehemaligen Gourmetbeizer und Mann von stolzem Gewicht. Auch die zierliche Frau Gredig hat es in sich. Denn sie will so gerne wieder einmal steil bergauf ins Oberdorf, wo es «das schönste Alpenpanorama» zu sehen gebe. Also angepackt und nichts wie hin.

So schob ich schon am ersten Vormittag ein halbes Dutzend Unternehmungslustige durch die Gegend. Wer könnte es ihnen vergönnen? Ganze zehn Tage mussten alle Bewohnerinnen und Bewohner isoliert in ihren Zimmern ausharren. Und immer noch dürfen Angehörige nur ausser Haus empfangen werden. Trotz aller Vorsicht starben auch in diesem Altersheim bereits fünf Personen an Covid-19. Und mehrere Infizierte befinden sich noch in Quarantäne. Die darf der «Zivi» keinesfalls betreten. Das ist Sache der erfahrensten Pflegerinnen. Mit Brillen, Spezialmasken und im Schutzanzug öffnen sie diese abgesperrten Zimmer und pflegen die Erkrankten. Während vor der Tür mehrere Kolleginnen mit medizinischem Gerät assistieren. Eine beeindruckende Szenerie. Und eine aufwendige Tätigkeit – wie fast alles momentan.

AM STAMMTISCH

Eine Pflegefachfrau erklärt: «Mit Corona hat sich unsere Arbeit vervielfacht.» Vor dem Virus habe man vieles in der Gruppe machen können, doch jetzt sei oft Einzelbetreuung notwendig. Hinzu komme das unaufhörliche Waschen, Putzen und Desinfizieren. Eine mehrere Frauen starke Equipe kümmert sich um nichts anderes als die Heimreinigung – den ganzen Tag lang. Eine Betreuerin sagt mir: Zivilschutzleistende seien deshalb «eine enorme Entlastung». Die Belegschaft habe nämlich quasi keine Zeit mehr für eigentlich wichtige Tätigkeiten. Für Gesellschaftsspiele etwa oder das Vorlesen aus der Zeitung. Also muss der Uniformierte ran, in der Cafeteria, wo eine gesellige Altfrauen- und -herrenrunde am Stammtisch sitzt.

Ich schlage das Lokalblatt auf und lese laut. Thema: Notkredite des Bundes. Doch schon nach wenigen Sätzen fällt mir ein rüstiger Rentner ins Wort: «55 Milliarden Franken!» ruft er ungläubig und fragt laut: «Hat der Maurer Ueli dann auch für unsere AHV noch was übrig?» Und schon ist sie im Gang, die lebhafte Politdiskussion der Ü-90er. Bis eine abenteuerlustige Rüstige die Stube betritt: «Heitere Stroh- und anderi Säck!» ruft sie beim Anblick meiner Zivilschutzkluft. Und: «Orange wie ein Pfirsich bist du. Darf ich da mal anbeissen?» Ich verneine und gehe schleunigst in den Umkleideraum. Lila Pluderhosen und weisser Kittel haben Vorteile!

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