Bärtschi-Post

Die Briefträgerin & das Flattern

Katrin Bärtschi

Katrin Bärtschi ist Briefträgerin in Bern und Gewerkschafterin.

Manche Arbeitstage fangen ganz passabel an. Der erste Tag nach den langen Ferien war so einer, das frühe Aufstehen war gar nicht schlimm. Und dann durch den kahlen Bahnhof, auf den Zug und beim Betreten des «Stollens» ein fast heimatliches Gefühl. Nicht besonders viel Post, dabei dafür aussergewöhnlich viele persönliche Briefe und die Coop- und Migros-Zeitungen gleichzeitig. Die Zeitungen waren nicht dick, sie enthielten keine Werbeeinlagen, was einen Vor- und einen Nachteil hatte: Angenehm war, dass die Bünde nicht allzu schwer wurden. Eher unangenehm, dass die Zeitungen in der Hand schlampten, sie zeitvorgabegerecht durch die Schlitze zu befördern erforderte Geschick und Übung.

Auf dem Weg zurück kaufte die Briefträgerin ein Sandwich.

NETTO & BRUTTO. An jenem Morgen waren auch eine Netto- und eine Bruttowerbung an den Mann beziehungsweise die Frau zu bringen. Nettowerbung ist kommer­zielle Werbung, die nur in Kästen ohne Stopkleber versenkt wird. Die Bruttowerbung geht an alle Haushaltungen, sie stammt von gemeinnützigen oder politischen ­Organisationen. Auch die Bruttowerbung bestand an jenem Dienstag aus einer dünnen Zeitung. Die Briefträgerin eilte wie üblich durch die Gegend. Eine kalte, böige Bise blätterte in den Zeitungen. Und liess sie in den Händen flattern, was das Einwerfen zusätzlich erschwerte. So verging die Zeit. Corona war kaum ein Thema. Die Strassen waren leerer als sonst, die Briefträgerin unterschrieb selber für die Empfängerinnen und Empfänger der eingeschriebenen Post. Das war’s. Auf dem Weg zurück in die Basis kaufte sie ein Sandwich, weil die Kantine geschlossen war.

TAGEBÜCHER. Sie erledigte die dringendsten Nacharbeiten, und dann ging’s ab in den Pausenraum. Im «Bund» stand zu lesen, dass prominente tagebuchverfassende Schreibende nichts Interessantes zum Thema Corona zu erzählen wüssten. Die Briefträgerin fragte sich: «Warum wohl?» Sie trank den Kaffee aus, desinfizierte den Tisch und ging zurück zum Sortiergestell. Dort hatte ein flinker, solidarischer Stift ihr bereits einen Teil der verbliebenen Arbeit abgenommen. Sie erledigte den Rest, dann war Feierabend, und auf dem Weg zum Zug dachte sie: «Manche Arbeitstage hören auch ganz passabel auf.»

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