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Unsere Welt ist eine Männerwelt

Patricia D'Incau

Journalistin Caroline Criado-Perez (35) beweist es: Wo gebaut, geplant oder geforscht wird, ­gehen die Frauen meist vergessen. Manchmal sogar mit Absicht. Auch wenn es tödlich ist.

TÖDLICH: Bis heute werden Autos praktisch nur mit Testpuppen (Dummies) getestet, die dem Durchschnittsmann nachgebaut sind. Das Risiko für Frauen, bei einem Autounfall schwer verletzt zu werden, ist deshalb 47 Prozent höher als für Männer. (Foto: Getty)

Warum sind Büros für Frauen oft 5 Grad zu kalt? Und warum versteht Apples Sprachassistentin Siri Männer besser als Frauen? Die britische Journalistin Caroline Criado-Perez hat Forscherinnen und Forscher auf der ganzen Welt befragt, Hunderte Studien ­gewälzt und herausgefunden: Alles ­basiert auf einem Durchschnittsmenschen – und der ist Durchschnittsmann.

GESCHLECHTERBLIND

In der Medizin, in der Produktentwicklung, sogar beim Bau von Frauen-WC: Fast überall ist er der Massstab, der Mann. Und die Hälfte der Bevölkerung wird ignoriert: die Frauen. Für sie hat das Folgen. Harmlose, gefährliche,
tödliche.

Zum Beispiel:

  • Wenn Frau auf Zehenspitzen versuchen muss, etwas aus einem Regal hoch oben zu holen.
  • Wenn sie in ein Auto steigt – und sei es nur als Beifahrerin. Denn bis heute werden Autos praktisch nur mit Testpuppen (Dummies) getestet, die dem Durchschnittsmann nachgebaut sind. Das Risiko für Frauen, bei einem ­Autounfall schwer verletzt zu werden, ist deshalb 47 Prozent höher als für Männer.
  • Wenn ein Herzinfarkt nicht erkannt wird, weil Frauen nicht die gleichen Symptome haben wie Männer. Statt einem Stechen in der Brust haben vor allem jüngere Frauen eher Bauchweh, Kurzatmigkeit, ihnen ist schlecht, und sie fühlen sich müde. Die Gefahr, dass der Infarkt nicht erkannt wird, ist für Frauen deshalb 50 Prozent höher als für Männer.

Obendrauf wirken viele Medikamente bei Frauen schlechter. Oder gar nicht. Das ist die zweithäufigste Nebenwirkung von Medikamenten bei Frauen. Einfach deshalb, weil die meisten Tests nicht nach Geschlecht unterscheiden. Und viele Medikamente noch heute nur an Männern getestet werden. Und zwar selbst dann, wenn es um eine Krankheit geht, die in erster Linie Frauen betrifft. Dabei ist erwiesen: Herz, Lunge, Leber, ja sogar einzelne Zellen – fast nichts funktioniert bei Frauen und Männern genau gleich.

Wie das möglich ist? Journalistin Criado-Perez fragte Wissenschafter. Und bekam die unglaubliche Antwort: Der weibliche Körper sei «zu kompliziert» und «zu teuer», um in Tests einbezogen zu werden. Anders gesagt: Der Mann ist die Norm, die Frau die «Ausnahme».

Viele Medikamente ­werden noch heute nur an Männern getestet.

VERGESSENE KÜCHEN

Die Frauen gleich ganz vergessen haben 2011 die Behörden in Columbus, Ohio, USA. Im 105 Millionen Dollar teuren Gerichtsgebäude bauten sie eine Treppe aus Glas. Erst als die Richterinnen wieder zurück zur Arbeit kamen, merkten sie: Man(n) kann Frau so ganz einfach unter den Rock gaffen. Überfordert holten die Behörden Sicherheitsleute ins Haus. Die sollten nach Männern Ausschau halten, die unter der Treppe standen und nach oben schauten. Einen Teppich zu verlegen wäre einfacher gewesen.

Einen anderen durchsichtigen Fehler machte 2004 die Regierung von Sri Lanka. Ein Tsunami hatte ganze Landteile zerstört, Häuser wurden wiederaufgebaut. Als die Familien einziehen sollten, bemerkten die Frauen: Da gab es keine Küchen. Sie waren schlicht vergessen worden. Weil Kochen nach wie vor als Frauenaufgabe gilt – und Frauen beim Wiederaufbau nicht einbezogen wurden. Wie schon vier Jahre vorher im westindischen Gujarat. Für Journalistin Criado-Perez ist klar: Das Vergessen von Frauen und «traditioneller Frauenarbeit» hat System.

EINFACHE LÖSUNGEN

Das spüren etwa Pflegerinnen: in den Armen, in den Schultern, im Rücken. Ähnlich wie bei den Baubüezern macht ihre Arbeit den Körper kaputt. Nur dass sich die Arbeitsforschung weniger für Frauen interessiert. So wurden Schmerzstudien bisher nur an Männern durchgeführt. Und während die Staublunge (beim Mann) praktisch vollständig untersucht ist, ist asbestbedingter Eierstockkrebs kaum erforscht.

In Branchen, in denen vor allem Frauen arbeiten, gibt es praktisch keine Studien. Und in den anderen Branchen nützen sie den Frauen nur wenig: Oft werden sie als «Störfaktoren» aus Untersuchungen ausgenommen, wenn ihre Ergebnisse nicht mit denen der (männlichen) Mehrheit übereinstimmen. So sind Ärztinnen und Fabrikarbeiterinnen jeden Tag Strahlungen und Chemikalien ausgesetzt, die zwar für den Durchschnittsmann nicht gefährlich sind, für Frauen hingegen schon.

Dabei brauchte es nicht einmal aufwendige Studien, um Gefahren zu mindern. Zum Beispiel im Spital. Pa­tientengewalt gehört zu den grössten Berufsrisiken. Doch bis die Pflegerin Hilfe bekommt, dauert es oft lange. Weil lange Gänge die Kolleginnen voneinander trennen. «Mir wäre eine Kreisform lieber», sagt eine Pflegerin im Buch von Criado-Perez. Denn wäre der Gang ein Kreis und keine endlos lange Linie, wäre niemand am einen oder anderen Ende alleine. Das ist verblüffend einfach. Und zeigt: Die Lösungen wären da, würden endlich die Fehler erkannt.

Buchhändler wie Orell Füssli & Co. haben das ganz offensichtlich noch nicht: Bei ihnen steht das preisgekrönte, faszinierend lehrreiche und schlicht wegweisende Buch von Criado-Perez nämlich nicht im Regal für Politik-, Wirtschafts- oder Wissenschaftsthemen. Sondern woliwo? In der ­Abteilung «Lebenshilfe» für Frauen. Wer sagt’s denn: überall Männerwelt!

Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte
Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. Verlag btb, 2020. CHF 24.90.

Unbequeme Fakten:

Journalistin und Autorin Caroline Criado-Perez. (Foto: Getty)

Die britische Journalistin Caroline ­Criado-Perez macht Frauen sichtbar. Sie tat es mit ihrem Erstling «Do it like a woman» (2015), in dem sie Macherinnen von heute porträtierte. Und sie tut es jetzt mit «Unsichtbare Frauen», das Buch ist preisgekrönt und in 19 Sprachen übersetzt.

HARTNÄCKIG. Schlagzeilen macht ­Criado-Perez auch mit Kampagnen. 2013 wollte die britische Nationalbank den britischen Staatsmann Winston Churchill auf eine Banknote hieven. Und dafür Sozialreformerin Elisabeth Fry streichen, sie ist die ­einzige Frau auf einer Pfundnote ­neben der Queen. Innert einer Woche sammelte Criado-Perez 22’000 Unterschriften. Churchill kam zwar trotzdem, dafür aber auch die Autorin Jane Austen. Sie schmückt jetzt die Zehn-Pfund-Note. Dank Criado-Perez stehen vor dem britischen Parlament heute auch nicht mehr nur elf Männer, sondern auch eine Frau. 2018 wurde die Statue von Suffragette Millicent Fawcett enthüllt, der Anführerin der englischen Frauenwahlrechtsbewegung.

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