Wer kann, arbeitet von zu Hause aus. Aber viele müssen weiterhin raus:

Sie halten durch – für uns alle

work

Von der Pflegerin über die Verkäuferin bis zum Brauer: Diese Menschen halten unsere Grundversorgung am Laufen, während die Schweiz stilltsteht. Wie das für sie ist? work hat sich umgehört.

REGINA KARICH: «Schon 40 Überstunden.»

Regina Karich (48), Rayonleiterin bei Coop «Manche Leute reissen uns die Ware aus den Händen»

«Wir sind am Limit. Ich habe in den letzten drei Wochen 40 Überstunden gemacht, dabei hatte ich dieses Jahr bereits 100 Überstunden – und ich bin nicht die Einzige. Wir versuchen, die Regale aufzufüllen, bevor die Kundschaft kommt, weil manche Leute uns sonst die Ware aus den Händen reissen. Teigwaren, Reis, Ravioli oder Wasserflaschen packen wir schon gar nicht mehr aus, sondern stellen direkt die Paletten in den Laden. WC-Papier ­haben wir momentan keines mehr. Fürs Regale-­Auf­füllen bekommen wir wohl bald Unterstützung der Mitarbeitenden aus dem Coop-Restaurant.

Reis, Ravioli, Teigwaren, stellen wir direkt auf den Paletten in den Laden.

STRESS PUR. In den Filialen hat es ja schon länger Desinfektionsmittel am Eingang – auch zu unserem Schutz. Jetzt haben wir Handschuhe, denn das Desinfektionsmittel reisst uns die Haut an den Händen auf. An den Kassen haben wir neu auch Schutzscheiben.
Mir persönlich hat es den Appetit ver­schlagen, ich muss mich momentan zum Essen zwingen. So zu arbeiten, ist echt Stress pur. Aber ich versuche, mich nicht von der Angst vor dem Corona-Virus überwältigen zu lassen. Solange wir genügend zu essen haben und gesund bleiben, kann ich mit dieser Situation umgehen.» (asz)


Tamara Rohrbach (39), Pflegefachfrau / Notfall-Expertin «Wenn’s mich braucht, helfe ich»

TAMARA ROHRBACH: «Positive Stimmung im Team.»

«Wir mussten alles verstecken – die Masken, das Desinfektionsmittel, die Handschuhe beim Eingang. Auch unseren Bestand zählen wir täglich durch. Früher war die Devise, dass wir alle zwei Stunden die Masken wechseln sollen, das gilt jetzt nicht mehr. Aber momentan haben wir noch genügend Material auf Lager. Wir haben jetzt auf der Notfallaufnahme im Tiefenauspital in Bern fünf Kojen für Covid-Patienten. Und: neu können wir jetzt sogar lüften! Aber mühsam ist es schon. Jedes Mal, wenn wir zu Covid-­Patientinnen gehen, müssen wir die Schutzkleidung an- und dann wieder aus­ziehen und danach die ganze Koje desinfizieren.

Seit zwei Wochen steigt die Zahl Covid-­Patienten massiv an. Jetzt haben wir einen ­Covid-Truck vor dem Eingang. Dort werden tagsüber die Abstriche für die Tests gemacht. Abends und in der Nacht machen wir sie weiterhin auf dem Notfall.

Ich möchte nicht entscheiden müssen, wem wir helfen, und wem nicht.

Eigentlich habe ich ein 50-Prozent-Pensum. Jetzt werden wir aber alle auf­stocken müssen. Das ist in unserem Team zum Glück gut machbar, weil viele Teilzeit arbeiten und Partne­rinnen und Partner haben, die die Kinderbetreuung übernehmen können. Ich hoffe, im Tiefenauspital kommt es nicht so weit, dass wir Zwölf-Stunden-Dienste leisten müssen so wie in anderen Spitälern. Allerdings können wir auf dem Notfall unseren Dienst nicht einfach runterfahren, wie das auf anderen Stationen unter Umständen möglich ist.

Wenn’s mich braucht, dann helfe ich, solange ich das mit meinem Mann und den drei Kindern irgendwie organisieren kann. Ich hoffe sehr, dass es hier nicht zu ­Zuständen kommt wie in ­Italien, wo das Spitalpersonal vor Erschöpfung zusammenbricht. Und wo es nicht mehr genügend Platz hat für alle Notfallpatienten. Ich möchte nicht entscheiden müssen, welchen Menschen wir helfen und welchen nicht.

MEHR RESPEKT. Es ist schon belastend, dem Ganzen so ­direkt ausgesetzt zu sein. ­Dafür erlebe ich aber jetzt mehr Dankbarkeit, mehr Respekt. Normalerweise verstehen die Leute nicht, wieso sie auf dem Notfall manchmal lange warten müssen. Aber wir sind in der Nacht nur zu viert: eine ­diplomierte Pflegerin, eine Pflegeassistentin und zwei Ärztinnen. Wir von der Pflege machen die Triage und die Aufnahme selber. Sowieso sind in normalen Zeiten 80 Prozent der Fälle eigentlich keine Notfälle, sondern es geht um Halsweh oder einen grippalen Infekt. Aber Leute mit so was kommen nun nicht mehr. Ich denke, diese ­Message ist jetzt durchgedrungen.

Positiv ist auch die Stimmung im Team. Wir sind mehr füreinander da. Und ich hoffe, dass sich diese Krise auch positiv auf die Löhne in der Pflege auswirkt!»­ (asz)


Christina Scheidegger (36), Moderatorin Radio SRF «Wir machen einfach weiter»

CHRISTINA SCHEIDEGGER: «Die Atmosphäre ist anders.»

«Wenn ich morgens um halb vier mit dem Elektroauto zum Frühdienst fahre, ist kaum jemand unterwegs. Das war auch schon vor Corona so: leere Strassen und leergefegte Städte. Der Start in den Tag ist für mich drum auch jetzt ein Stück weit wie immer. Ausser, dass ich jetzt öfter zu Hause am Computer arbeite. Und wenn ich im Studio in Bern bin, verbringe ich den Dienst in ­einem deutlich leereren Radio-Gebäude. Wir sitzen weit auseinander, zwischen uns stehen leere Schreibtische. Die Atmosphäre ist anders: es gibt kein so grosses Stimmengewirr mehr, kein so lautes Tastaturgehacke. Ganz anders als vor Corona. Denn normalerweise geht es bei uns zu wie im Bienihuus.

Das Informations-Bedürfnis ist grösser als sonst.

GERADE JETZT! Jetzt aber darf nur noch ins ­Studio, wer für die Sendung unbedingt vor Ort sein muss. Die Hauptmoderation und die Produktion zum Beispiel, oder die Technik. Alle anderen arbeiten von zu Hause aus an der Sendung mit. Das macht zwar alles ein bisschen komplizierter, aber eben auch sicherer. Weil ohne gesunde Journalistinnen und Journalisten keine Nachrichtensendungen.

Unsere Aufgabe ist es, die Bevölkerung mit gesicherten Informationen zu versorgen. Gerade in Zeiten wie jetzt! Das Informationsbedürfnis ist im Moment grösser als sonst. Mehr Menschen sind zu Hause und hören Radio und schauen TV, weil sie auf dem Laufenden bleiben wollen. Und Antworten suchen, mehr als sonst auch auf ganz alltägliche Fragen wie: «Soll ich mein Kind in die Kita schicken?» oder «Darf ich mich noch mit meinen Freundinnen treffen?». Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit sind da sehr wichtig. Die journalistische Qualität zu sichern, hat für uns deshalb oberste ­Priorität. Corona-Krise hin oder her. Und was da alles noch kommen mag, für uns ist klar: Wir machen weiter. Jetzt erst recht.» (pdi)


Alice Zweifel (27), Kita-Leiterin «Massnahmen umsetzen ist in der Kita sehr schwierig»

ALICE ZWEIFEL: «Emotionale Achterbahn.»

«Zu Beginn fühlte ich schon eine Wut: Wie sollen wir in der Kita diese Massnahmen umsetzen? Wie sollen wir ­trösten, zu Essen geben, wickeln – mit zwei ­Metern Abstand? Wir haben keine Masken, ­können uns nicht genügend schützen. Mein erster Gedanke war: Einmal mehr werden wir in den Kitas alleingelassen. Doch dann habe ich bemerkt, wie solidarisch die Eltern sind, wie gut unser Team trotz der schwierigen Situation funktioniert, wie sehr mich der Vorstand unterstützt.

Ich hoffe, dass die Kinder uns
noch kennen, wenn das Ganze vorbei ist.

Wir mussten eine Zeit lang schliessen, da wir einen Corona-Verdachtsfall hatten. Das hat mir als Leiterin Zeit gegeben, die Abläufe neu zu organisieren. Momentan arbeiten wir mit maximal fünf Kindern pro Gruppe, an vier Tagen pro Woche. Aber es bleibt eine Gratwanderung, eine Kita in Corona-Zeiten zu führen: Wie viel darf ich den Mit­arbeitenden vorgeben, wie viel den Eltern zumuten? Dazu kom­men finanzielle Sorgen. Momentan haben wir Kurzarbeit angemeldet. Und ich hoffe, niemanden entlassen zu müssen. Auch die Kinder sind verunsichert. Ein dreieinhalbjähriges Mädchen wollte kürzlich, dass wir alle Türen und Fens­ter verriegeln, damit Corona nicht reinkomme.

WOCHE FÜR WOCHE. Für mich waren die letzten Wochen eine emotionale Achterbahnfahrt. Ich hatte wahnsinnig viele Anforderungen, die Vermittlung zwischen den Mitarbeitenden und den Eltern. Manchmal hat es mich fast zerrissen, ich habe auch geweint. Andererseits habe ich extrem viel Rückhalt vom Vorstand erfahren, wir haben so eng zusammengearbeitet wie noch nie, und auch im Team versucht jeder und jede, das Beste zu geben.

Jetzt nehme ich einfach Woche für Woche und hoffe, dass die Kinder uns noch kennen, wenn das Ganze vorbei ist. Sonst müssen wir alle wieder neu eingewöhnen. Ich hoffe auch, dass das Team stabil bleibt und dass die Eltern uns auch weiterhin vertrauen.» (asz)


Stephan Kleyer (42), Bierbrauer  «Bier ist noch gefragt

STEPHAN KLEYER: «Sorge um die Familie»

Unsere Kupferkessel und die Gärkeller bei Feldschlösschen sind weiter in Betrieb. Wir füllen aber nur noch in Flaschen und Dosen ab. Die Fassabfüllerei ist weitgehend eingestellt, weil Restaurants und Bars geschlossen sind. Das trifft uns natürlich. Dafür nimmt der Bier-Verkauf in den Supermärkten gerade zu, wegen der höheren Frequenz in den Läden. Das wird sich aber auch wieder relativieren, wenn sich die Lage beruhigt hat. Wir produzieren nach wie vor in drei Schichten. Es sind aber jeweils nur noch jene Arbeiter da, die es unbedingt braucht. Wer zur Risikogruppe gehört, bleibt sowieso zu Hause. Ich habe von Kollegen aus anderen Betrieben gehört, dass bei ihnen schon Leuten gekündigt wurden. Bei Feldschlösschen wird hingegen geschaut, dass keine Arbeitsplätze verlorengehen. Bei uns wurde Kurzarbeit eingeführt. Und: jeden Montag und Donnerstag hält die Geschäftsleitung eine Krisensitzung ab, um die neusten Entwicklungen zu besprechen. Wir im Betrieb werden laufend informiert. Das hilft gegen Verunsicherung.

In der Brauerei fühle ich mich im Moment am sichersten.

RÜCKSICHT NEHMEN. Die Lage ist ernst. Das haben jetzt auch diejenigen Kollegen begriffen, die vor ein paar Wochen alles noch lockerer genommen und gewitzelt haben. Jetzt geht jeden Tag ein Kollege durch den ganzen Betrieb und desinfiziert alle Türfallen, auch Tastaturen werden regelmässig geputzt. Und die Kantine ist neu bestuhlt worden, damit wir beim Essen Abstand halten. Das ganze Firmengelände ist für Leute von ausserhalb gesperrt. Offen gesagt: in der Brauerei fühle ich mich im Moment eigentlich am sichersten. Hier nehmen wir Rücksicht. Während draussen immer noch so einige herumlaufen, die husten und beim Anstehen drängeln. Jetzt sollen alle, die können, zu Hause bleiben. Auch wenn das hart ist. Ich merke das ja selbst: Ich wohne allein, meine Familie lebt in Deutschland. Meine Eltern, meine Grosseltern  … Ich kann ihnen nicht helfen – nicht einmal etwas einkaufen gehen für sie und es ihnen vor die Tür stellen. Und wenn ihnen etwas passieren sollte, dann kann ich nicht zu ihnen. Das ist schon ein mulmiges Gefühl.» (pdi)


Mélissa Farine (20), SBB-Zugbegleiterin «Ich kontrolliere nicht mehr»

MELISSA FARINE: «Leere Züge.»

«Der grösste Unterschied zu Vor-­Corona-Zeiten – ich kontrolliere keine Billetts mehr. Die SBB hat dies zum Schutz von uns Zugbeglei­terinnen und Zugbegleitern so entschieden. Schwarz­fahren ist natürlich trotzdem nicht erlaubt! Diese Massnahme kam für mich etwas spät. Erst als die Schulen geschlossen wurden, hat die SBB reagiert. Wir ­hatten zwar schon vorher Seife und Desinfektionsmittel zur Verfügung, mussten aber ­weiter kontrollieren und kamen so in direkten Kontakt ­mit den Fahrgästen. Jetzt machen wir hauptsächlich noch Durchsagen und technische Kontrollen.

Bis jetzt sind die Reisenden erstaunlich ruhig geblieben. Lange waren auch noch sehr viele Menschen unterwegs. Erst mit der Ausrufung des Notstandes wurden die Züge leerer. Am frappantesten war es im ersten Zug früh samstagsmorgens: Keine Ausgängerinnen und Ausgänger sind mehr unterwegs – wo ­hätten sie auch Party machen können?

EINSAM. Für mich persönlich habe ich keine grosse Angst, denn ich gehöre ja nicht zur ­Risikogruppe. Aber meine grösste Befürchtung ist, den ­Virus zu haben, ohne es zu ­bemerken, und ihn so an verletzlichere Menschen weiterzugeben. Was mich sehr belastet, sind Einschränkungen im Privatleben. Ich bin ein sehr sozialer Mensch, ich möchte ­rausgehen, Freundinnen und Freunde ­treffen. Jetzt habe ich Angst, dass ich einsam sein werde.» (asz)


Susanne Eichenberger (49), Spitalfachärztin, Inselspital «Ich nehme es von Tag zu Tag»

SUSANNE EICHENBERGER: «Es kommt noch was auf uns zu.»

«Vor einer Woche kam es zu einem plötz­lichen Anstieg der Konsultationen im
Covid-Truck ausserhalb des Notfalls. Über 200 Personen täglich. Vor drei Wochen waren es erst so 40 bis 60 gewesen. Und wir wissen von anderen Ländern, die eine ähnliche Dynamik der Fallzahlen hatten: Die intensivsten ­Zeiten stehen noch bevor. Da kommt noch was auf uns zu. Und darauf bereiten wir uns jetzt vor: Zusatzpersonal einstellen, Dienstpläne ­umschreiben, Zusatzschichten einplanen, Material beschaffen usw.

Im Moment sehen wir noch nicht aussergewöhnlich viele schwerkranke Patientinnen und Patienten, aber das wird sich in den nächsten 14 Tagen ändern. Und gelingt es nicht, die Ansteckungen zu bremsen, und die Kurve der Infizierungen steigt weiter so steil an, werden es im schlimmsten Fall ganz viele Schwerkranke aufs Mal sein, die zu uns kommen. Diese Vorstellung ist schon ungemütlich, denn das wird uns extrem herausfordern. Doch ich hoffe jetzt, dass die Massnahmen des Bundesrates so greifen, dass die Infizierungskurve möglichst bald abflacht. Und sich damit die schweren Fälle besser verteilen.

Ich habe so was noch nie erlebt. Es ist beunruhigend.

SOLIDARITÄT WÄCHST. Doch es ist schon so, ich habe so was noch nie erlebt. Und es ist beunruhigend, denn wir haben es mit einem neuen, sich sehr rasch ausbreitenden Virus zu tun. Obwohl wir wussten, dass wir es früher oder später mit betroffenen Patientinnen und Patienten zu tun haben würden, und uns auch darauf vorbereitet hatten, war es bei den ersten Verdachtsfällen doch irgendwie aufregend. Es musste sich alles etwas einspielen, und wir waren zu Beginn sicher eher übervorsichtig. Inzwischen wissen wir mehr. Täglich kommen neue Erkenntnisse.

Der Kontakt mit den Corona-Patienten hat sich normalisiert. Und die Solidarität im Team wächst: Alle wissen, wie schwierig die Situation ist, und bemühen sich, flexibel zu sein, einander aus­zuhelfen, ihr Pensum aufzustocken, wenn’s geht. Das ist schön. Und auch die Anerkennung von Seiten der Patientinnen und Patienten für unsere Arbeit freut uns.

Ja, und ich nehm’s von Tag zu Tag. Und halte mich strikte ans ‹social distancing›. Denn ich spüre da schon eine grosse Verantwortung: Ich will auf keinen Fall krank werden, bei der Arbeit ausfallen oder geschweige denn jemanden anstecken.» (mjk)


Sandra Nöthiger (33), Bäckereiverkäuferin «Der Andrang war massiv!»

SANDRA NÖTHINGER: «Plötzlich mehr Kundschaft.»

«So etwas haben wir noch nie erlebt! Am Freitag, den 13. März, verkündete der Bundesrat, alle Schulen, Restaurants und Geschäfte müssten sofort geschlossen werden. Da wussten wir, dass unsere Bäckerei hier in Zürich wohl bald mehr Kundschaft haben würde als sonst. Deshalb haben wir sofort die Bestände aufgestockt. Am Samstag war der Andrang dann aber so massiv, dass wir schon am ­Mit­­tag kein Brot mehr hatten.

Schon am Mittag hatten wir kein Brot mehr.

MEHR UMSATZ. Noch am Montag war es ähnlich krass. Die Leute haben aber nicht nur Gebäck gekauft, sondern auch unsere Konfitüren, Salz, Pasta oder ­Tomatensaucen.
Jetzt hat es sich wieder etwas gelegt. Doch wir stellen fest: Während unsere Kunden vor der Corona-Krise im Schnitt pro Einkauf etwa 8 Franken ausgegeben haben, sind es jetzt 17 Franken! Die Leute kaufen mehr ein, und manche gefrieren die Ware wohl zu Hause ein. Gestiegen ist auch die Anzahl Kunden. Plötzlich kommen Menschen in unser Quartierlädeli, die ich noch nie gesehen habe. Ich vermute, dass sich einige einfach nicht mehr in die grossen Einkaufszentren trauen.

MEHR ARBEIT. Generell sind die Leute vorsichtiger geworden. Manchmal stehen sie zum Warten ­extra in die hinterste Ecke des Ladens. Eigentlich vorbildlich! Gestresster als sonst ist unsere Kundschaft aber nicht. Die Leute sind nach wie vor sehr freundlich. Auch wenn wir sie jetzt bitten, möglichst alles mit der Karte zu bezahlen, damit wir kein Bargeld anfassen müssen.

Aber eben, sie kaufen mehr ein. Und das verschafft uns natürlich nicht nur mehr Umsatz, sondern auch mehr Arbeit. Ich musste jetzt schon einen Zacken zulegen, um auch noch mit den Bürorapporten nachzukommen. Doch stressen lasse ich mich ­deswegen nicht. Das wäre kontraproduktiv. Unser Chef weiss das und hat deshalb jetzt schon zum zweiten Mal einen Mitarbeiterbrief verschickt und uns allen ein grosses Dankeschön aus­gesprochen. Diese Wertschätzung hat mich sehr gefreut.» (jok)


Svenja Egger (20), Pharma-Assistentin im dritten Lehrjahr «Viele wollen grad einen Jahresvorrat»

SVENJA EGGER: «Panik ist spürbar.»

Am Morgen haben wir 50 Fläschchen Desinfektions­mittel abgefüllt, die waren am Nachmittag alle weg. Es ist schon eine gewisse Panik spürbar. Zum Teil kommen die Leute mit Handschuhen in den ­Laden, andere ­ziehen den Pulli über die Nase. Vor allem die älteren sind vorsichtig.

Am grössten war der Andrang am 13. März, nachdem der Bundesrat die Schulschliessung bekanntgegeben hatte. Und am Tag danach. Die Kundschaft kaufte vor allem Fieber- und Schmerzmittel und Babynahrung. Und die mit Rezept wollten gleich einen ganzen Jahresvorrat beziehen. Doch die Krankenkassen zahlen nur für drei Monate im voraus. ­Einige wollten trotzdem mehr und zahlten selber.

Wir haben noch einen grossen
Kanister mit Desinfektionsmittel.

MACHTWORT. Das geht jetzt aber nicht mehr, wir dürfen nur noch eine Packung aufs Mal abgeben. Und nur noch vier Personen aufs Mal reinlassen. Sie müssen hinter den Markierungen warten. Doch nicht alle halten sich daran, dann muss der Chef ein Machtwort sprechen.

PRÜFUNGEN. Ich verstehe, dass Leute Angst haben. Dann beruhige ich, sage: ‹Keine Sorge, wir bleiben offen!› Oder: ‹Wir haben noch einen grossen Kanister Desinfektionsmittel, können auch nachproduzieren!› Selber habe ich keine Angst, höchstens um meine ­Eltern, die gehören zur Risikogruppe. Aber klar, ich hoffe, dass das Ganze nicht zu lange dauert. Auch weil Ende April die Lehrabschlussprüfungen beginnen. Ich bin mir nicht so sicher, ob die dann wirklich stattfinden. Aber was soll ich machen? Ich lerne jetzt mal weiter wie normal.

Etwas Positives hat die Corona-Epidemie aber trotz allem: weniger Flüge, weniger CO2. Dem Klima tut das gut. (che)

Svenja Egger arbeitet in der Freudenberg-Apotheke in Bern. Diese zahlt bessere Löhne als im Branchenschnitt, die Mitarbeitenden haben mehr Ferien. Grund: Sie ist Teil der Genossenschaft Geno-Apotheken, gegründet 1956. Damals mit dabei: die Gewerk­schaften Smuv und VHTL, die 2004 zur Unia.

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