Wer hat’s erfunden? Die Schweiz als Streikvorbild!
Luxemburgerinnen im «Fraestreik»

Das ­Grossherzogtum Luxemburg ­erlebte am 7. März seinen allerersten Frauen­streik. Zuvor hatten sich die Streik­organisatorinnen Tipps und Tricks aus der Schweiz geholt.

GRANDIOS: Über 2000 Frauen streikten am 7. März in Luxemburg – inspiriert vom fulminanten Schweizer Frauenstreik vom 14. Juni 2019. (Foto: Twitter)

Wind und Regen prägten tagelang das Wetter über Luxemburg. Doch als wollte sie ein politisches Zeichen setzen, zeigte sich die Sonne just am 7. März. An jenem Samstag also, an dem der allererste Frauenstreik stattfand. Gut 2000 Frauen und etwa 200 Männer demonstrierten an diesem historischen Tag laut und lila beflaggt durch Luxemburg Stadt. Was nach wenig klingen mag, ist tatsächlich eine ausserordentliche Zahl. Denn das katholisch-konservativ geprägte Grossherzogtum ist bezogen auf Fläche und Bevölkerung nur wenig grösser als der Kanton St. Gallen. Und bis anhin hatten sich zum Internationalen Frauentag vom 8. März nie mehr als 400 Luxemburgerinnen versammelt. Isabelle Schmoetten (29) ist daher mehr als zufrieden. Die Bibliothekarin war von Anfang an bei der Streikorganisation dabei und sagt: «Es war eine einzigartige Mobilisierung. Und wenn das so weitergeht, darf man wirklich gespannt sein.» Tatsächlich vereinte der erste «Fraestreik» (luxemburgisch für Frauenstreik) ganz unterschiedliche Gruppen. Angeführt wurde die Demo von schwarzen und migrantischen Frauen, denen die queere und lesbische Community folgte. Dann kam der Block der Reinigungsarbeiterinnen, dahinter eine Gruppe Sportle­rinnen. Und neben Schülerinnen, ­Studentinnen, Rentnerinnen und Gewerkschafterinnen zogen sogar einige Ministerinnen und Abgeordnete mit. Ihr gemeinsames Motto: «Méi Zait, Paie an Respekt!», also «Mehr Zeit, Lohn und Respekt». Klingt das vertraut? Das ist kein Zufall.

«Der Streik ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang.»

HELVETISCHE STREIKBERATUNG

Für ihren Streik haben sich die Luxemburgerinnen nämlich ausgerechnet aus der Schweiz Inspiration geholt. Aktivistin Schmoetten erklärt, warum: «Unsere Länder haben viele Ähnlichkeiten, beide sind klein, mehrsprachig, reich und ziemlich konservativ.» Und wenn die Wirtschaft laufe, die Mentalitäten aber hinterherhinkten, könne ein Streik vieles beschleunigen. Zwar hätten sie ihre Fühler auch nach Belgien ausgestreckt, sagt Schmoetten, doch dort sei der Frauenstreik weniger erfolgreich gewesen als in der Schweiz. Und auch mit Französinnen habe man sich ausgetauscht. Nur lasse sich die französische Streiktradition nicht einfach auf Luxemburg übertragen. Auch in dieser Hinsicht passe ein Vergleich mit der Schweizer Alpenrepublik besser. Deshalb hatte im Oktober 2019 eine Plattform von 20 feministischen Organisationen zu einem Ideenaustausch «mat dräi Schwäizerinnen» geladen. Eine dieser drei helvetischen Streikberaterinnen war Regula Bühlmann, Frauenbeauftragte des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB). Sie sagt: «Mit diesen Frauen hat es so richtig gfägt!» (berndeutsch für: es war richtig toll!) Primär sei es darum gegangen, Mut und Begeisterung zu vermitteln. Und zu zeigen: «Auch wir haben einmal klein angefangen.»

CARE-ARBEIT TEILEN

Erstes Streikziel war es, die ungleiche Verteilung der Sorgearbeit sichtbar zu machen. Denn die Luxemburger Männer kümmern sich nur halb so viel um Haushalt, Kindererziehung oder Altenpflege wie die Luxemburgerinnen. Einer Lohnarbeit kann deshalb jede dritte Frau nur in Teilzeit nachgehen. Gleichzeitig arbeiten bloss 6 Prozent ­aller Männer Teilzeit. Zum Vergleich: In der Schweiz arbeiten immerhin 18 Prozent der Männer Teilzeit. Und so ist die Altersrente von Frauen in Luxemburg im Schnitt 43 Prozent tiefer als jene der Männer. In der Schweiz ist sie 37 Prozent tiefer. «Die Care-Arbeit fairteilen!» war daher eine weitere Forderung des 7. März. Genauso wie mehr Wertschätzung für diese Arbeit, ohne die nichts funktionieren würde.

Besonders laut forderten das die Reinigungsarbeiterinnen der Gewerkschaft OGBL. Dores Azeredo (41) ist eine von ihnen und erklärt: «Unsere Arbeit wird hier nicht einmal als echter Beruf anerkannt. Es gibt null ­Ausbildungsmöglichkeiten!» Entsprechend tief seien die Löhne. Einige ihrer zumeist portugiesischen Kolleginnen verdienten nur gerade 12 Euro pro Stunde. Und das in der Hauptstadt, wo eine 2-Zimmer-Wohnung nicht unter 2500 Euro zu mieten sei. Azeredo ist deshalb überzeugt, dass die Bewegung weitergehen wird: «Der Streik ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang.»

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