Der Coronavirus trifft Arbeitnehmende schon jetzt hart:

Jobs weg, Löhne weg­

Christian Egg

Autosalon, Hotellerie und ­Grenzgänger und Grenz­gängerinnen: Obwohl gesund, gibt es bereits viele Corona-Opfer unter den Mitarbeitenden.

ABGESAGT: Wegen Corona findet der Genfer Autosalon nicht statt, deshalb haben rund 700 Temporäre ihre Arbeit verloren. (Foto: Keystone)

Den 28. Februar 2020 vergisst Viktor Giger (28) nicht mehr so schnell. Der Bühnenarbeiter war gerade im Zürcher Hallenstadion. Baute die Bühne auf für das Konzert der Rockband «AnnenMayKantereit». Da entschied der Bundesrat: Wegen des Coronavirus sind alle Anlässe mit mehr als 1000 Personen ab sofort verboten. Giger: «Wir konnten gleich wieder mit dem Abbau anfangen.»

Vorher verdiente Giger im Schnitt rund 3300 Franken im Monat. Nach dem Verbot wurden alle Konzerte abgesagt. Sein Verdienst jetzt: null Franken. Denn einen fixen Arbeitsvertrag hat er nicht. Sein Arbeitgeber ist ein Personalvermittler. Keine Einsätze, kein Lohn. Und nicht einmal zum RAV können die Temporären.

«Die Lage im Tessin ist chaotisch.»

KEIN EINSATZ, KEIN VERDIENST

Das bundesrätliche Verbot von Veranstaltungen trifft auch Messen. Und damit Menschen, die da einen Arbeitseinsatz haben. Oder besser gesagt, gehabt hätten: Allein durch die Absage des Genfer Autosalons haben rund 700 Temporäre ihre Arbeit verloren. Laut Gesetz haben sie bei kurzfristigen Absagen Anrecht auf zwei Tage Lohn, mehr nicht.

Ähnliches gilt für die Sicherheitsbranche. Arnaud Bouverat von der Unia: «Es gibt im Jahr drei Anlässe, an denen sehr viele Sicherheitsleute im Einsatz sind: der Autosalon, die Uhrenmesse Baselworld und das WEF in Davos. Zwei davon wurden wegen Corona abgesagt.» Bouverat schätzt, dass die Mitarbeitenden dadurch Tausende von Einsatzstunden verloren haben. Und damit oft auch ihren Verdienst.

ZWANGSFERIEN

Die Corona-Epidemie spürt immer mehr auch das Gastgewerbe, besonders in Tourismusregionen. Etliche Hotels haben ihre Saison vorzeitig beendet. Deshalb läuft das Telefon von Unia-Mann Giuseppe Reo in Luzern und Thun heiss. Einige Hotels und Restaurants hätten schon bei den ersten Absagen die Mitarbeitenden heimgeschickt und wollten ihnen den Lohn nicht zahlen. Doch Reo stellt klar: «Das geht nicht.» Ein Hotel habe etwa eine Servicemitarbeiterin zwingen wollen, ihre Ferien jetzt statt im Sommer zu beziehen. Reo erreichte, dass die Frau stattdessen nun hilft, den bereits stillgelegten Teil der Küche zu reinigen.

Im Kontakt mit den Verantwortlichen finde sich meist eine Lösung, so Reo. Etwa in dem Hotel, das in allen Zimmern die Vorhänge erneuern will. «Im Gespräch sagte eine Wäschereimitarbeiterin dem Chef: Gib uns Stoff und Nähmaschinen, das können wir selber machen.» So sei allen geholfen, sagt Reo.

CORONA-PANIK BEI DEN CHEFS

Am stärksten von Corona betroffen ist das Tessin. Als «chaotisch» bezeichnet Unia-Mann Giangiorgio Gargantini die Lage. Viele Hotels haben den Saisonstart jetzt verschoben. Für die Mitarbeitenden bedeutet das nicht nur den Verlust des Einkommens, wie Gargantini erklärt: Viele seien im Winter auf Arbeitslosengelder angewiesen. «Wenn sie jetzt plötzlich nur noch 5 Monate arbeiten können statt 6, verlieren sie ihren Anspruch auf Unterstützung.» Er rechne damit, dass sich alles noch zuspitze.

Ziemlich überspitzt reagierte dieser Tage auch ein grösseres Elektrounternehmen mit verschiedenen Standorten. Es informierte die Mitarbeitenden: Wer von den Behörden unter Quarantäne gestellt werde und nicht zur Arbeit komme, habe keinen Anspruch auf Lohn. Das ist illegal: Bei unverschuldeter Quarantäne muss die Firma den Lohn zahlen. Und Corona-Panik hin oder her, auch was sich die Confiserie Bachmann in Luzern am Personal- und Lieferanteneingang des Produktionsbetriebs leistet, entbehrt ­jeder Rechtsgrundlage: eine Wärmebild­kamera misst dort die Temperatur von Mit­arbeitenden und Lieferanten. Wer Fieber hat, kommt nicht rein.

Und so kann man denn die Lust jenes Mitarbeitenden einer Schweizer Logistikfirma prima verstehen, der per Whatsapp-Gruppenchat selber ein Verbot herausgab: «Wegen der Zunahme von übertragbaren Krankheiten ist es ab sofort verboten, dem Chef den Arsch zu lecken.»


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