Trotz glasklaren Pandemie-Vorgaben des Bundesrates:

Hunderte Firmen pfeifen auf Gesundheitsschutz

Christian Egg

Baustellen ohne Seife, Fast-Food-Mitarbeitende ohne Handschuhe, ­Päcklifahrer ohne Schutz vor Ansteckung: Firmen schützen die Gesundheit der Lohnabhängigen nicht.

JETZT IST SCHLUSS! Erst nach fünf Tagen und einer Protest­aktion der Mit­arbeitenden reagierte McDonald’s und schloss die ­Restaurants. (Foto: Unia)

Viele Firmen sind von der Corona-Krise überfordert. Auf dem Bau, in den Läden, im Transport- und Liefergewerbe: Die Unia kennt bereits unzählige Fälle von Verletzungen der BAG-Massnahmen. work bringt auf dieser Seite eine kleine Auswahl davon:

«Unsere Kinder sollen zu Hause bleiben, und bei uns auf dem Bau gibt’s nicht mal Seife?»

AUF DEM BAU

Die hygienischen Zustände auf vielen Baustellen sind erschreckend. Zum Beispiel in Basel: Beim Neubau des Claraspitals waren mehr als 150 Bauleute gleichzeitig tätig. Es war für sie schlicht unmöglich, den Mindestabstand von zwei Metern einzuhalten. Auf der Grossbaustelle der Baloise-­Versicherung waren es sogar über 200 Bauarbeiter. Die Versicherung wollte die Zustände auf der Baustelle verschleiern und hinderte die Unia-­Mitarbeitenden mit Gewalt daran, eine Kontrolle zu machen. Thomas Leuzinger von der Unia Aargau-Nordwestschweiz berichtet: «Erst mit dem Schutz der Polizei konnten wir die Kontrolle schliesslich durchführen.» Und unhaltbare Zustände feststellen.

Den Bauarbeitern wurde nämlich an den meisten Orten nicht einmal Seife zur Verfügung gestellt – von Des­infektionsmittel ganz zu schweigen.

Die wenigen Toitoi-WC hatten kein fliessend Wasser, mit dem sich die Arbeiter hätten die Hände waschen können.

Keine Einzelfälle, wie der Zürcher Bauarbeiter Branislav Rodi´c* bestätigt: «Unsere Kinder sollen zu Hause bleiben, und bei uns auf dem Bau gibt’s nicht mal Seife?» Kein Wunder, regt sich Widerstand. In Zürich unterschrieben innerhalb von nur 24 Stunden mehr als 24’000 Arbeitnehmende eine Petition an den Regierungsrat, die Baustellen im Kanton unverzüglich zu schliessen. Beim Einkaufszen­trum Stücki-Park in Basel legten am 21. März mehrere Dutzend Bauarbeiter die Arbeit nieder. Aus Protest gegen den schlechten Gesundheitsschutz.

In der lateinischen Schweiz zogen die Kantone die Konsequenzen: Genf und Waadt und Tessin stoppten alle Baustellen. In Freiburg forderten Firmen und Gewerkschaften den Bundesrat gemeinsam auf, dies für die ganze Schweiz zu verfügen – bisher ohne Erfolg (Stand 25. März). Doch die Freiburger Patrons waren konsequent: Die Mehrheit der Baufirmen stellten den Betrieb ein und beantragten Kurzarbeit.

Auch einzelne Bauherrinnen reagierten: Die SBB stellten die Arbeiten auf allen «nicht betriebsnotwendigen» Baustellen ein. Die Immobiliengesellschaft Zivag, die zur Unia gehört, schloss eine Baustelle in Thun.

IM TRANSPORTGEWERBE

Seit Ausbruch der Corona-Krise sind die Online-Einkäufe explodiert. Die Händler kommen nicht nach, der Ansturm ist grösser als vor Weihnachten. Doch beim Schutz ihrer Mitarbeitenden ignorieren viele Firmen die Massnahmen des Bundes. José Pereira*, Päcklifahrer aus Genf: «Am Morgen müssen wir alle im Verteilzentrum unsere Lieferwagen beladen. Da ist es unmöglich, den Mindestabstand zu den Kollegen zu wahren.» Sein Kollege Arthur Bourquin* sagt gar, er sei eigent­lich krankgeschrieben: «Der Chef hat mich aufgefordert, trotzdem zur Arbeit zu kommen. Er gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass mir sonst die Entlassung drohe.» Im Kanton Bern gibt es im Verteilzentrum einer Logistikfirma kein Desinfektions­mittel, nicht einmal Anweisungen, wie sich die Mitarbeitenden jetzt verhalten sollen. Und Manuel Balmer*, Pizzakurier bei Domino’s Pizza, sagt: «Der Arbeitgeber lässt uns völlig im Stich. Wir sind den ganzen Tag in direktem Kontakt mit den Kunden, ohne jeglichen Schutz.»

IN DER GASTRONOMIE

Am 16. März verordnete der Bundesrat: Alle Restaurants müssen schliessen. Doch McDonald’s bietet vorerst weiterhin Take-away an. Auch der McDrive in Crissier VD bleibt offen. Und produziert noch viel mehr Fast Food als sonst, wie die McDonald’s-Mit­arbeiterin Lucie Schneider* berichtet: Normalerweise seien sie in der engen Küche zu zehnt. «Aber am 17. März hat der Chef 21 Mitarbeitende aufgeboten.» Zwei Meter Abstand? Absolut unmöglich.

Die Fast-Food-Kette setze die Gesundheit der Mitarbeitenden aufs Spiel, sagt Schneider. Aber auch die der Kundschaft: «Ein Burger wird von vier bis sechs Angestellten angefasst, bis er verkauft wird. Und wir haben keine Handschuhe!» Ihre Kollegin Francine Perret* sagt, die Corona-Pandemie sei ja nicht von einem Tag auf den anderen aus­gebrochen. Erst nach fünf Tagen und einer von der Unia unterstützten Protestaktion reagiert McDonald’s und schliesst sämtliche Restaurants.

Andere Gastro-Betriebe hielten es nicht einmal für nötig, Kurzarbeit anzumelden. Etwa das Fünfsternhotel «Four Seasons Hotel des Bergues» in Genf. Es schickte Angestellte nach Hause und zwang sie, ihre Ferien jetzt zu beziehen. Gleiches machte das Hotel mit Mitarbeitenden, die wegen der Schulschliessung zu ihren Kindern schauen müssen. Ein Berner Catering-Unternehmen, das jetzt keine Aufträge mehr hat, forderte seine Mitarbeitenden gar zum Lohnverzicht auf.

IM DETAILHANDEL

In der Filiale im Bahnhof Genf stellte die Migros den Verkäuferinnen und Verkäufern keine Handschuhe und Schutzmasken zur Verfügung. Eigenes Material mitzunehmen, verbot die Migros auch. Da reichte es den Mitarbeitenden: Am Morgen des 22. März weigerten sich rund 15 von ihnen, wei­terzuarbeiten. Mit Erfolg: Endlich bot die Migros Hand zu einer Lösung.

Auch Coop bewies nicht überall das nötige Fingerspitzengefühl. In Fribourg teilte die Direktion den Mitarbeitenden mit: Wer zu Hause bleibe, um ein Kind zu betreuen, das nicht krank sei, verletze seine Pflichten gemäss Arbeitsvertrag, dies sei eine «ungerechtfertige Abwesenheit». Das ist nicht zulässig!

* Name geändert


Die Romands machen es vor: Streiks und Proteste für mehr Schutz

BAU-STOP! Gesundheitsschutz geht vor Profit. (Foto: Keystone)

Während die halbe Schweiz zu Hause sitzt, müssen noch ­immer Hunderttausende raus auf die Baustellen, in die Werkstätten und Industriebetriebe. Damit steht ihre Gesundheit auf dem Spiel – und letztlich die der ganzen Gesellschaft. Das wissen auch die Herren ­Arbeitgeber- und Baumeisterpräsidenten in ihren sauberen Büros und Homeoffices. Ihr Kommando lautet dennoch: «Weiterschaffen!» Sonst nämlich gehe die «Wertschöpfung» verloren. Sagen sie und meinen vor allem ihre Profite.

Diese gefährliche Arroganz muss man sich nicht gefallen lassen. Das zeigt ein Blick über den Röstigraben, wo der ­Corona-Virus besonders ­wütet. Dort haben vielerorts die ­Arbeiterinnen und Arbeiter das Heft in die Hand genommen. Sie warteten nicht mehr auf die Behörden und Unter­nehmen, sondern zwangen diese mit ­Aktionen zum Handeln. Eine Auswahl:

  • 17. MÄRZ: Gut 100 Bauarbeiter legen am Flughafen Genf die Arbeit nieder. Ein Tag später beschliesst der Kanton, alle Baustellen zu schliessen.
  • 20. MÄRZ: Streik bei der ­Baustofffirma Canplast in ­Villars-Sainte-Croix VD wegen Verletzung der Sicherheitsbestimmungen des Bundes. Kurz darauf der Erfolg: Die Firma muss unter polizeilicher Kon­trolle eine Reihe neuer Hygienemassnahmen einführen.
  • 20. MÄRZ: Auf einer Grossbaustelle in Lausanne-Blécherette soll gearbeitet werden, ­obwohl der Corona-Schutz nicht eingehalten werden kann. Für solche Fälle hat der Kanton Waadt Baustellenschliessung befohlen. Gewerkschaftlich organisierte Elektriker haben genug und kappen kurzerhand die Stromzufuhr für den gesamten Platz.
  • 20. MÄRZ: Auch am künftigen Campus der Hotelfachschule in Lausanne wird noch gebaut. Bis eines Morgens die Bau­büezer die Arme verschränken und streiken.
  • 21. MÄRZ: Weil der Flughafen Genf die Hygienevorschriften nicht einhält, droht die Gewerkschaft VPOD mit einem Flug­hafen-Generalstreik. Das zeigt Wirkung. Gemäss VPOD können die Vorschriften nun plötzlich eingehalten werden. (jok)

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