Bärtschi-Post

Die Briefträgerin & die Würstlibude

Katrin Bärtschi

Katrin Bärtschi ist Briefträgerin in Bern und Gewerkschafterin.

Die Briefträgerin hatte geklingelt und wartete mit dem eingeschriebenen Brief vor der Haustüre, als zwei léger gekleidete Männer sich näherten. Wie üblich fragte sie, ob die beiden hier wohnten. Einer hätte ja der Adressat ihres Briefes sein können. «Nenei», grinste der eine. Und dann standen sie alle da, und es war komisch. Schliesslich sagte der Mann leutselig: «Wir wollen das Geheimnis lüften.» Er zückte einen Polizeiausweis. Die Briefträgerin war nicht überrascht.

Während der zweite weiterhin wortlos dabeistand, fragte der erste, ob die Briefträgerin hier je für einen XY Post zugestellt habe. «Der Name sagt mir nichts», antwortete sie. Anscheinend suchten die Polizisten eine Person in dem Haushalt, für den auch ihr Chargébrief bestimmt war. Denn der Wortkarge hatte inzwischen ein Couvert herausgezogen und begutachtet, das die Briefträgerin im Kastenschlitz eingesteckt hatte. Auch öffnete er das Ablagefach und inspizierte es.

Hausdurchsuchungsbefehle brauchen wohl nur Würstli budenmitarbeitende.

SELBSTBEWUSST. «Dürfen Sie das eigentlich?» fragte die Briefträgerin vorsichtig. Immerhin gibt es ein in der Bundesverfassung verankertes Schriftgeheimnis. «Natürlich dürfen wir das», gab der Leutselige nun zur Antwort. «Wir sind schliesslich keine Würstlibude!» Würstlibude? «Wie die Post ja auch nicht», fuhr er fort. «Oder doch?» In letzter Zeit habe deren Ruf ja schon gelitten, und in seinem Dorf gebe es inzwischen gar keine herkömmliche Poststelle mehr.

Die Briefträgerin wollte den Brief avisieren und weiter, sie hatte noch zu tun. Logisch, dass der Scanner spukte. Sie musste also warten, bis das Gerät wieder funktionierte, und sich Geschichten über Würstli- bzw. Nichtwürstlibuden an­hören. Als der Brief endlich ­gescannt und der Avis eingeworfen war, verabschiedete sie sich. Im Weiterfahren sah sie noch, dass auch die Polizisten zurück zu ihrem Fahrzeug gingen. Von einem Hausdurchsuchungsbefehl hatten sie nichts gesagt, aber einen solchen brauchen wohl sowieso nur Würstlibudenmitarbeitende, wenn sie in fremden Briefkästen wühlen.

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