Corona bringt Daniel Koch (64) nicht um den Schlaf
Der oberste Viren-Bändiger der Eidgenossenschaft

Niemand steht zurzeit so sehr im Rampenlicht wie Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit. Epidemien hat Mr. Corona aber schon früher bewältigt – und noch viel Schlimmeres erlebt.

MISTER CORONA: Daniel Koch mit seiner Boxerhündin Akira, mit der Koch «Canitrail» betreibt. (Foto: ZVG)

Mal muss er mahnen, dann wieder entwarnen, und das tagtäglich, und zwar gleich mehrmals. Denn mit dem Ausbruch des neuen Coronavirus ist er zum gefragtesten Mann der Schweiz geworden: Daniel Koch (64), Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Er ist der oberste Viren-Bändiger der Eidgenossenschaft und befasst sich normalerweise mit Gefahren, an die sich die Gesellschaft längst gewöhnt hat. Mit der Grippe etwa, mit den Masern, der Zecken-Borreliose oder dem HIV.

Doch jetzt gilt Kochs Aufmerksamkeit ganz dem Covid-19. Beinahe rund um die Uhr überwachen er und sein Team die Ausbreitung des Virus in der Schweiz und analysieren dazu noch die globale Situation, beraten sich mit Bundes-, Kantons- und internationalen Behörden, wägen sorgfältig ab und fällen die notwendigen Entscheide. Und dann tritt Dr. Koch wieder vor die Kameras – auch in fast kniehohen Winterstiefeln, wenn es eilt. Und informiert die Öffentlichkeit in gewohnt souveräner Art, in ruhigem Ton und mit geschliffenen Antworten. Wer aber ist der mittlerweile berühmteste Bundesbeamte, dieser «Mann mit Glatze» («Tages-Anzeiger»), dieser «Mr. Corona» («10 vor 10»), dieser «Marathon-Mann» («Blick»)? Und woher nimmt er seine Coolness? work hat nachgefragt.

MITTEN IM KRIEG

«Ich bin von Natur aus keine ängstliche Person», sagt Koch im Gespräch mit work. Doch sein Auftreten habe sicher auch mit seinem Werdegang zu tun. Nach dem Medizinstudium in Bern und seiner Zeit als gynäkologischer Assistenzarzt im Wallis arbeitete Koch nämlich 15 Jahre lang für das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK). Seinen ersten Einsatz in einem Kriegsgebiet hatte der junge Mediziner Ende der 1980er Jahre. Er wurde nach San Salvador geschickt, in die Hauptstadt des zentralamerikanischen Landes El Salvador. Dort hatte sich der Konflikt zwischen Militärregime und linker Opposition zu einem blutigen Bürgerkrieg entwickelt.

Koch erinnert sich: «Kurz nachdem ich dort angefangen habe, hat die Guerrilla die halbe Stadt eingenommen, und es kam zu Massakern.» Umso mehr brauchte es nun Leute wie ihn. Kochs Aufgabe war es, die Hilfs­güterversorgung zu koordinieren und eine minimale Gesundheitsversorgung sicherzustellen. Und schon damals war auch Kommunikation ein Metier des Arztes. Koch sagt: «Wir standen in ständigem Kontakt mit der Guerrilla wie auch mit dem Militär.»

Anfang der neunziger Jahre folgte die Verlegung nach Sierra Leone. Dort sei es am schlimmsten gewesen. «Es war ein Bürgerkrieg mit Kindersoldaten, in dem auch Hände abgehackt wurden.» Die omnipräsenten Kriegsgreuel seien sehr prägend gewesen. Doch Koch blieb dem IKRK treu. Es folgten weitere Einsätze für Flüchtlinge in Uganda, dann in Apartheid-Süd­afrika und mehrmals auch in Peru, wo sich die Regierung und die Aufständischen des Sendero Luminoso mit Terror zu überbieten versuchten. Ob er jemals selbst in Lebensgefahr geraten sei? Koch sagt sec: «Das IKRK arbeitet immer in gefährlichen Kontexten.»

«Panik und unnötiger Aktivismus sind fehl am Platz.»

INTERNATIONALE SOLIDARITÄT

Gefahr ist auch jetzt wieder im Verzug. Doch für Koch ist es nicht die erste Krisensituation in seinen 18 Jahren beim BAG. Er hat schon die Sars- und die Vogelgrippe-Epidemie betreut. Und dennoch warnt er: «Das Problem wird sich weiter verschärfen. Die Welle kommt.» Jetzt gehe es darum, dem Virus möglichst wenig Gelegenheit zu geben, Schäden anzurichten. Deshalb müssten ganz besonders ältere Personen geschützt werden.

Wichtig sei auch die internationale Solidarität. Denn: «Die Gesundheitsprobleme der Welt können nicht von einzelnen Ländern allein gelöst werden.» Panik und unnötiger Aktivismus seien dagegen fehl am Platz. Daher lobt Koch das Verhalten der Schweizer Bevölkerung: «Sie bewahrt Ruhe, nimmt unsere Massnahmen ernst und setzt sie vorbildlich um.»

Und er selbst? Findet der Mann der Stunde überhaupt noch Zeit für Erholung? Woher nimmt er diese Energie? «Einen Zaubertrank habe ich nicht.» Aber: «Schlafmangel versuche ich zu verhindern», sagt er, «denn das hilft überhaupt niemandem!» Für Entspannung sorgen auch die beiden Boxerhunde Akira und Biba Bella. Mit ihnen betreibt der passionierte Hündeler «Canitrail», einen Laufsport, bei dem der angeleinte Vierbeiner das Tempo vorgibt. Dafür hat Koch aber erst ab dem 13. April wieder Zeit. Dann feiert der Vater von zwei erwachsenen Töchtern und unlängst auch Grossvater nämlich seinen 65. Geburtstag – und seine Pension. «Aber», sagt Koch, «ich gehe nicht, wenn es mich weiterhin braucht.»

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.