7-Tage-Streik bei der Industriefirma Boston Scientific in Ecublens VD

«Der Streik war extrem anstrengend»

Christian Egg

Die Firma schliessen und nach Irland ver­lagern? Nicht mit uns, sagt Qualitätskontrolleur Steven Marchou. Einer von 50 Mit­ar­bei­tenden, die gestreikt haben.

QUALITÄTSKONTROLLEUR STEVEN MARCHOU: «Wir haben gekämpft. Darum gehen wir mit erhobenem Haupt wieder zur Arbeit.» (Foto: Oliver Vogelsang)

Die Informationsveranstaltung am 20. November dauert nur 30 Minuten. Man werde den Standort schliessen und nach Irland verlagern, teilen die Chefs von Boston Scientific den 141 Mitarbeitenden im waadtländischen Ecublens mit. Alle würden die Kündigung erhalten, es gebe einen Sozialplan. Den Nachmittag dürften sie freinehmen. «Peng!» denkt da Qualitätskontrolleur Steven Marchou (35), denn auch er hat nicht mit so einer Hiobsbotschaft gerechnet. Der Firma geht es blendend. Sie stellt künstliche Herzklappen her und hat vor kurzem ein neues Modell entwickelt, das sie jetzt auf den Markt bringen will. ­Dafür sollte die Produktion hoch­gefahren werden.

ABGEWORBEN UND ENTLASSEN

Wie viele andere arbeitet auch Marchou erst seit kurzem bei Boston ­Scientific. Im Juli hatte ihn die Firma von einer anderen Arbeitsstelle sogar abgeworben, um die Abteilung Qualitätskontrolle zu verstärken. Marchou: «Damals sprachen sie von einer Perspektive von fünf Jahren.» Und jetzt das! Wie ein Blitz fährt es Marchou durch den Kopf: «Wir brauchen eine Gewerkschaft.» Seine Gewerkschaft, die Unia. Zusammen mit 64 Kolleginnen und Kollegen bittet Marchou die Unia, dass sie sie im Konsultationsverfahren vertrete. Bei Massenentlassungen schreibt das ­Gesetz eine Konsultation der Mit­arbeitenden vor. Diese dürfen Vorschläge machen, wie der Stellenabbau zu verhindern oder abzumildern sei. Oder sich eben von einer Gewerkschaft vertreten lassen. Das ist ihr Recht. Doch der Boston-Scientific-Manager Tim Starr, Standortleiter in Ecublens, foutiert sich darum. Er schreibt der Unia: Über den Stellenabbau «möchten wir keine Diskussion mit Dritten».

«Der Trick war, nicht zu zeigen, wie müde wir waren.»

MANAGER STARR BLEIBT STUR

Stattdessen teilt die Firma den Mit­arbeitenden mit, die Konsultation laufe bis zum 16. Dezember. «Halt!» ruft da Anaïs ­Timofte von der Unia Waadt: «Das ist viel zu kurz, um seriöse Vorschläge auszuarbeiten.» Doch Starr hat seine eigenen Vorstellungen. Er lässt einen Briefkasten aufstellen. Dort dürfen die Mitarbeitenden Vorschläge deponieren.

Steven Marchou, Verhandlungen waren also nicht vorgesehen?
Genau das habe ich meinen Chef auch gefragt. Er sagte Nein, die Direktion werde die Vorschläge anschauen und dann entscheiden. Da war für mich alles klar.

Eine Alibiübung?
Klar. Um das zu merken, muss man nicht lange in die Schule gegangen sein!

Jetzt treffen sich die Mitarbeitenden zu Versammlungen. Sie wollen über die Zukunft ihrer Jobs verhandeln und wählen eine Delegation. Und sie stellen zwei Forderungen auf: Verlängerung der Konsultationsfrist bis Ende Januar. Und Verhandlungen zwischen Firmenleitung und der Delegation, unter Einbezug der Unia. Viermal übermitteln sie Manager Starr diese zwei Forderungen. Viermal steigt er nicht darauf ein. Auch die Fragen von work will Boston Scientific nicht beantworten. Am 9. Dezember hat die Versammlung genug. Sie beschliesst den Streik. Einstimmig.

Steven Marchou, was war das für ein Moment?
Ich war erleichtert.

Wieso?
Weil ich dachte, jetzt müssen sie verhandeln!

NICHT MIT UNS. 50 Mitarbeitende streikten bei der Firma Boston Scientific.

Doch weit gefehlt: Stattdessen versucht die Firmenleitung nun, die Streikenden einzuschüchtern. Sie engagiert private Sicherheitsleute. Sie lässt die Zutrittscodes zum Gebäude ändern. Dreimal ruft sie die Polizei. Die hat allerdings am Protest nichts auszusetzen. Gleichzeitig versprechen die Chefs in Einzelgesprächen Lohnerhöhungen oder eine Jobgarantie für Leute, die den Streik abbrechen. Doch das tun sie nicht.

Am Tag 6 des Streiks greift das Kantonsparlament ein und verabschiedet mit nur einer Gegenstimme eine Resolution zu Boston Scientific: Die Regierung solle vermitteln. Das versucht diese auch. Aber das Management lehnt ab.

Tags zuvor haben die Streikenden das Arbeitsgericht angerufen. Als sie am 18. Dezember eine Bestä­tigung und einen Termin vor Ge­-richt erhalten, suspendieren sie den Streik.

Steven Marchou, wie war dieser Streik für Sie?
Extrem anstrengend! Ich wusste, dass die Leute auf mich zählen würden, wenn wir die Direktion an den Verhandlungstisch bringen. Und ich wollte für uns etwas ­rausholen. Dieser Druck hat mich geschafft.

Aber Sie haben durchgehalten?
Ja. Wir waren viele, das hat uns stark ­gemacht. Und wir merkten, dass die Chefs ermüdeten. Der Trick dabei war, nicht zu zeigen, wie müde wir selber waren.

Und jetzt?
Wir haben gekämpft. Darum gehen wir jetzt mit erhobenem Haupt wieder zur ­Arbeit.

Boston Scientific: Leere Versprechen

2017: Der US-amerikanische Medizintechnikkonzern Boston Scientific kauft das Schweizer Start-up Symetis in Ecublens VD. Für 435 Millionen Dollar. Er verspricht, die Produktion von künstlichen Herzklappen hoch­zufahren.

2019: Die Direktion stellt rund 60 neue Mitarbeitende an.

20. NOVEMBER: Boston Scientific teilt mit, den Standort schliessen und nach Galway (Irland) verlagern zu wollen. 141 Arbeiterinnen und Arbeiter sollen die Kündigung erhalten, ­gestaffelt bis 2023. Betroffene ­wenden sich an die Unia.

29. DEZEMBER: Die Unia teilt der ­Direktion mit, dass Mitarbeitende sie mit der Vertretung ihrer Interessen beauftragt hätten, und bittet um ein Treffen.

4. DEZEMBER: Nach fünf Tagen antwortet Standortleiter Tim Starr: Das Konsultationsverfahren sei eine interne Angelegenheit, man wolle nicht mit «Dritten» verhandeln.

6. DEZEMBER: Die Versammlung der Mitarbeitenden beschliesst eine Streikwarnung. Doch Manager Starr bleibt stur.

10. DEZEMBER: Streikbeginn.

11. DEZEMBER: In einem Brief an alle Mitarbeitenden bezeichnet Starr den Streik als «illegal».

13. DEZEMBER: Starr droht den Streikenden mit «disziplinarischen oder anderen Massnahmen». Er verhandelt nicht mit der Delegation.

16. DEZEMBER: Die Mitarbeitenden rufen das Arbeitsgericht an. Sie verlangen eine Verlängerung der Konsultationsfrist bis Ende Januar.

18. DEZEMBER: Die Mitarbeitenden suspendieren den Streik bis zum Gerichtsurteil.

2020: Das Urteil soll demnächst ­fallen.

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