Jean Ziegler ‒ la suisse existe

Armut in der Schweiz

Jean Ziegler
Jean Ziegler

Jean Ziegler

Vom deutschen Soziologen Max Horkheimer stammt der Satz: «Reichtum ist unterlassene Hilfeleistung.» Armut ist – wo immer sie auftritt – ein Problem der Verteilung.

Saad Alfarargi ist Sonderberichterstatter der Uno für das Recht auf Entwicklung. Er besuchte zwischen dem 24. September und dem 2. Oktober letzten Jahres die Schweiz. Sein Bericht liegt jetzt beim Bundesrat für dessen Stellungnahme zuhanden des Uno-Menschenrechtsrates. Alfarargis Bilanz: In der Schweiz leben 615’000 Personen unter dem gesetzlich festgelegten Existenzminimum. Und 1,2 Millionen sind vom Absturz in die Armut bedroht.

«Reichtum ist unterlassene Hilfeleistung.»

WER SIND DIE OPFER? Alfarargi erstellt akribisch die Liste: Alleinerziehende Mütter mit drei oder mehr Kindern und schwacher beruflicher Ausbildung sind unter den ersten Opfern. Die horrenden Mieten als Folge der wild wütenden Immobilienspekulation und die unablässig steigenden Prämien der Krankenkassen lasten schwer auf den Familienbudgets. Wegen der ungebrochenen Macht der grossen Unternehmen in Handel und Industrie bleibt die Schweiz in Europa eine für die Armen verheerende Hochpreisinsel.

Hugo Fasel, Ex-Nationalrat und vormaliger Chef der christlichen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, ist heute Direktor der Caritas. Er ist ein echter Gewerkschafter, klug, geduldig, unbeirrbar in seiner Verteidigung der Armen. Voller Zorn wettert er gegen die Gleichgültigkeit der Behörden und das jämmerliche Desinteresse der öffentlichen Meinung und der grossen Presse gegenüber dem Problem der Armut in der Schweiz.

Am 2. Dezember letzten Jahres veröffentlichte Caritas Schweiz eine erschreckende Bilanz unter dem Titel: «Die Schweiz darf die Kinderarmut nicht tolerieren.» Das Hilfswerk analysiert Zahlen des Bundesamtes für Statistik. Danach lebten 2019 in unserem Land 103’000 von Armut betroffene Minderjährige (Menschen unter 18 Jahren).

Marianne Hochuli von Caritas beschreibt die konkreten Folgen der Armut für Kinder: Die ständige Existenzangst der Familie verhindert häufig ihre normale geistige Entwicklung. Arme Kinder fühlen sich täglich gedemütigt, können nicht an kostenpflichtigen Aktivitäten in der Schule, zum Beispiel an Skilagern, teilnehmen. Ihre Ernährung ist häufig ungenügend und ungesund.

DER SKANDAL. Auf der anderen Seite ist die Schweiz pro Kopf der Bevölkerung heute das reichste Land der Welt. Der Reichtum je erwachsene Person stieg seit dem Jahr 2000 um 144 Prozent. Dabei ist die Ungleichheit himmelschreiend: Drei Prozent der Bevölkerung besitzen 73 Prozent des Volksvermögens. Und diese Reichen werden immer reicher, was im wesentlichen Folge der florierenden Aktienkurse und eines archaischen Steuersystems ist, mit einer lächerlich tiefen Vermögenssteuer und steuerfreiem Kapitalgewinn.

Die Kinderarmut ist ein nicht hinzunehmender Skandal. Durch energische Massnahmen muss sie eliminiert werden. Dazu wäre mit mehr Steuergerechtigkeit Geld genug da.

Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein neustes Buch ist: Die Schande Europas. Von Flüchtlingen und Menschenrechten.

7 Kommentare

  1. Peter Bitterli

    „In der Schweiz leben 615’000 Personen unter dem gesetzlich festgelegten Existenzminimum.“
    Je nachdem liegt das Minimum so um die 3‘500.-. Es wird ja in Relation zum dank des Kapitalismus‘ erarbeiteten allgemeinen Wohlstand errechnet und liegt ein Vielfaches über demjenigen in Kuba, auch kaufkraftbereinigt. Vielleicht möchte Herr Ziegler mehr Steuern zahlen anstatt zwecks Che-Hallotria und Gratis-Spitalaufenthalt nach Havanna zu fliegen. Es ist ja Geld genug da.

  2. Thomas Schieweck

    Reichtum ist unterlassene Hilfeleistung .Ja, ohne den rücksichtslosen Casinokapitalismus und die pervertierte Schweizspezifische Überglobalisierung gebe es den Empathiefreien Beitrag des Herrn Bitterli genausowenig, wie die Fakten. Der Kapitalismus ist ein Auslaufmodell und hat nur in einer sozialen und solidarischen Gesellschaft gewisse Überlebenschancen.Wer Kuba wirtschaftlich mit der Schweiz vergleicht und den Kapitalismus als heilbringendes und Wohlstandspendendes Elixier verkauft und von 3500 Franken Exustentminimum schreibt, der lebt in seiner schonen aber eher kranken Parallelwelt, die mit den aktuellen Gegebenheiten im Jahre 2020 nichts

  3. Thomas Schieweck

    Reichtum ist unterlassene Hilfeleistung .Ja, ohne den rücksichtslosen Casinokapitalismus und die pervertierte Schweizspezifische Überglobalisierung gebe es den Empathiefreien Beitrag des Herrn Bitterli genausowenig, wie die Fakten. Der Kapitalismus ist ein Auslaufmodell und hat nur in einer sozialen und solidarischen Gesellschaft gewisse Überlebenschancen.Wer Kuba wirtschaftlich mit der Schweiz vergleicht und den Kapitalismus als heilbringendes und Wohlstandspendendes Elixier verkauft und von 3500 Franken Existenzminimum schreibt, der lebt in seiner schönen aber eher kranken Parallelwelt, die mit den aktuellen Gegebenheiten im Jahre 2020 nichts zu tun hat!

    • Peter Bitterli

      Aber klar doch. Der Sozialismus hat sich seit über hundert Jahren allüberall immer wieder auf’s brillanteste bewährt. Mal empathiefrei, mal empathievoll. Von Kuba lernen heisst die Armut bekämpfen. Schliesslich ist es ja der Sozialismus, der in den letzten Jahrzehnten den Welthunger dramatisch gelindert hat.

    • Peter Bitterli

      Ideologen sind nicht belehrbar. Aber auch sie sollten sich wenigstens um eine saubere Sprache und Gedankenführung jenseits närrischer Phrasendrescherei bemühen. „Ohne den Casinokapitalismus und die pervertierte Schweizspezifische [sic!] Überglobalisierung [what the hell?] gäbe es (…) genausowenig, [sic!] wie die Fakten.“ Soso. Es gäbe keine Fakten ohne den Casinokapitalismus? Oder was jetzt? „Wer Kuba wirtschaftlich mit der Schweiz vergleicht (…) , der lebt (…) in seiner Parallelwelt“. Na so was aber auch!

  4. Hidoni Tento

    Interessante Aussagen.

  5. «Reichtum ist unterlassene Hilfeleistung.» greift wohl etwas sehr sehr kurz und ist eine unzulässige Verallgemeinerung. Genauso unzulässig ist es, die Statistik zu zitieren und zu behaupten, dass die Armut gesunken ist.
    Fakt ist, dass seit geraumer Zeit der überwiegende Teil des Geldes nicht mehr mit Arbeit, sondern mit Kapital verdient wird. Und diese Erträge werden weder von der Steuer, noch von den Sozialversicherungen belastet.
    Was wir brauchen, ist ein Steuer- und Sozialversicherungssystem, das den heutigen Verhältnissen Rechnung trägt. Das ist weder ein sozialistischer noch ein anti-kapitalistischer Gedanke. Und wir brauchen das bedingungslose Grundeinkommen, weil es Menschen gibt, die nicht die Chance hatten und haben, mit den aktuellen Entwicklungen Schritt zu halten.

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