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Neue Studie zeigt: Darum war der Arbeitskampf um die SBB-Werkstätten in Bellinzona ein historischer Erfolg

Ralph Hug

Ein legendärer Streik verhinderte die geplante Schliessung der SBB-Werkstätten (Officine) in Bellinzona. Das war vor gut 10 Jahren. Jetzt zeigt eine Studie die Gründe für diesen Riesenerfolg.

GIÙ LE MANI! «Hände weg von unseren Werkstätten!» war der berühmte Spruch der Officine-Streikenden. (Foto: Keystone)

März 2008, Bellinzona TI: Büezer in der SBB-Werkstatt beginnen zu streiken. Und verhindern so die geplante Schliessung der SBB-Werkstätten. Es war einer der grössten Streiks der jüngeren Geschichte.

Was war der Schlüssel zum Erfolg? Es war die konsequente Politisierung ihres Kampfs. Das sagt jetzt eine aufschlussreiche Studie *. Sie stammt von Forschern der linken Tessiner Stiftung Pellegrini Canevascini. Sie haben die umfangreiche Dokumentensammlung zu diesem Streik ausgewertet. Die Belegschaft war zum Kampf entschlossen. Denn alle wussten: Jobs sind im Tessin dünn gesät. Wer arbeitslos wird, hat es schwer. Die Gegnerin war die SBB-Spitze in Bern. Manager um Chef Andreas Meyer, die weit weg von den Realitäten der Südschweiz eine verkorkste Reform des Güterverkehrs durchziehen wollten. Sie merkten nicht, dass die Werkstätten zur industriellen DNA des Tessins gehören. Kaum eine Familie im Kanton ohne Angehörige, die nicht in den Officine gearbeitet hatten. Deshalb empfanden breite Kreise die Schliessung als Affront. Dies einte alle Mitarbeitenden im Betrieb – vom Mechaniker bis zur Ingenieurin. Doch es brauchte auch ein kluges Streikkomitee. Die Mitstreiter um Streikführer Gianni Frizzo machten aus einem Betriebsprotest eine veritable Volksbewegung. Nicht nur die Bevölkerung solidarisierte sich mit den Betroffenen, sondern auch die Stadt- und Kantonsbehörden. Und sogar die ­Kirche, was sonst selten ist: Der Bischof persönlich las in der ­Carrosseriemalerei vor laufenden TV-Kameras die Ostermesse.

Die Streikenden machten aus dem
Protest eine veritable Volksbewegung.

AM FEIERTAG NACH BERN

Und auch ein Heiliger spielte eine wichtige Rolle: San Giuseppe Lavoratore. Katholische Kantone feiern am 19. März den Josefstag zu Ehren von Marias Ehemann, der Handwerker war. Auch das Tessin.

Die Streikenden nutzten den Feiertag zu einem Ausflug nach Bern. Dort tagte gerade der Nationalrat. Die machtvolle Demo der Tessinerinnen und Tessiner vor dem Bundeshaus machte Eindruck. Als Folge richtete der Bundesrat einen runden Tisch mit Franz Steinegger (FDP) als Vermittler ein.

DEBATTEN, ZWEIFEL, RIVALITÄTEN

In Bellinzona war der Streik kein Sonntagsspaziergang. Das zeigen die Gesprächsprotokolle mit den Teilnehmenden. Sie geben einen Einblick in die Mikrodynamik einer Streikbewegung. Debatten, Streit, Zweifel, Rivalitäten, Misstrauen, Angst, Wut, Verzweiflung und Hoffnung waren an der Tagesordnung. Es gab ein wochenlanges Wechselbad der Gefühle: «Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich vor dem Streik ein wenig Angst hatte», berichtet ein Arbeiter. Am Schluss waren aber auch viele stolz auf das Erreichte. «Hundert Jahre sozialer Frieden, und dann mischen 340 Arbeiter die Szene auf und scheren sich einen Dreck um alle Regeln», erinnert sich ein anderer Büezer.

Die Officine wurden nicht geschlossen. Es wird zwar bald neue Werkstätten in der Nähe von Bellinzona mit weniger Arbeitsplätzen als vorher geben. Doch der Grossteil der Jobs bleibt dem Tessin erhalten.

So ist Bellinzona zu einem wichtigen Symbol in der jüngeren Streikgeschichte geworden. Es zeigt, dass man selbst unter schwierigen Umständen Erfolg haben kann. Für Ex-SGB-Präsident Paul Rechsteiner sind die Officine «eine Ermutigung für alle, die mit vermeintlich unabwendbaren Entscheiden des Managements konfrontiert werden».

Paolo Barcella et al.: Der Streik in den SBB-Werkstätten in Bellinzona, Edition 8, Zürich, CHF 21.–. Mit DVD des Dokufilms Giù le mani von Danilo Catti (italienisch mit deutschen Untertiteln).

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