Audi-Werke: Grundsatzvereinbarung zur Umrüstung auf E-Mobility

«Erfolg in schwierigen Zeiten»

Michael Stötzel

Die deutsche Metallergewerkschaft IG Metall unterstützt die ­Umrüstung auf E-Autos bei der VW-Tochter Audi. Verlangt aber ihre soziale ­Verträglichkeit. Und hat jetzt eine ­Beschäftigungsgarantie für die Belegschaft bis 2029 ­rausgeholt.

SAUBER & SOZIAL: Audi sattelt um auf E-Mobilität. Dank der Gewerkschaft nicht auf dem Buckel der Mitarbeitenden. (Foto: Audi)

Bei Audi, der Premiummarke des VW-Konzerns, lief es lange gut. Den Dieselskandal von 2015 glaubten die Chefs aussitzen zu können, zeitweise auch im Gefängnis. Doch der Imageschaden drückte auf den Umsatz. So liefen in den beiden Werken Ingolstadt und Neckarsulm, die mit je 300’000 Einheiten ausgelastet wären, in den letzten Jahren nur noch um die 200’000 Wagen vom Band.

Deshalb will die VW-Tochter Audi ganze 9500 von bisher 61’000 Arbeitsplätzen abbauen. Jeden sechsten Arbeitsplatz. Das Sparprogramm soll gleichzeitig aber auch zur Umrüstung der Nobelmarke auf Elektroantrieb führen. Bereits Mitte März kündigte das Unternehmen massive Einsparungen beim Personal, aber auch Milliardeninvestitionen zur Entwicklung von Elektroautos an. Nach langen Verhandlungen mit dem Betriebsrat einigten sich beide Seiten jetzt auf eine Grundsatzvereinbarung zum Umbau des Unternehmens. Immerhin erreichten darin die Metallgewerkschafter um Gesamtbetriebsratschef Peter Mosch, dass der Personalabbau ausschliesslich über Fluktuationen und ein (noch auszuarbeitendes) Vorruhestandsprogramm abgewickelt wird. 2000 Spezialistinnen und Spezialisten für die E-Mobilität sollen neu angestellt werden. Und die verbleibende Stammbelegschaft erhält eine Arbeitsplatzgarantie bis 2029. Schliesslich will Audi auf ihrem Rücken «nur» noch 6 Milliarden Euro statt der ursprünglich geplanten 15 Milliarden Euro einsparen.

Auch Schweizer Zulieferer müssen bald umdenken.

UMBAU JA, ABER SOZIAL

Bis 2024 will Audi zusätzlich 37 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investieren, davon 12 Milliarden in die E-Mobilität. Ab 2025 möchte das Unternehmen dann bereits 30 Hybrid- und Elektromodelle aus seinen in- und ausländischen Werken anbieten. In Ingolstadt und Neckarsulm sollen die Bänder auch wieder schneller laufen. Künftig sollen dort von weniger Beschäftigten insgesamt 675’000 Autos jährlich produziert werden. IG-Metall-Mann Peter Mosch spricht von einem «grossen Erfolg in schwierigen Zeiten». Die Garantie der Arbeitsplätze sei «ein Meilenstein». Gelingt der Audi-Umbau, dann erreichen die Metaller zwei Ziele: Klimaschutz und gute Arbeit. Darum ihr Motto: «Neue Autos braucht das Land». Das verlangt Investitionen, aber auch die nötige Zeit für die bisher Beschäftigten, die sich weiterbilden müssen, um die neuen Technologien zu beherrschen. Diese Zeit haben sie jetzt bis 2029.

ZULIEFERFIRMEN ZITTERN

Insbesondere ist die Zeit für Weiterbildung auch wichtig für die Zulieferfirmen, die
70 Prozent der Wertschöpfung in der Branche erwirtschaften. Das Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut IFO erklärte jüngst, dass jeder zehnte Industriearbeitsplatz vom Verbrennungsmotor abhängig sei. Das wären gut 500’000 Stellen. Noch nicht mitgerechnet sind dabei die Zulieferfirmen aus dem Ausland, zum Beispiel aus der Schweiz.

Diese Unternehmen müssen nicht nur neue Produkte finden, sondern auch neue Produktionsverfahren einführen. Viele von ihnen, zum Beispiel die Giessereien, die neue Schmelzöfen anschaffen müssten, werden das finanziell gar nicht stemmen können. Ganz abgesehen von der Frage, ob sie überhaupt genügend «grünen Strom» aus den Leitungen zapfen können.


Die Forderungen der Metaller: E-Zapfsäulen und «Transformations-Kurzarbeitsgeld»

AUDI-WERK: Mit dem Zug zur Arbeit. (Foto: Audi)

Die Autobauer bauen ihre Werke so um, dass 2030 die Hälfte der produzierten Wagen E-Autos sind. Davon geht der Präsident der Industriegewerkschaft Metall (IGM), Jörg Hofmann, aus. Und rechnet mit dem Verlust von insgesamt 150 000 Arbeitsplätzen, und das sei «überaus konservativ gerechnet», sagte er in einem Interview mit der Berliner Tageszeitung «Die Welt».

«Die Politik muss jetzt endlich die
Klimaziele umsetzen.

Mit gutem Grund: Allein die Autofirmen selbst haben in diesem Jahr bereits die Streichung von 50’000 Stellen beschlossen. Über die Abbaupläne der vielen Zulieferfirmen gibt es noch keinen Überblick. Klar ist in jedem Fall: CO2-neutrale Technologie ist zur Rettung des Klimas zwingend, aber wirtschaftlich und politisch eine Heraus­forderung. Metallerchef Jörg Hofmann: «Wir als Gewerkschaften befürworten die Klimaziele, aber die Politik muss ­endlich anfangen, die Ziele auch umzusetzen.»

KONKRETER PLAN. Die Metaller fordern staatliche Milliardeninvestitionen auf drei Ebenen.

  • Eine Qualifizierungsoffensive, damit die bisherigen Beschäftigten weiter Arbeit haben.
  • Die Einführung des sogenannten Transformations-Kurzarbeitsgelds, das gerade auch den kleinen Zulieferfirmen helfen soll, den ökologischen Wandel zu überleben. Brechen die Aufträge weg und müssen die Beschäftigten Kurzarbeit machen, so übernimmt der Staat wie bisher einen Teil ihres Lohns. Die Neuerung: Zugleich werden die Firmen dazu verpflichtet, in der Zeit, in der sie zu wenig Aufträge haben, für die Weiterbildung ihrer Beschäftigten zu sorgen. Diese Forderung befürwortet mittlerweile auch das Wirtschaftsmagazin des Kapitals, das «Deutsche Handelsblatt». Und der deutsche Finanzminister Olaf Scholz erklärte in der jüngsten IGM-Zeitung, ein neues «Arbeit für morgen»-Gesetz werde ein solches Trans­formations-Kurzarbeitsgeld ermöglichen.
  • Der Aufbau einer flächen­deckenden Ladeinfrastruktur, so wie der Staat in den 1950er Jahren für ein flächendeckendes Tankstellennetz gesorgt hat.
  • Ein massiver Ausbau der regio­nalen Energienetze, um die grünen Ladestationen überhaupt betreiben zu können. Gegenwärtig könnten die Verteilernetze höchstens 10 Prozent aller Autos versorgen.

Nächste Haltestelle: Ingolstadt Audi

Endlich hat das Audi-Werk im bayrischen Ingoldstadt eine eigene Zughaltestelle
erhalten: «Ingoldstadt Audi». Eine solche forderte auch die IG Metall seit langem. Ab Mitte Dezember werden die Mitarbeitenden nun ein Zeichen für die Umwelt setzen und mit der Bahn statt mit dem Audi A 4 zur Arbeit fahren können.

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