1x1 der Wirtschaft

Tiefere Normalarbeitszeit statt mehr Teilzeit

David Gallusser

Vollzeitbeschäftigte in der Schweiz ­arbeiten heute im Durchschnitt 41,7 Stunden pro Woche (ohne Überstunden und Kurzarbeit). Das ist ungefähr gleich viel wie zu Beginn der 1990er Jahre (siehe Grafik). Die Gewerkschaften haben die ­grossen Arbeitszeitsenkungen in der Hochkonjunktur nach dem Zweiten Weltkrieg ausgehandelt. Ein wichtiger Schritt war damals in ­vielen Branchen die Einführung der 5-Tage-Woche. In den letzten Jahrzehnten konnte dagegen nur noch die ­Anzahl der Ferientage erhöht werden. ­Immerhin: Beschäftigte erhalten heute durchschnittlich 5 Wochen ­bezahlte Ferien im Jahr. Das ist eine Woche mehr als Anfang der 1980er Jahre.

(Quelle: Siegenthaler 2014, BFS BUA)

MEHR TEILZEIT. Die Arbeitszeit bei 100-Prozent-Pensen ist zwar in den letzten Jahren nicht mehr gesunken – jedoch die Zeit, die wir durchschnittlich am ­Arbeitsplatz verbringen. Dafür verantwortlich ist die Teilzeitarbeit, die ­rasant zugenommen hat. Besonders Frauen arbeiten Teilzeit, um ­Sorge- und Hausarbeit mit einem ­Erwerb verein­baren zu können. Auch bei Männern hat die Teilzeit­arbeit zugenommen, bleibt aber nach wie vor mehr Aus­nahme als Regel.

ARBEITSZEITSENKUNG. Mehr Teilzeit­arbeit ist jedoch keine gleichwertige ­Alternative zur Senkung der Normal­arbeitszeit. Viele Arbeitnehmende ­dürfen von ihrer Firma aus gar nicht Teilzeit arbeiten oder würden in einer Teilzeitanstellung ihre Karriere aufs Spiel setzen. Vor allem aber können es sich Beschäftigte mit einem tiefen Lohn schlicht nicht ­leisten, Einkommen zugunsten von mehr Freizeit ­aufzugeben. Damit Arbeitnehmende nicht dazu ­gezwungen werden, mehr freie Zeit, eine gute Stelle und Einkommen gegeneinander abzuwägen, brauchen wir eine allgemeine Reduktion der Normalarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich.

Klar: Arbeitgeber nicken eine allge­meine Arbeitszeitsenkung kaum widerstandslos ab. Sie fürchten bei kürzerer Arbeitszeit und gleichen Löhnen um ihre Gewinne. Ihr Widerstand ist aber kein Hinderungsgrund. Das zeigt ein Blick in die Vergangenheit: Wir arbeiten nämlich heute nur deshalb nicht mehr 50 oder gar 60 Stunden in der Woche, weil Arbeitnehmende vor uns erfolgreich Arbeitszeitsenkungen erkämpften.

David Gallusser ist Ökonom und Unia-Mitglied.

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