Jubiläum: 10 Jahre Zürcher Internetcafé für Armutsbetroffene

«Das Kafi Klick öffnete mir die Augen»

Jonas Komposch

Ob mit Behördendeutsch, Ämterkrach oder Papierkram: seit zehn Jahren hilft das Kafi Klick in Zürich ­Armutsbetroffenen weiter. Zum Beispiel Lastwagenchauffeur Heiri Billeter, der auf Arbeitssuche ist.

AUF EINEN KLICK INS KAFI: Für Arbeitslose und Sozialhilfeabhängige fällt jede Menge Schreibarbeit an. Im Kafi Klick in Zürich bekommen sie Hilfe, wenn sie komplizierte Auflagen nicht verstehen, Anträge falsch stellen oder von Ämterschikanen betroffen sind. (Foto: Florian Bachmann)

Es ist ein reges Treiben, das für gewöhnlich an der Gutstrasse in Zürich Wiedikon herrscht. An diesem Oktober-Donnerstag aber schifft’s wie aus Kübeln, deshalb scheint das Arbeiterquartier völlig ausgestorben. Doch kurz vor 14 Uhr bildet sich vor dem Wohnblock 162 eine grosse Menschentraube. Es sind Besucherinnen und Besucher des Kafi Klick, das jeden Moment seine Pforten öffnet. Trotz dem Hundewetter sind sie schon früher gekommen. Denn sie wissen: Die acht Computer-Arbeitsplätze des «Treffpunkts für Armutsbetroffene» sind heissbegehrt und rasch besetzt. Im Innern des Kafis geht es schon hoch zu und her. Damit auch ja alles parat ist, wenn das Lokal aufgeht. Dann nämlich, sagt Kafi-Klick-Leiter Stephan Hochuli (34), «geht es hier ziemlich zur Sache».

Bis zu 100 Personen besuchen das kostenlose Internetcafé an normalen Tagen – Tendenz steigend. Deshalb eilt der Sozialarbeiter noch zwischen Backoffice und Computerzimmer hin und her, rückt Stühle zurecht und schaltet die Kaffeemaschine an. Währenddessen büschelt Co-Leiter Fabio Weiler (34) die hauseigene Gratis-Kleiderbörse. Nebenbei überfliegt er ein amtliches Schreiben, das er heute für einen spanischsprachigen Stammgast übersetzen wird. Auch in der Küche laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren: Ein ­Zivildienstleistender rührt in einem riesigen Suppentopf und verpasst dem Gemüsesud die letzte Würze. Dann endlich schlägt es zwei Uhr, und Leiter Hochuli begrüsst die Gäste in der warmen Stube.

18’500 Personen betreute das Klick im letzten Jahr.

WERTVOLLE TIPPS

Schnell sind alle Computer besetzt. Wer keinen Platz mehr findet, kommt in einer Stunde an die Reihe. Heiri Billeter aber gehört heute zu den ersten. Der 59jährige Lastwagenchauffeur ist seit über einem Jahr auf Arbeitssuche und haut jetzt so richtig in die Tasten. Schliesslich verlangt das RAV jede Woche drei saubere Bewerbungen von ihm. Um die zu schreiben, komme er sehr häufig ins Klick, sagt Billeter. Denn: «Hier kriege ich wertvolle Tipps. Und einen eigenen Computer samt Drucker kann ich mir mit meinen Taggeldern eh nicht mehr leisten.» Während der Lastwagenfahrer seine Bewerbung tippt, nimmt neben ihm Berhan Ahmed Platz. Der 29jährige ist vor vier Jahren aus Eritrea geflüchtet und arbeitet heute Teilzeit als Koch. Als Kriegsdienstverweigerer erhielt er von der Schweiz aber kein Asyl, sondern bloss eine sogenannte Anwesenheitsberechtigung. Diese muss er beim Staatssekretariat für Migration (SEM) jährlich neu beantragen. Keine einfache Sache. Doch im Kafi Klick werde einem geholfen, haben ihm Freunde gesagt.

Über Mund-zu-Mund-Propaganda ist vor drei Jahren auch die Reinigungsarbeiterin Unica Paniagua (50) auf das Kafi Klick aufmerksam geworden. Ihr damaliger Chef, für den sie über zwanzig Jahre geputzt hatte, stellte sie nach einem Arbeitsunfall einfach auf die Strasse. Als Migrantin aus der Dominikanischen Republik kannte sie die Schweizer Gesetze nur schlecht und wusste nicht, dass der Chef illegal handelte. Paniagua: «Erst die arbeitsrechtliche Beratung hier im Klick öffnete mir die Augen.» Seither schaue sie immer wieder mal vorbei. Mal bloss, um mit Freundinnen einen Tee zu trinken, oft aber auch, weil sie das Behördendeutsch der IV-Stelle nicht verstehe oder um die letzte Offerte eines dubiosen Versicherungsmaklers prüfen zu lassen.

PROFESSIONELLE SCHREIBSTUBE

Diese drei Fälle seien exemplarisch, sagt Klick-Leiter Hochuli. Denn für alle Arbeitslosen und Sozialhilfeabhängigen falle jede Menge Schreibarbeit an. Problematisch werde es, wenn die Betroffenen komplizierte Auflagen nicht verstünden, Anträge falsch stellten oder von Ämterschikanen betroffen seien: «Dann fallen die Leute schnell zwischen Stuhl und Bank, und die Armutsspirale dreht weiter.» Das Kafi Klick gleiche daher oft einer profes­sionellen Schreibstube. Das haben offenbar auch ­einige bequeme RAV-Mitarbeitende bemerkt: Mehrere Klick-Besucher berichteten, mit ihren Fragen vom RAV abgewiesen und direkt ans Klick verwiesen worden zu sein. Für Hochuli ein Beweis dafür, dass sein Kafi eminent wichtige Funktionen erfüllt. Allerdings wendet der Sozialarbeiter ein: «Es kann nicht sein, dass ein gemeinnütziger Verein staatliche Aufgaben übernehmen muss.» Zumal der Platz im kleinen Kafi allmählich knapp werde.

18’500 Personen betreute das 7köpfige Klick-Team mit ein paar Freiwilligen im letzten Jahr – so viel wie noch nie. Hochuli: «Wenn es so weitergeht, platzen wir bald aus allen Nähten.» Die gesteigerte Nachfrage sei aber nicht nur Resultat ihres guten Rufs, sagt Hochuli und verweist auf die Sozialhilfe­statistik. Bis 2018 ist die Zahl der Sozialhilfeabhängigen in Zürich jahrelang gestiegen. Gleichzeitig wurden die Leistungen drastisch zusammengekürzt. Als das Kafi Klick vor zwei Wochen sein zehnjähriges Bestehen feierte, warnte Leiter Hochuli deshalb davor, diese Entwicklung zu ignorieren. Stattdessen sei Solidarität gefragt. Denn: «Jeder Angriff auf die Sozialhilfe ist letztlich auch ein Angriff auf die Löhne und Arbeitsbedingungen aller.»

10 Jahre Kafi Klick: Gratis-Hilfe für alle

Am 17. Oktober 2009, pünktlich zum Welttag zur Überwindung der Armut, eröffnete die IG Sozial­hilfe in Zürich das Kafi Klick. 1994 als Selbst­hilfeorganisation von Ausgesteuerten gegründet, ist die IG Sozialhilfe heute ein unabhängiger, durch Spenden finanzierter Verein. Sein Selbst­verständnis: «parteiisch auf der Seite von Armutsbetroffenen». Sein Zweck: die Verbesserung der Lebensumstände von Notleidenden. Solche gibt es auch in der sogenannten Wirtschaftsmetro­pole Zürich zuhauf.

EXISTENZMINIMUM. Rund 22’000 Stadtzürcherinnen und -zürcher sind von der Sozialhilfe abhängig. Und das Hilfswerk Caritas schätzt, dass noch einmal so viele sogar ­unterhalb des Existenzminimums leben. Denn 30 bis 50 Prozent der bezugsberechtigten Personen beantragen keine Sozialhilfe, weil sie sich schämen. Daher dient das Kafi Klick auch als ­sozialer Treffpunkt gegen Ausgrenzung und Ver­einsamung. www.kafiklick.ch

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