Ratgeber

Flicken – das hilft gegen die Wegwerfscham

Martin Jakob

Was kaputt ist, wandert in den Abfall. Bei Ihnen auch? Bei manchem defekten Ge­rät lohnt sich die Reparatur und ist einfacher, als man denkt. Versuchen Sie es doch mal im Repair-Café!

REPARIEREN VERBINDET: Im Repair-Café sind alle willkommen. Die Fachleute, die sich der defekten Ware annehmen, sind ehrenamtlich im Einsatz. (Foto: Matthias Luggen)

«Oh, da kaufen Sie lieber mal einen neuen!» rät der smarte Verkäufer, nachdem er das schon etwas ramponierte Gehäuse Ihres Staubsaugers gesehen hat, «hier lohnt sich die Reparatur nicht mehr. Und wir haben gerade eine tolle Aktion. Den Supersaugmax Turbopower erhalten Sie jetzt für 280 statt 350 Franken, und Ihr altes Gerät entsorgen wir gratis!»

Hm, sieht gut aus, der Supersaugmax. Aber eigentlich ist ja bei Ihrem fünf Jahre alten Gerät nur der Kabeleinzug defekt, im übrigen läuft und saugt er prima. Der smarte Verkäufer bemerkt Ihre Zweifel. «Wissen Sie, diese alten Sauger brauchen ganz viel Strom!» schiebt er deshalb nach.

Die Schweiz zählt bereits über 130 Repair-Cafés.

SOLLBRUCHSTELLEN

Bevor Sie sich nun von Ihrem gebrauchten Gerät verabschieden, legen wir mal eine Denkminute ein. Tatsächlich gehen Staubsauger der jüngsten Generation sparsamer mit dem Strom um, denn die Europäische Union hat in den letzten Jahren die erlaubten Maximalwerte für die Staubsaugerleistung auf 900 Watt (seit 2017) gesenkt. Der Supersaugmax kommt mit 750 Watt klar – aber da liegt jetzt Ihr alter Sauger mit 900 Watt nicht Welten darüber. Sie saugen ja nicht rund um die Uhr. Und die Gratisentsorgung ist auch kein ­Argument: Da in der Schweiz die Entsorgung über eine vorgezogene Gebühr beim Kauf finanziert wird, dürfte der Verkäufer sowieso nichts dafür verlangen.

Hingegen werfen Sie mit dem Entsorgen ein Gerät weg, das – vom defekten Kabelaufwickler abgesehen – noch klaglos seinen Dienst versieht. «Da müssen Sie sich wirklich kein Gewissen machen», wiegelt der Verkäufer ab, «in der Schweiz wird das alles rezykliert!» In der Tat. 2018 landeten rund 126’000 Tonnen Elektroschrott auf den Halden der Swico- und SENS-Annahmestellen. Metalle und ein Teil der Kunststoffe werden zurückgewonnen und neu verwertet. «Aber fürs Recycling wird Energie benötigt, und es entstehen Verluste, oft giftige Reststoffe und Umweltauswirkungen, die in einer perfekten Kreislaufwirtschaft vermieden werden sollten», sagt Christoph Hugi, Professor und Dozent für Nachhaltigkeit und Entwicklung an der Hochschule für Life Sciences. «Recycling ist immer eine Abwertung», sagt auch Raffael Wüthrich, Leiter Nachhaltigkeit und Energie bei der Stiftung für Konsumentenschutz. Er ärgert sich deshalb über die Praktiken der Industrie, die sich um nachhaltige Produktion und Langlebigkeit wenig kümmert und sogar Teile in ihre Produkte verbaut, welche deren Lebenszeit planbar begrenzen. Man nennt das Obsolenz: Berühmtestes Beispiel ist das Glühlampenkartell von 1925. Die Hersteller begrenzten dar­in die Leuchtdauer ihrer Birnen auf 1000 Stunden.

DIE POLITIK SCHLÄFT

Bei der Politik findet der Konsumentenschutz mit seinen Begehren wie Verlängerung der Garantiefrist auf fünf Jahre und Dekla­rationspflicht für die erwartbare ­Lebensdauer eines Produkts kaum Gehör. «Umso wichtiger, dass wir als Konsumenten Gegensteuer geben», sagt Wüthrich. «Setzen wir an die Stelle der Wegwerfkultur eine Kultur des Reparierens!»

Im Falle Ihres Staubsaugers: Ein defekter Kabelaufwickler ist ein mechanisches Element des Geräts, das sich ersetzen oder vielleicht sogar reparieren lässt. Wie finden Sie das heraus? Ihr Verkäufer bietet Ihnen an: «Wenn Sie darauf bestehen: Der Aufwickler ist als Ersatzteil für 60 Franken noch erhältlich. Das Gerät vom Herstellers reparieren zu lassen käme Sie auf 200 Franken zu stehen, schätze ich mal. Sie können auch zunächst eine Offerte verlangen, aber die wäre auf jeden Fall mit 120 Franken pauschal zu entschädigen, falls Sie die Reparatur ablehnen.»

Das ist dann doch starker Tobak, finden Sie. Haben Sie Alternativen? Ja – zum Beispiel das Repair-Café. Seit der Konsumentenschutz 2014 in Bern ein Repair-Café eröffnet hat, sind zahlreiche weitere entstanden: Über 130 regionale Ableger öffnen mittlerweile tageweise ihre Pforten. Ehrenamtlich tätige Reparateure für Elektro- und Elektronikgeräte, aber auch für Holzprodukte und Kleider bieten ihre Dienste an, nur die Ersatzteile sind zu bezahlen. Wer etwas zum Flicken mitbringt, ist auch herzlich eingeladen, an der Reparatur mitzuwirken. So kommt ein Lerneffekt hinzu. «2018 haben Schweizer Repair-Cafés über 14’000 Gegenstände zur Reparatur entgegengenommen», freut sich Raffael Wüth­rich vom Konsumentenschutz, «und von zehn Gegenständen wurden sechs erfolgreich repariert.»

Sie können also Ihren Staubsauger ins Repair-Café mitbringen, mit Hilfe des Experten herausfinden, ob eine Reparatur des Aufwicklers ohne Neuteile möglich ist – dann wird das gleich erledigt – oder ob Sie zuerst das Ersatzteil ­bestellen müssen. So oder so: Der Supersaugmax kann Ihnen vorläufig gestohlen bleiben!

Rund 40 Repair-Cafés sind am Schweizer Reparaturtag geöffnet. Cafés und
Öffnungszeiten: www.repair-cafe.ch.


Reparaturfuehrer.ch 5000 Adressen

Ist die Garantiezeit abgelaufen oder das Produkt sogar schon so alt, dass der Hersteller selbst ­keine Ersatzteile mehr führt, wird es schwierig mit der Reparatur. Eine praktische Abkürzung der Internet­recherche ermöglicht seit 2002 die Website reparaturfuehrer.ch. Ursprünglich ein reines Adressverzeichnis für allerlei Handwerkerleistungen, hat sich die Seite zur dreisprachigen, interaktiven Reparaturplattform entwickelt mit einem Blog und Links zu Reparaturanleitungen für Selbermacherinnen. Das Herzstück der Website sind die gegen 5000 ­Adressen von Firmen, die Reparaturen auf den verschiedensten Gebieten ausführen.

BEQUEME SUCHE. Das Verzeichnis ist rubriken­getrennt in zehn Haupt- und zahlreiche Unterkategorien. Die Firmen werden in einer interaktiven Landkarte angezeigt, so dass auch die Suche nach ­einer nahe gelegenen Anbieterin leichtfällt. Träger des Vereins Reparatur­führer sind Kantone und Gemeinden. Der Verein nimmt keine qualitative Bewertung der eingetragenen Firmen vor, negative Erfahrungen ­können aber gemeldet werden.

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