worktag

Schreinerin Rose Marie Hintermeister: «Nur eine ­Seite muss schön sein»

Anne-Sophie Zbinden

Rose Marie Hintermeister macht nie zweimal das gleiche Stück. Jede ihrer Kulissen ist einzigartig.

ANGEKOMMEN. Schreinerin Rose Marie Hintermeister (51) kam aus dem Seeland über Brasilien zum Theater. (Fotos: Yoshiko Kusano)

«Unüblich war es schon», sagt Rose Marie Hintermeister (51). «Die meisten meiner Freundinnen wurden Krankenschwestern, Kindergärtnerinnen oder Sekretärinnen.» Dass sie als einziges Mädchen eine Schreinerinnenlehre begann, sei purer Zufall gewesen. Oder auch nicht: «Meine Mutter fand, ich könnte Schreinerin werden», sagt Hintermeister. Und ihre Mutter entsprach nicht dem klassischen Rollenbild in einer ländlichen Gemeinde im Berner Seeland in den 1970er Jahren. Denn Brigitte Hintermeister war alleinerziehend, die einzige sozialdemokratische Gemeinderätin, gründete den Verein Kind und Krankenhaus und den lokalen Kindergarten. Und sie arbeitete mit Holz, verkaufte ihre eigenen handgefertigten Puzzles.

«In der Lehre war es aber kein Thema, dass ich ein Mädchen war. Mein Chef wollte einfach jemanden mit guten Noten.» Die einzigen Bedenken gab es bezüglich einer Damen-Toilette, die es im Betrieb nicht gab. Und weil ihr Chef dachte, «sie hätte dann nicht genügend Kraft». Aber da hatte ­Hintermeister schon fast ihre heutigen 1 Meter 85 Körpergrösse erreicht, und an Kraft fehlte es ihr nie.

Nach der Lehre war für Hintermeister klar, dass sie nicht in einem klassischen Betrieb arbeiten möchte. So wurde sie Schreinerin in der Steinerschule Schlössli in Ins BE, wo sie für den Ausbau und Unterhalt zuständig war. Oder war privat angestellt für den Umbau eines Hauses. In der Lederboutique in Bern war sie «Handwerkerin mit verkäuferischem Flair». Und jobbte nebenbei im Kino. Hintermeister erklärt: «Ich arbeitete nur deshalb im Kino, weil ich so alle Filme gratis schauen konnte.»

IMMER UNTERWEGS. Danach ging’s nach Brasilien. Dort verbrachte Hintermeister ein halbes Jahr im Ferienparadies Ilha Grande. Sie aber machte keine Ferien, sondern baute Häuser für ein Strassenkinder-Projekt. Und entdeckte ihre Reiselust: Sie suchte sich nur noch dann Arbeit, wenn das Portemonnaie leer war. Dazwischen entdeckte sie die Welt. Etwa Australien: «Dort mietete ich einen Töff und fuhr alleine kreuz und quer durch das Land.»

Und dann kam das, was Hintermeister eigentlich nie hatte machen wollen: Sie arbeitete für eine konventionelle Schreinerei. «Aber auf Montage», sagt Hintermeister. Das habe sie trotz allem gern gemacht, weil sie viel selbständig arbeiten konnte.

Und jetzt – jetzt ist sie angekommen. Das heisst, bereits vor 10 Jahren. Hintermeister ist stellvertretende Leiterin in der Schreinerei der ­Theaterwerkstatt von «Konzert Theater Bern». Die Schreinerin sagt: «Das ist ein Traumjob. Wer einmal in der Theaterwerkstatt arbeitet, geht vor der Pensionierung nicht mehr weg.» Auch sie hat nicht vor, nochmals woanders zu arbeiten. «Das könnte ich auch nicht.» Denn sie sei nicht mehr à jour mit den neusten Entwicklungen im Schreinereihandwerk. Und sie habe sich daran gewöhnt, nur eine Seite schön zu machen. Denn Hintermeister macht Kulissen fürs Berner Stadttheater und für die Vidmarhallen. Pro Jahr sind dies 21 grosse und 10 kleine Produktionen. Normalerweise arbeiten sie an drei Bühnenbildern parallel. Für ein Bühnenbild brauchen sie zwischen zwei Wochen und vier Monate.

Gerade bauen sie dreistöckige Türme, begehbar, mit Türen und Leitern. Es ist die Kulisse für die Bühnenfassung von Charlie Chaplins «Der grosse Diktator». Hintermeister erklärt: «Für dieses Bühnenbild arbeiten wir eng mit der Schlosserei zusammen.» Die Türme kann das Team dann aber erst auf der Bühne komplett aufbauen, weil die Decke im Atelier zu tief ist.

IMMER NEU: Jedes Bühnenbild ist anders. Deshalb müssen Rose Marie Hintermeister und ihr Team in der Theaterwerkstatt immer wieder kreative Lösungen finden.

IMMER ANDERS. Das sei typisch für die Arbeit in der Theaterwerkstatt, sagt Hintermeister. «Keine Aufgabe ist wie die andere, immer ist Kreativität gefragt, aber dafür muss die Arbeit auch nicht so genau sein wie in einer klassischen Schreinerei.»

Kürzlich musste sie etwa einen ovalen Tisch machen: «Die Vorgabe des Bühnenbildners war, dass darauf 10 Leute können, dass sie auch darunter Platz haben und dass der Tisch umhergefahren werden kann. Da musste ich schon ein bisschen überlegen, was für Materialien ich nehme und wie ich das mache.» Ja, manchmal hätten die Bühnenbildner schon ausgefallene Ideen. Aber da müsse man halt zusammen eine machbare Lösung finden, was mit den meisten auch problemlos möglich sei.

Oder das Bühnenbild zum Stück «Titus Andronicus» von William Shakespeare. Dafür mussten sie die Buchstaben R, O und M konstruieren, über zwei Meter hoch, begehbar innen und oben und tragbar für zwei Personen. «Die Kritikerinnen und Kritiker haben dann zwar die Inszenierung verrissen, aber das Bühnenbild war toll!» Hintermeister geht eigentlich jedes Stück schauen, manchmal auch nur bis zur Pause – bis sie weiss, wie «ihre» Kulisse wirkt. «In meinen 10 Jahren habe ich eigentlich erst ein Bühnenbild machen müssen, das nicht funktionierte. Das waren so komische Eisblöcke, die wirklich nicht gut aussahen.»
Und was passiert mit den Kulissen, wenn der Vorhang fällt? Hintermeister seufzt: «Ich möchte eigentlich alle Stücke behalten! Aber die meisten Kulissen werden verbrannt, nur die Tierkonstruktionen werden gelagert und wiederverwendet.»


Rose Marie Hintermeister Die Vielseitige

Rose Marie Hintermeister (*1967) mag Geschichten in jeder Form. Selten ist sie ohne Buch unterwegs, schaut viele Filme, geht ins Theater. Und sie ist fasziniert von anderen Handwerken. So näht sie schon seit Jahren ihre Hosen selbst, weil es für ihre über 180 cm früher keine genügend langen Hosen gab. Hintermeister kann auch Pfeilbogen bauen und Bücher binden. Die Schreinerin sagt: «Als nächstes möchte ich lernen, einen Ofen zu bauen.»

MUSIK & CO. Ausserdem macht Hintermeister Yoga, fährt Velo, geht schwimmen, tanzt Country Line – «obwohl ich immer gesagt habe, zum Tanzen bringt ihr mich nie» – und spielt in der Steelband Pocoloco, der Frauensteelband aus dem Berner Oberland.

Rose Marie Hintermeister ist Unia-Mitglied. Sie arbeitet 80 Prozent und verdient netto
3900 Franken.

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.