Die Kriminologin Nora Markwalder forscht zu häuslicher Gewalt

«Ein kritischer Moment ist die Trennung»

Christian Egg

Zwei von fünf Tötungen passieren in einer Partnerschaft, sagt die St. Galler Professorin Nora Markwalder. Und: Viele Täter waren schon vorher gewalttätig.

KriminologieProfessorin Nora Markwalder: «Das Strafrecht taugt nicht, um die Leute zu erziehen.
Um solche Taten zu verhindern, muss man früher ansetzen. Also die Leute sensibilisieren und einstehen
für Nulltoleranz gegenüber Gewalt in einer Partnerschaft.» (Foto: PD)

work: Nora Markwalder, ist es aus krimino­logischer Sicht für eine Frau eigentlich lebensgefährlich, verheiratet zu sein?
Nora Markwalder: Nein. Verglichen mit anderen Todesursachen sind Tötungsdelikte bei uns sehr selten. Aber die Zahlen zeigen auch: in einer Beziehung ist das Risiko für eine Frau, getötet zu werden, am grössten. Viel grösser als etwa bei Streitigkeiten auf der Strasse oder im kriminellen Milieu.

In der Schweiz stirbt alle zwei Wochen eine Frau an häuslicher Gewalt. Pro Kopf der Bevölkerung öfter als in Italien oder Spanien. Woran liegt das?
Da kann ich nur vermuten. In den 1980er und 1990er Jahren waren die vielen Schusswaffen in der Schweiz für mehr als die Hälfte der Partnertötungen verantwortlich. Das hat sich geändert, jetzt haben Stichwaffen überhandgenommen. Doch gibt es in der Schweiz das Phänomen, dass Väter, typischerweise Schweizer, die Familie umbringen und dann sich selber. Und das tun sie in 80 Prozent der Fälle nach wie vor mit einer Schusswaffe. Möglicherweise erklärt das die Schweizer Zahlen.

Sie forschen gerade zu Tötungsdelikten ­innerhalb einer Partnerschaft. Was haben Sie herausgefunden?
Tötungen innerhalb von Partnerschaften sind in den letzten zehn Jahren ein bisschen zurückgegangen, aber weit weniger stark als die Tötungsdelikte insgesamt. Heute finden in der Schweiz etwa 40 Prozent aller Tötungen innerhalb einer Partnerschaft statt. Im internationalen Vergleich ein ex­trem hoher Anteil.

Warum?
In der Schweiz gibt es generell wenig Tötungsdelikte, da fallen die Partnertötungen stärker ins Gewicht. Wir haben sehr wenig Strassenkriminalität und Straftaten im kriminellen Milieu.

Sind die Todesopfer innerhalb von Partnerschaften alles Frauen?
Die grosse Mehrheit. Über 80 Prozent sind Frauen. Manchmal tötet ein Täter auch einen anderen Mann, etwa den neuen Freund der Ex-Partnerin. ­Täterinnen sind selten: 90 Prozent der Täter sind Männer.

In was für Beziehungen kommt es zur Tötung?
Unsere Daten zeigen, dass es in rund drei von vier Fällen schon vorher Streit oder Probleme gab. Und: Ein kritischer Moment ist die Trennung. In einem Drittel der Fälle war das Paar frisch getrennt oder eine Trennung gerade im Gang. Der Täter konnte es offenbar nicht akzeptieren, dass die Beziehung in die Brüche ging. Er sagte sich: Wenn ich diese Frau nicht haben kann, soll sie niemand haben.

Passieren häusliche Tötungsdelikte aus dem Affekt heraus?
Nein. Häusliche Gewalt baut sich meist über längere Zeit auf und eskaliert dann. Unsere Daten ­zeigen, dass 42 Prozent der Täter bereits vorher Drohungen und Gewalt gegen das Opfer ausgeübt haben. In einem Fünftel der Fälle musste die Polizei schon vor der Tötung wegen häuslicher Gewalt einschreiten.

Eine Tat zeichnet sich also vorher ab?
Da wird’s schwierig. Wir wissen zu wenig, wann der Schritt von häuslicher Gewalt hin zur Tötung passiert. Drum ist es auch für einen Staatsanwalt oder eine Richterin extrem schwierig zu entscheiden, wann sie gegen einen Mann Untersuchungshaft oder etwa ein Rayonverbot aussprechen soll.

Der Begriff «Beziehungsdrama» verschleiert, was es wirklich ist, nämlich eine Tötung.

Wenn ein Mann seine Frau, Freundin oder seine Ex tötet, schreiben die Medien von einem «Beziehungsdrama» …
… dieser Begriff verschleiert, was es wirklich ist, nämlich eine Tötung. Und zwar eine, die jemand vorsätzlich begeht. Das ist nicht etwas, das einfach so passiert.

Welche Strafen sprechen die Gerichte bei Partnertötungen aus?
Der Durchschnitt liegt bei 11 Jahren und 7 Monaten Freiheitsstrafe. Das ist relativ viel, höher als etwa bei tödlichen Streitigkeiten im Ausgang. Das hat mich selber erstaunt. Am häufigsten entscheiden die Gerichte auf vorsätzliche Tötung, dort ist die Mindeststrafe fünf Jahre. Es gibt auch Urteile auf Totschlag, etwa wenn der Täter unter grosser seelischer Belastung gehandelt hat.

Urteile auf Mord gibt’s nicht?
Doch, immerhin in einem Drittel der Fälle. Wenn zum Beispiel jemand die Tötung des Partners in Auftrag gibt. Oder wenn die Ausführung besonders brutal ist, etwa bei einem Giftmord.

Welche Männer werden wann gewalttätig?
Der klassische Straftäter ist jung. Bei häuslicher ­Gewalt sind die Täter etwas älter, weil sie ja zuerst in einer Beziehung sein müssen. Andere Risikofaktoren für häusliche Gewalt sind prekäre Lebens­umstände, Geldprobleme und beruflicher Stress. Was die Nationalität angeht, sind Ausländer bei häuslicher Gewalt und bei Tötungsdelikten übervertreten.

Woran liegt das?
Die Nationalität ist ja nicht unbedingt ein erklärender Faktor, wahrscheinlich sind es andere Gründe. Klar ist: Immigration ist ein Stressfaktor, vielleicht haben die Kinder Mühe in der Schule, vielleicht reicht das Geld nicht, vielleicht ist die Wohnung zu klein. Aber das ist Spekulation.

Gibt die Kriminalstatistik überhaupt die Realität wieder?
Nur durch einen Filter. Sie enthält nur die Delikte, die angezeigt werden. Wenn eine Frau von ihrem Partner geschlagen wird und keine Anzeige macht, wissen wir das nicht. Verurteilungen wegen häuslicher Gewalt gibt es noch viel weniger. Sehr viele Verfahren werden eingestellt und die Täter nicht verurteilt. Auch weil die Frauen das verlangen.

Weshalb tun Frauen so etwas?
Oft ist eine Frau vom Mann abhängig, auch wirtschaftlich. Wenn er in Untersuchungshaft kommt, bringt er kein Geld mehr nach Hause. Viele Migrantinnen haben zudem keine Familie in der Schweiz, die sie unterstützen könnte.

Wie liesse sich häusliche Gewalt verhindern?
Als Strafrechtlerin sehe ich die Fälle, in denen es schon zu spät ist. Und das Strafrecht taugt nicht, um die Leute zu erziehen. Um solche Taten zu verhindern, muss man früher ansetzen. Also die Leute sensibilisieren und einstehen für Nulltoleranz gegenüber Gewalt in einer Partnerschaft.

Zur Person: Das Verbrechen verstehen

Schon als Jugendliche las Nora Markwalder Bücher über Profiling und Serienmörder. Sie sagt: «Ich wollte verstehen, warum jemand Delikte begeht.» Heute ist die 37jährige Assistenzprofessorin für Strafrecht und Kriminologie an der Universität St. Gallen. Im Rahmen eines Nationalfondsprojekts forscht sie zu Tötungen innerhalb von Partnerschaften. In der Freizeit geht sie gerne ins Toggenburg zum Fischen: «So ganz allein in der Natur, das ist Erholung pur.»

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