Spanien: Der Aufstand der Hotel-Zimmerfrauen

«Wir waren viel zu ­lange still!»

Julia Macher, Barcelona

Mit einem landesweit ersten Streik und ­Demonstrationen protestieren Spaniens ­Hotelangestellte dagegen, dass sie sich «wortwörtlich kaputtarbeiten müssen».

HOCH DIE WEDEL! Die Zimmerfrauen Berta Villanueva, Vania Arana und Miriam Suárez (v. l. n. r.) haben sich zusammengeschlossen, um die haarsträubenden Arbeitsbedingungen in ihrer Branche zu verbessern. (Fotos: Cristina Pedrazzini)

Zufrieden rollt Milagros Carreño (52) das Transparent ein und meint: «Wir haben gesagt, was ist – und das war dringend notwendig!» Die Spanierin hat Ende August auf Ibiza den landesweit ersten Streik der Zimmerfrauen organisiert. 2000 Hotelangestellte – das sind etwa ein Drittel – liessen Putzmittel und Bettzeug im Schrank und zogen stattdessen protestierend durch die Strassen der Ferieninsel. Auch in 14 anderen Städten Spaniens demonstrierten die Zimmerfrauen, weil sie die Nase voll haben. Carreño sagt es so: «Wir arbeiten uns wortwörtlich kaputt und waren viel zu lange still.»

LAS KELLYS UND LOHNDUMPING

In Spanien arbeiten 200’000 Menschen als Zimmerfrauen und -männer. Fast alle von ihnen sind Frauen, viele Migrantinnen. Das habe es, so Carreño, schwer gemacht, sich zu organisieren. Erst 2016 hat sich aus einer Facebook-Initiative heraus die erste berufsspezifische Gewerkschaft gebildet. Las Kellys nennen sie sich, nach den Anfangssilben der Worte «las que limpian», die, die putzen. Inzwischen gibt es in fast jeder Touristenhochburg, jeder Grossstadt eigene Gruppen (siehe Box unten).

Auch in Barcelona. Miriam Suárez (38) steht gemeinsam mit zwei Kolleginnen vor einem Hotel und drückt einem mit Rollkoffer vorbeieilenden Gast ein englischsprachiges Flugblatt in die Hand. Sie arbeitet als Teilzeitangestellte in einem kleinen, familiengeführten Hotel an den Ramblas. Standen früher elf Zimmer auf ihrer Tagesliste, sind es jetzt meist bis zu zwanzig – plus Gemeinschaftszonen. Wenn die Ecuadorianerin den schweren Reinigungswagen durch die Gänge schiebt, klebt ihr Blick immer auf der Armbanduhr. Mehr als 15 Minuten hat sie im Schnitt nicht pro Raum. Sie sagt: «Dabei brauchte ich zumindest am Abreisetag eine gute Dreiviertelstunde, um das Zimmer so gründlich und ordentlich zu machen, wie sich das der nächste Gast wünscht.»

SCHMERZEN UND TABLETTEN

Ihre Kolleginnen nicken. Seit der Arbeitsmarktreform von 2012 haben sich die Arbeitsbedingungen überall im Land rapide verschlechtert. Damals lockerte die Regierung des konservativen Premiers Mariano Rajoy die branchenspezifischen Verträge. Serviceagenturen und Tem­porärfirmen müssen ihre Leute nun nicht mehr als Hotel­angestellte bezahlen. Sondern sie dürfen sie mit 30 Prozent weniger Lohn als Reinigungspersonal beschäftigen. Und: Externe Firmen, die bei grossen ­Hotelketten zu Dumpingpreisen Zimmer putzen, drücken die Löhne zusätzlich. Für die Frauen heisst das: sie müssen jetzt in derselben Arbeitszeit noch mehr Zimmer putzen.

Berta Villanueva, seit zwanzig Jahren in der Branche und derzeit Teilzeitangestellte bei mehreren Temporärfirmen, hat miterlebt, wie die Anforderungen über Jahre kontinuierlich nach oben geschraubt wurden. «Früher hatten wir noch Zeit, die Kleidung der Gäste ordentlich zusammenzulegen, und haben das Bad gründlich mit Seife geschrubbt, klargespült und getrocknet», erzählt die 43jährige. Das gehe schon lange nicht mehr: «Heute polieren wir den Spiegel und wischen dann einmal schnell um die Kacheln herum.» Mehr gehe selbst bei unbezahlten Überstunden nicht: «Das ist doch Betrug am Kunden!» Villanueva verdient derzeit 600 Euro im Monat, dafür ist sie im Durchschnitt jeden Wochentag fünf bis sechs Stunden auf den Beinen.

Ihre Kollegin Vania Arana (52) erhält als Festangestellte mit 1280 Euro den GAV-Lohn, doch der entschädigt nicht für die gesundheitlichen Kosten. Denn die Arbeit geht auf die Knochen – buchstäblich. Arana sagt: «Nach zwanzig Jahren in der Branche bin ich eine lebende Krankheitsenzyklopädie» und zählt auf: chronische Nacken-, Rücken- und Muskelschmerzen, Tennisarm, doppelseitiges Karpaltunnelsyndrom, Fussfehlstellungen usw. Wie viele Zimmerfrauen trägt Arana die Schmerzmittel immer griffbereit in der Handtasche. Zwar werden die chronischen Sehnenscheidenentzündungen im Arm- und Handgelenk sowie die Schleimbeutelentzündung inzwischen als Berufskrankheiten anerkannt. Doch häufig blockieren die Berufskrankenkassen eine zügige Behandlung. Arana: «Uns bleibt deshalb nichts anderes übrig, als immer wieder Lärm zu machen.» Vor ein paar Wochen traf sich ihre Kellys-Ortsgruppe, ausgestattet mit Megaphon und Flugblättern, vor dem Sitz einer Krankenkasse. Einen Tag später hatte Aranas Kollegin, die bereits seit drei Jahren unter ihrer Schleimbeutelentzündung leidet, ihren Operationstermin. Arana lacht und sagt: «Etwas haben wir ­Kellys mit unserem Kampf erreicht. Man kennt jetzt unseren Namen.»

Las Kellys: Jetzt reicht’s!

Neben der Anerkennung von mehr Berufskrankheiten und dem Recht auf vorzeitige Pensionierung fordern die spanischen Kellys auch die Modifikation des Artikels 42 des spanischen Arbeitnehmerstatuts. Dadurch soll verboten werden, dass Unternehmen ihre Kernkompetenzen an Zweitfirmen auslagern. Da die Arbeit der Zimmerfrauen wesentlich für die Qualität des Hotels ist, müssten sie fest angestellt werden. Externen Dienstleistern wäre der Zugang zum Markt versperrt.

AUF EIS. Die linke Partei Podemos und die so­zialdemokratische PSOE des amtierenden ­Ministerpräsidenten Pedro Sánchez unterstützen das Vorhaben zwar. Doch da sich seit den Wahlen im April noch keine Regierung gebildet hat, liegt die parlamentarische Tätigkeit derzeit brach – und die Reform seit 2018 auf Eis.


Marriott-Hotels in der Schweiz Die Unia verhandelt

Arbeitstage von bis zu 19 Stunden, giftige Putzmittel und sexuelle Übergriffe durch Gäste: Auch in Schweizer Hotels arbeiten Hotel-Zimmerfrauen unter unzumutbaren Bedingungen.

10 MINUTEN. Vor gut einem Jahr enthüllte ein Report der Unia Zürich-Schaffhausen die Zustände in den Hotels der Zürcher Marriott-Gruppe, zu der auch das Sheraton gehört (rebrand.ly/reinigung). Dort haben die Frauen pro Zimmer nur gerade
10 Minuten Zeit. Im work sagte eine Reinigungsfrau damals: «Das reicht bei dreckigen Zimmern einfach nicht.»

ZWEI JOBS. Unia-Frau Nicole Niedermüller weiss: die Frauen stehen enorm unter Druck. Sie sagt: «Trotzdem haben fast alle von ihnen noch einen zweiten Job, um überhaupt über die Runden zu kommen.» Die Unia machte Druck und hat erreicht, dass mehrere Marriott-Hotels jetzt mit der Gewerkschaft verhandeln. Niedermüller: «Unsere Haupt­forderung ist klar. Marriott muss auf Subunter­nehmen verzichten und die Putzleute wieder direkt anstellen. Und dann für anständige Arbeitsbedin­gungen sorgen.» (che)

UPDATE: Am 29. August traten die Reinigungsfrauen des Hotels Sheraton in Zürich in den Streik. Der Grund: Unerträglicher Stress, Beschimpfungen durch Vorgesetzte, verspätete Lohnzahlungen und Arbeitseinsätze von mehreren Wochen ohne freien Tag. Die Unia schreibt in einem Communiqué: «Während die Probleme in einer Reihe von Gesprächen durch die Hotelleitung anerkannt und Besserung versprochen wird, bleibt es leider seit Monaten bei Absichtserklärungen und leeren Versprechungen». Die Frauen könnten und wollten so nicht mehr arbeiten. Deshalb streikten sie.

Mit Erfolg: Das Hotel-Management willigte im Verlaufe des Streiktages ein, verbindliche Gespräche mit den Reinigerinnen und der Unia zu führen. Das Treffen findet am 2. September statt. Gleichzeitig verpflichtete sich das Hotel laut Unia zu Sofortmassnahmen. Zum Beispiel: Die Anzahl Zimmer, die pro Arbeitstag und Team gereinigt werden müssen, werden nach oben begrenzt.

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