Ungesunde Arbeit: Neue Zahlen und ­alarmierende Tendenzen
Pas bon pour la santé: Nichts zu lachen im Job

Die Arbeitsbedingungen in der Schweiz ­gehören zu den stressigsten ­Europas. Und der Druck am Arbeitsplatz hat erneut zugenommen.

MODERN TIMES: Überlastung am Arbeitsplatz nimmt zu. (Illustration: Mirko Ilic)

Es war am Tag der Kranken im Jahr 2016, als der damalige Bundesrat Johann Schneider-Ammann sein bestes Français fédéral auspackte und in einer legendär gewordenen Fernsehansprache ins Mikrophon schnaufte: «Rire c’est bon pour la santé» – Lachen sei gut für die Gesundheit. Die Rede verfehlte ihre Wirkung nicht – tagelang amüsierte sich die Welt über den putzigen Schweizer Magistraten und seine grossväterlichen Ratschläge. Was Schneider-Ammann leider nicht erwähnte, sind jene Faktoren, die für die Gesundheit nicht gut sind. Darunter zuvorderst die miesen Arbeitsbedingungen, unter denen hierzulande viele ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Sie ­haben nichts zu lachen, je länger, desto weniger: das zeigen die neusten Zahlen der Schweizerischen Gesundheitsbefragung des ­Bundesamts für Statistik (BfS).

Arbeit wird zunehmend mit digitalen Mitteln getaktet und kontrollier- und messbarer.

CHRAMPFEN IN DER FREIZEIT

Mehr als jede fünfte Person steht während der Arbeit «meistens oder immer» unter Stress. Noch 2012 waren es erst 18 Prozent. Sogar für 27,1 Prozent ist der Stress bereits im «kritischen Bereich» angelangt. Auch dies ein Wert, der jedes Jahr ansteigt und Unternehmen heute 6,5 Milliarden Franken Ausfallkosten beschert. So viel wie noch nie, schätzt die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz. Nicht erstaunt über diese Zahlen ist die emeritierte Professorin und Arbeitsmedizinerin Brigitta Danuser. Zu work sagt sie: «Viele europäische Länder hatten in den 1990er Jahren gigantische Stresswerte, während die Schweiz noch bis ungefähr 2005 relativ gut dastand.» Heute aber gehörten die Arbeitsbedingungen der Schweiz zu den stressigsten Europas.

VOR DEM BURNOUT

Nicht zuletzt wegen der Überlastung am Arbeitsplatz chrampfen schon rund ein Fünftel ­aller Erwerbstätigen mehrmals pro Woche sogar in der Freizeit. Auch der Druck, dies zu tun, steigt. Denn immer mehr Menschen haben Angst, ihren Job zu verlieren. Von 2007 bis 2012 nahmen auch beinahe alle körperlichen Risiken im Job zu. Darunter etwa das Ausführen von stets gleichen Bewegungen oder das Verharren in schmerzhaften Körperhaltungen.

Noch schlimmer steht es um die psychosozialen Risiken. Dazu gehören etwa Zeitdruck, hohe Arbeitsanforderungen, mangelnde Unterstützung oder Diskriminierung. Diese Risiken können zu Depressionen, Angstzuständen, aber auch zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder in den Alkoholismus und Drogenmissbrauch führen. Heute ist bereits die Hälfte aller Erwerbstätigen mindestens drei von neun psychosozialen Risiken ausgesetzt. Am stärksten betroffen sind 15- bis 29jährige, Ausländerinnen und Ausländer, Personen, die nur über einen Grundschulabschluss verfügen, sowie Erwerbstätige im Gastgewerbe und im Verkehr. Bei ­einem Fünftel aller Erwerbstätigen finden sich zudem deutliche Anzeichen für ein bevorstehendes Burnout.

Warum aber verschlechtern sich die Werte von Umfrage zu Umfrage? Aus der BfS-Studie geht das nicht hervor. Für Arbeitsmedizinerin Danuser ist jedoch klar: «Die Arbeit wird immer intensiver und mehr, die Bedingungen immer härter.» Zudem würden Tätigkeiten zunehmend mit digitalen Mitteln minutiös getaktet. So werde jeder Arbeitsschritt kontrollier- und messbar. Also keine Erleichterung durch Apps und Clouds? «Auch, aber gerade weil die Digitalisierung ermöglicht, an jedem Ort zu jeder Zeit zu arbeiten, schafft sie neue Abhängigkeiten.»


Angriff auf das Arbeitsgesetz:Mehr! Länger! Flexibler!

FORSCH: FDP-Bundes­rätin Karin Keller-Sutter. (Foto: Keystone)

Mögen die Krankenzahlen noch so steigen, die Bürgerlichen scheint das nicht zu kümmern. Aktuell liegen gleich zwei parlamentarische Initiativen vor, die das Arbeitsgesetz durch­löchern wollen. Konkret soll «in bestimmten Wirtschaftszweigen» und für «leitende Angestellte und Fachspezialisten» die wöchentliche Höchst­arbeitszeit abgeschafft, die Sonntagsarbeit dafür erleichtert werden. Neu wäre es legal, Angestellte einmal pro Woche 16 Stunden lang arbeiten zu lassen. Noch härter soll es Lohnabhängige mit einem Jahresarbeitszeitmodell treffen. Sie müssten künftig auch mit 67-Stunden-Wochen rechnen. Ausserdem soll der Bundesrat die gesetzliche Ruhezeit weiter beschränken dürfen, wenn er dies für nötig hält. All das schlägt der Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber vor.

SALAMITAKTIK. Nach ein paar Schlaufen im Parlament liegt Grabers Entwurf nun leicht geändert vor. Jetzt soll die Revision «nur» noch solche Angestellte treffen, die 120’000 Franken im Jahr verdienen oder ­einen Bildungsabschluss auf ­Tertiärstufe haben. Laut Luca Cirigliano vom Gewerkschaftsbund wären damit nicht we­niger, sondern mehr Personen betroffen, nämlich rund 30 Prozent aller Erwerbstätigen. So oder so ist klar: die Bürgerlichen verfolgen eine Salamitaktik zu immer mehr Deregulierung aller Arbeitsbedingungen. Ein weiterer Angriff auf das Arbeitsgesetz liegt nämlich bereits griffbereit in der Schublade. Er stammt von Karin Keller-Sutter, die noch als FDP-Ständerätin die Abschaffung der Arbeitszeiterfassung für Angestellte «mit leitender Tätigkeit» verlangte. ­Gesundheitliche Bedenken? Auch hier Fehlanzeige! Was zählt, sind allein die «Bedürfnisse einer modernen Arbeitswelt» (Keller-Sutter). Sprich: die grenzenlose Freiheit des Unternehmertums.

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