Gewalt und Quälerei: Nach der Bankenblockade vom 8. Juli erheben Klima-Aktivistinnen schwere Vorwürfe gegen die Zürcher Polizei

«Man will uns einschüchtern»

Jonas Komposch

Aus Protest gegen die klimaschädigenden Investitionen der Credit Suisse blockierten Primarlehrerin Bea Keller * (26) und Geographiestudentin Monique Schumacher * (25) den Eingang der Grossbank am Zürcher Paradeplatz. Was dann passierte, hätten die beiden Aktivistinnen nie für möglich gehalten.

PACKEN AUS: Primar­lehrerin Bea Keller * und Geographiestudentin Monique Schumacher * sagen, was sie in U-Haft erdulden mussten. (Foto: Florian Bachmann)

Bea Keller, wie blockiert man eigentlich eine Bank?
Keller: Mit Stahlkette, Veloschlössern und einer Handvoll motivierter Leute! Natürlich braucht es auch eine seriöse Vorbereitung, bei der mögliche Szenarien durchgespielt werden. Am Montag um fünf Uhr in der Früh sind wir dann losgezogen. Am Paradeplatz erwartete uns bereits ein Sicherheitsverantwortlicher der Credit Suisse.

Die Bank wusste bereits Bescheid?
Keller: Ja, wir haben die Aktion ja im voraus öffentlich angekündigt. Trotzdem war der Sicherheitsmann völlig überfordert und aggressiv. Reden konnte man nicht mit dem. Erst als wir ihm erklärten, dass wir die Aktion auch für ihn und seine Kinder machten, hat er sich ein wenig beruhigt.

Dennoch hat die Credit Suisse sofort die Polizei gerufen?
Schumacher: Ja, und zwar diskussionslos. Nicht weniger als 150 Beamte wurden herangekarrt. Das war eine einzige Machtdemonstration der Polizei, ein Einschüchterungsversuch! Die wussten ja, dass viele von uns eine solche Aktion zum ersten Mal machten.

Aber gemäss der NZZ war ein «Dunstkreis einer antidemokratischen, nicht sonderlich friedlichen linksextremen Szene» für die Bankenblockade verantwortlich. Was sagen Sie dazu?
Schumacher: Das ist ein schlechter Witz! Wir haben mit der Klimabewegung schon oft versucht, mit den Grossbanken ins Gespräch zu kommen. Zum Beispiel haben einige von uns extra Aktien der Credit Suisse gekauft, um an der Generalversammlung vorsprechen zu können. Doch als sie dort das Wort ergriffen und die Bank für ihre klimaschädliche Investitionspolitik kritisiert haben, wurden sie aus dem Saal geschmissen. Im Gegensatz zur Credit Suisse sind wir durchaus dialogbereit. Die Blockade, an der sich in Zürich und Basel rund hundert Aktivistinnen und Aktivisten beteiligten, war die Idee vom «Collective Climate Justice» – einem neuen Schweizer Umweltschutzbündnis. Mit der Blockade haben wir gezeigt, dass es uns wirklich ernst ist.

Dennoch heisst es, die Bankenblockierer seien viel extremer als die sogenannte Klimajugend und würden von Fanatikern manipuliert.
Keller: Das ist wirklich absurd. Wir waren von Beginn an Teil der Klimastreikbewegung und haben die Entscheidung zur Blockade selbst und bewusst getroffen.

Schumacher: Ausserdem lautet unser Aktionskonsens immer «keine Gewalt und kein Sachschaden». Darauf legen wir höchsten Wert.

«Mehrere Poli­zisten drückten mich zu Boden.»

Die Polizei war also auf Einschüchterung aus?
Keller: In ihren schwarzen Kampfmonturen sahen die Polizisten extrem bedrohlich aus. Und wie die uns anschauten! Als ob sie zu allem bereit wären. Nach drei Stunden begann die Polizei mit der Räumung. Ich war sehr angespannt. Besonders dann, als sie sogar unsere Sanitäterin brutal verhafteten. Dabei war sie gar nicht Teil der Blockade und war mit einer Leuchtweste klar als Rettungskraft erkenntlich. In diesem Moment habe ich Angst bekommen. Wir wussten nicht, was noch passieren würde. Besonders verstörte mich das, weil ich bisher immer gut mit der Polizei zurechtkam und wir bei den Klimastreiks stets vernünftig miteinander reden konnten.

Die Stadtpolizei Zürich sagt, sie habe «verhältnismässig» gehandelt.
Schumacher: Was soll das schon heissen? Zuerst haben die ja nicht einmal kapiert, dass wir uns angekettet hatten. Sie mussten dann extra Werkzeug holen gehen. Alles Mögliche an Gerät haben die angeschleppt, wussten aber nicht, wie damit umzugehen ist. Zuerst versuchten sie, uns mit einem elektronischen Eisenschneider loszukriegen. Sie scheiterten an der Stahlkette. Dabei hätten sie bloss das Schloss knacken müssen. Mit einem Bolzenschneider schafft das jedes Kind. Die Polizei hat dann aber ausgerechnet eine Trennscheibe geholt und die Kette zersägt. Es war total gefährlich. Funken verbrannten meine Beine, und auch meine Augen waren in Gefahr. Es hätte leicht zu schweren Verletzungen kommen können.

Gab es denn keine Schutzkleider?
Keller: Für die Polizei schon, die hatte Schutzbrillen. Als ich das sah, bat ich darum, auch geschützt zu werden. Das ging offenbar zu weit. Mehrere Polizisten drückten mich zu Boden und knieten auf mich. Einer hat mir sogar die Nase zugehalten und mir seine Finger in den Mund gesteckt.

Nach der Räumung wurdet ihr von der Kantonspolizei in Untersuchungshaft genommen. Was ist dort passiert?
Schumacher: Zuerst wurden wir fotografiert und biometrisch erfasst. Ich musste hierfür an eine Wand stehen. Ein Polizist liess dann einen metallenen Massstab auf meinen Kopf fallen. Mir wurde schwarz vor Augen, und ich brach zusammen. Aber anstatt mir aufzuhelfen, sind die Polizisten auf mir rumgetrampelt. Einer riss mir den Mund auf und hat mir mit einem Stäbchen eine DNA-Probe abgenommen.

Haben Sie diese Polizisten nach ihrem Namen gefragt?
Keller: Mehrmals. Doch die Beamten antworteten bloss mit «Michael Jackson» oder «Bruce Willis». Dann musste ich eine Leibesvisitation über mich ergehen lassen. Es herrschten ein Riesenchaos und Platzmangel. Deshalb musste ich in eine Besenkammer und mich dort nackt ausziehen. Die Tür stand zu dieser Zeit immer offen, und von draussen guckten männliche Beamte hinein. Ziemlich grob hat mir dann eine Polizistin in jede Körperöffnung geschaut.

Wozu das denn?
Keller: Das habe ich die Polizei auch gefragt. Wir sind doch keine Schwerverbrecherinnen! Doch als Antwort haben sie mich einfach in den «Scharfen» gesteckt. Das ist ein fensterloses und besonders stinkendes Kellerloch. Dort sass ich dann in Einzelhaft. Irgendwann holten sie mich wieder raus und sagten mir, das sei eine «erzieherische Massnahme» gewesen, denn ich sei ein «schwieriger Fall».

Am Montag waren euer Verhör und die Datenerfassung bereits beendet. Warum wurdet ihr erst am Mittwoch aus der Haft entlassen?
Schumacher: Aus reiner Schikane.

Inwiefern?
Keller: Wir haben unsere Aussagen ja gemacht, es gab keinen Grund mehr, uns länger festzuhalten. Doch die Plagerei ging weiter. Zum Beispiel bekamen wir das Mittagessen einmal bereits am Morgen um halb elf, das Znacht gab’s dann aber bereits am Nachmittag um vier.

Werden solche Polizeiaktionen die Klimabewegung einschüchtern können?
Schumacher: Natürlich macht einem eine solche Behandlung schon zu schaffen. Doch solange wir zusammenstehen und solidarisch sind, macht es uns nur stärker. In meinem Umfeld haben viele gesagt: «Nächstes Mal sind auch wir dabei!»

Keller: Ich glaube, die Strategie der Polizei geht nicht auf. Ich gebe ein Beispiel: Als wir im Untersuchungsgefängnis sassen, hörten wir von draussen plötzlich Trommeln, Rufe und Parolen. Eine Unterstützungsaktion unserer Freundinnen und Freunde aus der Klimabewegung. Das war grossartig! Da war es plötzlich wieder. Dieses Gefühl von Gemeinschaft und Solidarität! Heute habe ich noch engere Verbundenheit mit meinen Leuten. Jetzt sind wir stärker!

* Namen geändert.

Eine Liste sämtlicher Vorfälle während der Räumung und der Haft gibt es hier: rebrand.ly/polizeigewalt

Klimabewegung plant Riesenstreik

Vor genau einem Jahr trat eine 15jährige Schwedin erstmals und ganz allein in ihren «Skolstrejk för klimatet» – den Schul­streik für das Klima. Heute ist Greta Thunberg 16jährig, und es lehnen sich Millionen auf – weltweit. Und längst ist die Bewegung nicht mehr bloss eine von Jugendlichen. Lehrpersonen, Architektinnen, Bauern – immer mehr Berufsgruppen unterstützen die ­Freitags-Streiks. Die Gruppe «Scientists for Future» etwa vereint unterdessen allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz 26’800 Forschende.

KLIMA-SEPTEMBER. Diesem Aufwind konnten auch die immer gehässigeren Ver­leumdungen von rechten Klimaleugnenden nichts anhaben. Ebenso wenig die Sommerferien. Das hat der Lausanner Klima­streik-Kongress vom 5. bis 9. August gezeigt. Dort vernetzten sich 450 Schülerinnen und Schüler aus 38 Ländern, um zu koordinierten Aktionen auszuholen. Mit welchem Erfolg, wird sich spätestens am 20. September zeigen. Auf dann ist nämlich ein globaler Klimastreik angekündigt, dem ein schweizweiter Streik am 27. September und eine Grossdemo in Bern tags darauf folgen.

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