Neue Unia-Umfrage zu sexueller Belästigung in der Lehre

Betatscht und blöd angemacht

Christian Egg

In der Lehre ist schon jeder und jede dritte am Arbeitsplatz sexuell belästigt worden. Das zeigt eine neue Umfrage der Unia.

ALLTAG IN DER LEHRE: Die häufigste Form der sexuellen Belästigung sind sexuelle Anspielungen und abwertende Bemerkungen. (Foto: Getty)

Sexistische Sprüche und abwertende Bemerkungen gehören für viele Lernende zum Alltag. Das Ausmass zeigt jetzt eine neue Umfrage der Unia-Jugend. Gut 800 Jugendliche aus der ganzen Schweiz haben daran teilgenommen.

Die Ergebnisse sind deutlich: Ein Drittel aller Lernenden hat schon mindestens einmal sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erfahren. Frauen sind öfter betroffen als Männer (siehe Grafik unten). Zählt man Erlebnisse in der Schule und im Privatleben dazu, dann sind es sogar 70 Prozent der Lernenden, die schon Opfer von sexueller Belästigung wurden. Unia-Jugendsekretärin Kathrin Ziltener sagt: «Die Zahlen sind erschreckend hoch – besonders wenn man bedenkt, dass die Jugendlichen erst seit kurzer Zeit im Arbeitsleben und viele von ihnen noch minderjährig sind.»

«Die Firmen müssen
Null­­toleranz durchsetzen.»

ZUERST BLÖDE SPRÜCHE …

Die häufigste Form der sexuellen Belästigung sind laut der Umfrage sexuelle Anspielungen und abwertende Bemerkungen. In fünf von sechs Fällen kommen noch andere Arten der Belästigung dazu, etwa «unerwünschte Körperkontakte» wie Begrapschen (alleine am Arbeitsplatz 12 Prozent aller Befragten) oder Stalking (8 Prozent). Ziltener: «Das deutet darauf hin, dass sich solche Grenzüberschreitungen oft kumulieren.»

Schlagzeilen machte im Frühling 2019 ein Bäckermeister aus Biel: Er hatte zwei weibliche Lernende sexuell missbraucht und wurde dafür zu 20 Monaten Gefängnis bedingt verurteilt. Allerdings erlaubte es ihm das Gericht, weiterhin Lernende auszubilden. Erst nach zahlreichen Protesten auf Facebook zog sich der Mann freiwillig aus dem gesamten Betrieb zurück und versprach, nie mehr als Lehrlingsausbilder tätig zu sein.

REALITÄT. Jede dritte Lernende ist am Arbeitsplatz sexuell belästigt worden. Bei den Männern sind es 25 Prozent. (Grafik: work)

… DANN LEHRABBRUCH

Die Folgen von sexueller Belästigung können gravierend sein. Unia-Frau Ziltener sagt: «Wenn sich Vorfälle häufen und die Betroffenen keine Hilfe erhalten, kann dies nachhaltige Narben auf der Seele hinterlassen.» Mehrere Teilnehmende der Umfrage gaben an, dass sie in der Folge ein Burnout erlitten hätten oder die Lehre abbrechen mussten.

Das Gesetz verpflichtet die Arbeitgeber, die Mitarbeitenden zu schützen, die Lernenden ganz besonders. Ziltener: «Für sexuelle Übergriffe heisst dies, dass Firmen Nulltoleranz durchsetzen müssen.» Dazu gehörten klare Reglemente, eine Anlaufstelle inner- oder ausserhalb des Betriebs und Sanktionen für fehlbare Mitarbeitende.

Handeln statt schweigen

Das Portal belästigt.ch bietet professionelle und vertrauliche Online-Erstberatung bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Ein Angebot der Unia, der Stadtzürcher Fachstelle für Gleichstellung, des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner und der «frauenberatung: sexuelle gewalt zürich».

 


Belästigung: Berufsschulen drücken sich

NICHT MIT MIR! Stiftinnen sollen lernen, sich gegen sexuelle Belästigung zu wehren. (Foto: iStock)

Wie fülle ich eine Steuererklärung aus? Welche Rechte habe ich als Mieterin oder Mieter? Wie verhalte ich mich ökologisch? Solche Dinge und noch viel mehr lernen Stiftinnen und Stifte an der Berufsschule im allge­meinbildenden Unterricht. Zum Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz lernen die meisten: nichts. Das zeigt eine Umfrage von work bei verschiedenen Deutschschweizer Kantonen.

Sexuelle Belästigung als Thema in der Berufsschule? Fast überall Fehlanzeige.

UNVERBINDLICH. Der Kanton Zürich schreibt, es gebe «keine verbindlichen Vorgaben», ob die Berufsschulen die Lernenden zu diesem Thema informieren müssten. Im Kanton Bern mussten die Schulen zwar ein Konzept erstellen, wie sie sexuelle Belästigung zu thematisieren gedenken. Eine verbindliche Weisung gibt es hier aber auch nicht: «Die Schulen sind frei, wie sie das Thema behandeln wollen.» Und an der Berufsschule Basel-Stadt ist ein Programm zum Thema erst in Planung. Der Kanton St. Gallen gibt an, sexuelle Belästigung werde im allgemeinbildenden Unterricht behandelt. Doch auch hier: keine verbindliche Vorgabe an die Schulen.

Unia-Jugendsekretärin Kathrin Ziltener hat während und nach der Umfrage (siehe Text oben) mit vielen Stiftinnen und Stiften gesprochen. Sexuelle Belästigung als Thema in der Berufsschule? Fast überall Fehlanzeige, sagt sie. Das muss sich jetzt ändern. Ziltener fordert: «Alle Berufsschulen müssen den Lernenden aufzeigen, welche Formen von Belästigung es gibt und wie sie sich dagegen wehren können.» Und zwar im Unterricht. «Es reicht sicher nicht, den Schülerinnen und Schülern beim Eintritt eine Broschüre zu verteilen.»

 


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