Jean Ziegler ‒ la suisse existe

Die traurige ­Bäckerin von Moria

Jean Ziegler

Jean Ziegler

Semeen Alizada trägt einen schwarzen Tschador. Sie ist 32 Jahre alt, sieht aber aus wie eine Greisin: eingefallene Wangen bleiche Haut, fast reglose, traurige dunkle Augen. Ihre vier Kinder – Mustapha, 3 Jahre alt, Azira, 4, Amir und Timur, die beiden 12jährigen Zwillinge – spielen auf dem mit Unrat übersäten, schlammigen Boden vor der selbstgebastelten Unterkunft aus Plastic­planen und dürren Ästen.

Semeen gebührt höchster Respekt. In der Hölle des Flüchtlingslagers Moria ist es ihr dank unbändiger Energie und grosser Klugheit gelungen, so etwas wie eine eigene Bäckerei aufzubauen. Von der Hilfsorganisation «Save the Children» erhielt sie 100 kg Mehl. Sie sitzt vor einem mit Steinen ausgelegten Loch, in dem die Glut leuchtet und bäckt Fladenbrot. Preis: 50 Cent das Stück.

FLUCHT VOR DEN TALIBAN. Unser Dolmetscher redet Persisch mit ihr. Sie war Lehrerin im afghanischen Herat. Ihr Mann, auch er Lehrer, konnte Englisch und dolmetschte bisweilen für die amerikanische Garnison. Die Taliban erschossen ihn eines Nachts im Januar 2018 und bedrohten die Zwillinge. Semeen floh noch in derselben Nacht mit den Kindern über die iranische Grenze.

Sie zog weiter in die Türkei. Schlepper setzten ihre Familie für 1000 Dollar in ein Gummiboot. Es kenterte kurz vor der griechischen Insel Lesbos, 17 Menschen ertranken, darunter ihre jüngste Tochter, die zweijährige Mharyam.

Die Überlebenden kamen nach Moria, ein 4,5 Hektaren grosses ehemaliges griechisches Kasernenareal. Die Gebäude wurden für 900 Menschen hergerichtet. Heute beherbergen sie hinter Stacheldraht mehr als 8000 Flüchtlinge, darunter fast 3000 Kinder unter zehn Jahren. Jenseits des Stacheldrahts dehnt sich in den Olivenhainen das «inoffizielle» Lager. Dort überleben Hunderte von Familien in selbst­gemachten Unterkünften ohne Toiletten, ohne regelmässigen Zugang zu sauberem Wasser, zwischen Fäkalien und Unrat. Sie leben
«wie die Tiere», sagt die erschütterte Chefin der Ärzte ohne Grenzen, die junge Belgierin Caroline Willemen.

Die Flüchtlinge leben «wie die Tiere», sagt die erschütterte belgische Ärztin Caroline Willemen.

ABSCHRECKUNG. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln kontrolliert die griechische Armee. Dazu hat die EU in den letzten drei Jahren weit mehr als eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt. Griechische Generäle schlossen Lieferverträge mit privaten Cateringfirmen ab … und wurden reich dabei. Ich habe an acht Ausgabestellen dreimal täglich die Ausgabe von Nahrungsmitteln beobachtet. Viermal war das ausgeteilte Fleisch und einmal das Poulet ungeniessbar, es stank und wurde von den Menschen, die pro Mahlzeit bis zu zwei Stunden Schlange standen, sogleich weg­geworfen.

Medico International und Pro Asylum finanzieren griechische Anwälte, die den Flüchtlingen beistehen. Sie verlangen die sofortige Schlies­sung des Lagers, dessen offensichtlicher Zweck die Abschreckung von Flüchtlingen ist.

Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein jüngstes in Deutsch erschienenes Buch heisst: «Was ist so schlimm am Kapitalismus? Antworten auf die Fragen meiner Enkelin».

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