1x1 der Wirtschaft

Arbeitslosigkeit: Darum täuscht die «Quote»

David Gallusser

Die Zeiten sind vorbei, in denen sich die Schweiz mit ihrer tiefen Arbeits­losigkeit brüsten konnte. Die hiesige Erwerbslosenquote pendelte sich in den letzten Jahren nach jedem Abschwung auf einem höheren Niveau ein und erreichte 2018 im Jahresdurchschnitt 4,9 Prozent (siehe Grafik). Im europäischen Vergleich ist die Schweiz damit ins Mittelfeld abgerutscht. Deutschland, die Niederlande, aber auch Polen oder Ungarn haben heute eine tiefere Erwerbslosigkeit. Neben den Erwerbs­losen ist auch die Zahl der Beschäftigten, die unfreiwillig Teilzeit arbeiten, laufend gestiegen. Zuletzt waren insgesamt 12 Prozent aller Personen im Erwerbsleben ent­weder arbeitslos oder unterbeschäftigt. Das ist alles andere als ein Spitzenwert.

(Quelle: Bundesamt für Statistik, SAKE)

BESCHÖNIGENDE QUOTE. Trotz der beunruhigenden Werte behaupten einige Ökonomen, wir hätten Vollbeschäftigung. Sie stützen sich dabei auf die Zahl der Arbeitslosen, die bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszen­trum (RAV) gemeldet sind. Die so berechnete Arbeitslosenquote betrug nämlich «bloss» 2,6 Prozent im Jahr 2018. Allerdings greift es zu kurz, nur Arbeitslose beim RAV zu zählen. Viele Arbeitslose können oder wollen keine Leistungen der Arbeitslosenversicherung beziehen, weil sie zum Beispiel bereits eine IV-Teilrente erhalten, ausgesteuert sind oder sich den Auflagen nicht unterordnen wollen. Die erstgenannte Erwerbslosenquote kann diese Arbeitslosen dank einer breit angelegten Umfrage mit berücksichtigen. Sie kommt deshalb auf einen höheren und weniger beschönigenden Wert.

KAUM LOHNWACHSTUM. Ein klares ­Zeichen dafür, dass wir keine Vollbeschäftigung haben, sind auch die ­Löhne. Im letzten Jahr sind sie im Durchschnitt nach Abzug der Teuerung um 0,5 Prozent gesunken. In einem Arbeitsmarkt auf Hochtouren würden wir eigentlich steigende Löhne erwarten. Bei tatsächlicher Vollbeschäftigung können Arbeitnehmende aus ­einem breiten Stellenangebot wählen. Das gibt ihnen Macht, bessere Löhne auszuhandeln. Ist die Arbeitslosigkeit hingegen hoch, können Firmen ein­facher die Löhne drücken. Vor diesem Hintergrund ist das Gerede von Voll­beschäftigung zurzeit vor allem Interessenpolitik für die Arbeitgeber. Denn je mehr Arbeitslosigkeit kleinge­redet wird, desto geringer der Druck auf Bund, Kantone und Nationalbank, etwas gegen Arbeitslosigkeit zu tun.

David Gallusser ist Ökonom und Unia-Mitglied.

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