1x1 der Wirtschaft

Tiefe Zinsen: Schulden heute, Erträge morgen

David Gallusser

Für die öffentliche Hand war es kaum je günstiger, Geld aufzunehmen, als heute. Das zeigt ein Blick auf die Zinsentwicklung von Schweizer Staats­anleihen. Bund, Kantone und grössere Städte leihen sich in der Regel Geld, indem sie Anleihen an Anleger wie Pensionskassen, Banken oder auch an Privatpersonen verkaufen. Im ­Gegenzug verpflichten sie sich, nach einer bestimmten Zeit das Geld mit Zinsen zurückzuzahlen. Wie die Grafik zeigt, ist die Rendite auf 10jährigen Bundesanleihen – sinnigerweise «Eidgenossen» genannt – seit den 1990er Jahren und vor allem nach der Finanzkrise 2008 gesunken. Zuletzt ist sie mit - 0,3 Prozent sogar negativ.

(Quelle: SNB)

RENDITE MIT SCHULDEN. Eine Anlegerin, die heute einen «Eidgenossen» für über 1000 Franken erwirbt, bezahlt also jährlich 3 Franken effektiven Zins, bevor sie ihr Geld nach 10 Jahren wiedersieht. Umgekehrt heisst das: Der Bund verdient Geld, wenn er sich verschuldet. Auch bei «normalen» Zinsen im positiven Bereich kann die öffent­liche Hand mit Schulden gute Erträge erzielen. Zu diesem Schluss kommt eine neue Untersuchung der Uni Lausanne. Sie zeigt, dass die Zinsen, die Kantone zahlen müssen, weit unter den üblichen Renditen der Finanzmärkte liegen und zusätzliche Schulden diese Zinsen kaum erhöhen. ­Kantone könnten sich deshalb verschulden, um Geld auf den Finanzmärkten anzulegen. Sie würden damit mehr Kapitalerträge erzielen als Schuldzinsen zahlen. Wenn die Kan­tone das geliehene Geld wie Pensionskassen anlegen würden, könnten sie ihre Einnahmen unter dem Strich im Durchschnitt um 5 Prozent steigern.

Selbstverständlich sind Kantone keine Anlagefonds, die möglichst hohe ­Renditen erwirtschaften müssen. Die Studie, aber auch die rekordtiefen Zinsen machen deutlich, dass sich Schulden für die öffentliche Hand allein schon finanziell rechnen können. Wenn mit den Schulden zudem in eine nachhaltige Zukunft investiert wird, dann zahlen sie sich auch gesellschaftlich aus. Investitionsbedarf gibt es genug. Zum Beispiel braucht es dringend Investitionen, um Wirtschaft und Verkehr CO2-neutral umzubauen und die Klimaerwärmung abzuschwächen. Oder Städte könnten ihren ­Boden aufkaufen, um mehr bezahl­baren Wohnraum zu schaffen – und zugleich ihre Erträge zu steigern.

David Gallusser ist Ökonom und Unia-Mitglied.

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