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Aktivistin Anna Gisler: «Der Klima­streik macht mich aus»

Anne-Sophie Zbinden

Anna Gisler (16) ist eigentlich Gymnasiastin. Doch seit sie sich in der Klimabewegung engagiert, ist alles etwas anders.

JUNG UND AUF ZACK. Schülerin Anna Gisler (16) will fürs Klima ihr Bestes geben. (Fotos: Roland Schmid)

Alles begann mit einer Whatsapp-Nachricht. Da stand: «Am Freitag machen wir einen Klimastreik.» Spontan ging Anna Gisler (16) zur Vorbereitungssitzung. Und dann ging es so richtig los. Sie sagt: «Innerhalb von drei Tagen organisierten wir den ersten Klimastreik in Basel vom 21. Dezember 2018, obwohl wir keine Ahnung von Demos hatten. Es war ein Riesenstress, ich habe kaum geschlafen.» Gleichzeitig war es aber ein Befreiungsschlag. Sie habe gedacht: «Wow, endlich passiert was! Da muss ich jetzt mein Bestes geben.» Anna Gisler ist eigentlich Gymnasiastin, zurzeit wohl mehr Klimaaktivistin.

Der Klimawandel beschäftige sie schon lange, sagt Anna Gisler: «Er ist das grösste Problem der Menschheit.» Im Sommer vor zwei Jahren war sie mit Freunden in den Alpen und erlebte einen Schock. Eigentlich hatten sie eine Gletscherwanderung geplant. Und auf der Karte aus den 1990er Jahren war ein Gletscher eingezeichnet. Davon war jedoch nicht mal mehr die Hälfte zu sehen. «Krass», habe sie da gedacht. «So sieht also Klimawandel aus.»

STACHELBEEREN. Das Bild liess Anna Gisler nicht mehr los. Und darum ist sie überzeugt dabei, wenn die Basler Schülerinnen und Schüler an einem Freitag im Monat, statt im Schulzimmer zu sitzen, auf der Strasse für das Klima streiken. Dafür muss sie an ihrem freien Nachmittag in die Schule, um Erdbeeren, Johannisbeeren und Stachelbeeren zu pflanzen. Als Kompensationsmassnahme. Damit ihre Streik-Abwesenheit nicht als «Unentschuldigt» ins Zeugnis kommt. Das haben Anna Gisler und ihre Kolleginnen und Kollegen mit der Schuldirektion so ausgehandelt. Möglich wäre auch, eine Stadtführung zum Thema Konsum zu besuchen. «Und wir wollen noch andere Kompensationsmöglichkeiten auf die Beine stellen», sagt Anna Gisler. Sie ist die Ansprechperson für den Rektor in Sachen Klimastreik. «Mit ihm habe ich übrigens morgen eine Sitzung.» Sie wolle besprechen, wie an ihrem Gymi in Zukunft Flugreisen kompensiert werden könnten.

Den Hauptteil ihrer Klimaschutz­arbeit leistet Anna Gisler in der Freizeit. Mindestens einmal pro Woche habe sie eine Klimasitzung, erzählt die Sechzehnjährige. Aber manchmal könnten es auch zwei oder drei sein.

KLIMAJUGEND: Anna Gisler und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter sind fast hauptamtlich für die Klimastreiks tätig.

Gerade hat sie eine vierstündige Sitzung mit verschiedenen Arbeitsgruppen hinter sich. Anna Gisler erklärt: «Wir haben über 30 Traktanden besprochen.» Sie selbst ist in drei Arbeitsgruppen tätig: «Demo-Planung», «Aktionen» und «Zusammenarbeit mit dem Erziehungsdepartement». Früher hat sie auch noch das Instagram-Konto betreut. Doch das hätten zum Glück jetzt hauptsächlich andere übernommen. Anna Gisler ist verantwortlich für die Beantwortung der Mails. Sie sagt: «Das mache ich jeweils zwischendurch, aber insgesamt brauche ich dafür schon eine halbe Stunde pro Tag.» Die ­Klimaaktivistin erklärt: «Wir in ­Basel sind extrem gut strukturiert.» So hätten sie beispielsweise eben ein neues Rotationsprinzip für die Beantwortung der Mails eingeführt. Jede Woche sei jemand anders an der Reihe, die Mails zu bearbeiten. «Vorher war es ein Riesenchaos. So könnte es jetzt aber funktionieren.»
«Ohne Whatsapp-Gruppen wäre die Organisation der Klimastreiks nicht möglich», sagt Anna Gisler. Jede Arbeitsgruppe habe ihren eigenen Chat. Und daneben gibt es noch eine Gruppe für alle. «Somit können wir Anliegen sofort in den jeweiligen Chats besprechen. Das ist sehr effizient und auch entlastend. Mit dem aktuellen System kann ich sagen, dass ich zwar noch immer vielbeschäftigt bin, aber in einem gesunden Ausmass.»

Trotzdem sind die schulischen Leistungen der Gymnasiastin etwas schlechter geworden. «Ich habe definitiv weniger Zeit zum Lernen.» Und natürlich hätten sich auch die Prioritäten geändert – und das sei auch gut so. Denn: «Der Klimastreik macht mich aus», sagt Anna Gisler. Auch an der Freizeit geht ihr Klimaengagement nicht spurlos vorbei. Freundinnen und Freunde, die nicht in der Klimabewegung aktiv seien, sehe sie jetzt seltener. Und auch Cello spiele sie viel weniger als früher.

NOTSTAND. Die Klimajugend stellt klare Forderungen an die Politik: «Wir verlangen die Ausrufung des nationalen Klimanotstands, netto keine Treibhausgasemissionen mehr bis 2030 und Klimagerechtigkeit», erklärt Anna Gisler. In Basel kann die Klimabewegung bereits einen Erfolg verbuchen: Die Stadt hat den Klimanotstand ausgerufen. Anna Gisler sagt: «Wir sassen damals alle auf der Tribüne im Grossen Rat und haben gezittert. Denn es war überhaupt nicht klar, ob die Politikerinnen und Politiker den Vorstoss annehmen würden.» Natürlich sei die Ausrufung des Klimanotstandes vor allem eine symbolische Geste. Aber die Bedeutung sei enorm. Denn damit hätten die Basler Politikerinnen und Politiker klar- gemacht: «Ja, die Klimaerhitzung ist eine Krise.»

Jetzt müssten aber endlich Taten folgen, sagt Anna Gisler, checkt ihre Whatsapp-Chats und eilt zur nächsten Sitzung.


Anna Gisler Musik & Menschenrechte

Anna Gisler (*2002) lebt mit ihren Eltern und ihrem Bruder (14) in Basel. Ihre Mutter stammt aus England, ihr Vater aus der Innerschweiz. Sie besucht das Gymnasium am Münsterplatz in Basel, Fachrichtung PPP (Philosophie, Psychologie, Pädagogik). Sie ist Vegetarierin und kauft ihre Kleider nur noch Second Hand. Anna Gisler spielt seit 10 Jahren Cello.

Sie singt im Schulchor und dem Chor der Musikakademie. Ausserdem ist sie Mitglied der Jugendgruppe von Amnesty International. Wobei sie auch dort ihr Engagement zugunsten der Klima­bewegung etwas zurückgefahren hat.

SUPER. Die Eltern der Gymnasiastin unterstützen Annas En­gagement für den Klimaschutz: «In meiner Familie war es schon immer klar, dass wir im Winter keine Erdbeeren kaufen.» Und sie reisen mit dem Zug nach England zur Familie der Mutter. Natürlich merkten die Eltern, dass sie jetzt viel beschäftigter sei als früher. Aber: «Meine Eltern finden es super, dass ich für eine Sache brenne. Trotzdem finden sie es natürlich schade, dass ich jetzt nur noch selten zum Znacht daheim bin.» Bis ihre Forderungen erfüllt sind, wollen die Basler Klimajugend­lichen einmal pro Monat streiken.

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