Italien: Carla Quinto (43) kämpft für misshandelte Frauen

«Jede Aktion bringt uns ein Stück vorwärts»

Oliver Fahrni

Juristin Carla Quinto begleitet in Rom misshandelte Frauen durch den «langen, schmerzhaften Rechtsweg». Die Feministin rührt aber auch die Werbetrommel für einen Frauenstreik am 8. März – gegen Italiens Macho-Regierung.

CARLA QUINTO: Die Anwältin ist wütend auf Innenminister Matteo Salvini, der in Italien ein halbes Jahrhundert Errungenschaften der Frauenbewegung zurückdrehen will. (Foto: Repubblica TV)

Sie will kein Mitgefühl für diskriminierte Frauen, und das ganze Gerede vom Schutz der «schwächeren Hälfte» der Gesellschaft kann sie nicht mehr hören. Carla Quinto beharrt auf dem elementaren Menschenrecht eines unversehrten Lebens in Freiheit und Sicherheit. Ohne Unterschied. In Gleichstellung. Sie sagt: «Die Frau ist nicht schwach, sie ist durch Gewalt verwundbar geworden.» Dieser Verwundbarkeit begegnet Rechtsanwältin Quinto, 43, jeden Tag. Für die Kooperative Be Free in Rom, deren juristische Abteilung sie führt, begleitet sie misshandelte und diskrimierte Frauen durch den «langen, schmerzhaften Rechtsweg». Das geht weit über juristischen Beistand hinaus: Denn, so Quinto, «Frauen, die Opfer von Geschlechtergewalt wurden, tragen eine schwere Erfahrung von Einsamkeit und moralischer Zerstörung mit sich.» Manche Polizisten, Täter-Anwälte und sogar einzelne Richter lassen die Frauen Vorurteile und eine Form von Männersolidarität spüren. Carla Quinto sieht ihre Aufgabe darin, «diese Begegnung zwischen Frauen und der Institution so wenig traumatisierend wie möglich zu halten». Dabei kann sie schon mal brutal juristisch auftreten.

DIE FEMIZIDE

Wie tief die Diskriminierung der Frauen immer noch sitzt, zeigt die krasseste Form, der Femizid. Mit diesem Begriff bezeichnet die Kriminologie die vorsätzliche Tötung einer Frau durch Partner oder Nahestehende, weil die Frau angeblich gegen Rollenvorstellungen verstossen hat. Häufigster Fall: Liebe tot, also macht der Mann auch die Frau tot. 2018 wurden in Italien 113 Femizide verübt, alle drei Tage einer. Übrigens, und um einem möglichen Vorurteil die Spitze zu brechen: Auf die Einwohnerzahl gerechnet, gab es in der Schweiz doppelt so viele Femizide wie in Italien. Sagen die unbestechlichen Statistiken der Polizei.

Derzeit haben sie bei Be Free sehr viel zu tun. In drei Anlaufstellen in Rom (und anderen Filialen, beispielsweise in den Abruzzen) arbeiten die Frauen der Organisation gegen Diskriminierungen, gegen physische, psychologische, ­sexuelle und ökonomische Gewalt und gegen Menschenhandel an. Be Free schult auch Polizisten, deeskaliert an Schulen und fährt Kampagnen für die Gewaltprävention.

«Die Frau ist durch Gewalt verwundbar geworden.»

KLIMA DER GEWALT

Dass gerade jetzt viele Hunderte von Frauen, darunter zahlreiche Migrantinnen, Hilfe suchen, ist dem beschleunigten Zerfall der italienischen Gesellschaft geschuldet. Wo Solidaritäten nicht mehr spielen und die Not in den Alltag der vielen dringt, steigt der Pegel der Gewalt insbesondere gegen Frauen und Kinder. Der neofaschistische Innenminister und Vizeregierungschef Matteo Salvini heizt das Klima der Ausgrenzung und Gewalt kräftig an. Er will ein halbes Jahrhundert Errungenschaften der Frauenbewegung zurückdrehen (siehe Box). Kürzlich wurde ein grosses Sozialzentrum in Rom geschlossen, 300 Frauen mussten sich anderswo Hilfe suchen, unter anderem bei Be Free.

Carla Quinto macht das alles wütend. Sehr ruhig sagt sie das. Sie gehört auch zu den Gründerinnen der Bewegung «Non Una Di Meno» (Keine weniger), eine Anspielung auf die Femizide, die am 24. November 2018 viele Zehntausende für eine feministische Demo gegen die Regierung auf die Strasse brachte. Und die jetzt den Frauenstreik vom 8. März vorbereitet. Während die zerfallende Linke in Duldungsstarre verharrt, ist die Frauenbewegung zur stärksten Oppositionskraft in Italien gewachsen.

DIE STRASSENANWÄLTIN

Hier schliesst sich für die kämpferische Juristin ein Kreis. Ihre Abschlussarbeit an der Uni drehte sich um Missbrauch und Gewalt in der Familie. Sehr zurückhaltend deutet sie persönliche Erfahrungen an. Nach dem Jus­abschluss legte sie noch zwei weitere Abschlüsse in Psychologie und Familienrecht drauf. «Doch darauf fiel ich in eine tiefe persönliche Krise», erzählt sie. Die «klassische Anwaltskarriere» missfiel ihr: «Ich wollte eine Strassen­anwältin werden. Reichlich romantisch. Da hat mich eine mir nahestehende Person mit Be Free in Kontakt gebracht.»

Zwölf Jahre später findet Carla Quinto, dass es so richtig sei: «Jeder Schritt für die Frauenrechte, jede Aktion, die wir organisieren, bringt uns ein Stück vorwärts Richtung einer wirklichen Gleichstellung.»


Frauenfeind Salvini Der Rückschritt läuft

KEINE WENIGER! Frauen demons­trieren am 24. November 2018 in Rom gegen Femizide. (Foto: Alamy)

Kein Wunder, wollen Italiens Frauen am am internationalen Frauentag, dem 8. März, auf die Strasse gehen, so wie sie es schon am 24. November getan hatten. Denn seit dem 1. Juni 2018 wütet in Italien der Rechtsradikale Matteo Salvini als Innenminister und Vizepremier. Der starke Mann der italienischen Regierung verfolgt ein frauenfeindliches Programm: Möglichst alles, was die Frauenbewegung in fünfzig Jahren emanzipatorischer Mobilisierung erreicht hat, soll schnell plattgemacht werden.

ALIMENTE ADE! Kaum im Amt, hat er ein neues, erzreaktionäres Familienrecht aufgelegt. Dafür hat er Senator Simone Pillon vorgeschickt, einen ­katholischen Fundamentalisten. Das Gesetz soll Abtreibungen noch viel schwieriger machen. Ebenso Scheidungen. Künftig müssten Scheidungswillige gegen teures Geld einen Familientherapeuten über sich er­gehen lassen. Pillon ist Chef eines ­solchen Therapieunternehmens. Die Alimente werden abgeschafft. Der Mutterschaftsurlaub wird reduziert. Und ein neues Gesetz über häusliche Gewalt verniedlicht männliche Gewalt als «Konfliktualität». Der Rollback in Italien läuft.

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