Bärtschi-Post

Die Briefträgerin & McKinsey

Katrin Bärtschi

Katrin Bärtschi ist Briefträgerin in Bern und Gewerkschafterin.

Der Post-Verwaltungsrat hat einen neuen Chef gewählt. Nicht den Mann, auf den sich die «NZZ am Sonntag» bereits kurz nach dem Abgang der Chefin so freute: «Aufräumer Thomas Baur wird schon als künftiger Post-Chef gehandelt.» Nein, es ist ein gewisser Roberto ­Cirillo. Ein Mann, dessen Namen die Briefträgerin nie zuvor gehört hatte. Er lebt in London, vorher in Paris. Derzeit leitet er einen britischen Chemieriesen, vorher einen internationalen Spitalkonzern. Bald wird er sich also einen Schweizer Service-public-Betrieb vornehmen. Der «Sonntagsblick» kommentiert: «Einer, der einmal für die ultrakapitalistische Unternehmensberatungsfirma McKinsey tätig war.» McKinsey löst im Kopf der Briefträgerin Wortketten aus: «eiserner Besen», «stählerner Kamm», «verschlanken», «sanieren», «gesundschrumpfen». Ist da eigentlich jemand krank, fragt sich die Briefträgerin, und wenn ja, wer?

«Ist da eigentlich jemand krank?»

STILLE. Die Briefträgerin fürchtet die Zukunft. Ihr Spielraum, die Arbeit eigenständig zu gestalten, ist in den vergangenen Jahren immer kleiner geworden. Die Sortiermaschine in Härkingen gibt viel vor und stiehlt den Zustellerinnen und Zustellern die Büez. Rationalisierungstechniken nehmen dem Arbeitsalltag Lebendigkeit und Farbe. Wie wird es weitergehen? Die Chefwahl des Post-Verwaltungsrates löste nirgendwo grosse Aufregung aus. Und es blieb sonderbar still seither. Auch betriebsintern. Jedenfalls in dem Teil des Betriebs, den die Briefträgerin mitbekommt. Kein Thema im Pausenraum. Die Briefträgerin hat es noch nie verstanden: Die Schlagzeilen zur Post mögen noch so fett sein, wir reden über Sport, Unglücksfälle und Verbrechen. Lifestyle. Nur nicht über das, was uns ganz direkt betrifft. Spricht doch jemand etwas an, zucken die einen mit den Schultern, die andern schweigen oder sagen: «Wir können eh nichts machen.» Und dann gibt es noch die, die reden den Machthabenden sowieso immer dienstbeflissen das Wort.

PÖSTLERSTOLZ. Selbst die Gewerkschaft äusserte sich verhalten: Man warte ab. Der «Sonntagsblick» hingegen schrieb von Entfremdung. Und vom vergessenen «Pöstlerstolz». «Entfremdung, ja», denkt die Briefträgerin. «Die Post hat sich in den letzten Jahren von uns, ihren Nutzniesserinnen und Nutzniessern, entfremdet. Und von uns, ihren Mitarbeitenden.» Vielleicht ist Berufsstolz altmodisch in Zeiten, in denen eines der mächtigsten Zauberworte Flexibilität heisst. Geldverdienen, egal womit. Waren, Alpenregionen, Service public – unwichtig wie das «Produkt» heisst, Hauptsache, es lässt sich rentabel vermarkten. «Diese Weisheit tönt wie x-mal gelesen und gehört», denkt die Briefträgerin. «Aber im Arbeitsalltag sind ihre Auswirkungen immer wieder neu spürbar. Ich mag mich nicht daran gewöhnen.»

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