Sabrina Kneubühl ist eine der ganz wenigen Malerinnen, die Teilzeit arbeiten können

«Mein Chef ist richtig gut!»

Christian Egg

Viele Malerinnen und Gipserinnen steigen aus dem Beruf aus – weil es zu wenig Teilzeit­stellen gibt. Doch Malerin Sabrina Kneubühl (38) hatte Glück.

TEILZEIT LOHNT SICH: Mutiger Chef und topmotivierte Mitarbeiterin. So geschehen bei Malerchef Rolf Schulz und Malerin Sabrina Kneubühl. (Foto: Stephan Bösch)

Immer kurz vor Mittag hat Sabrina Kneubühl Feierabend: «Für die Kollegen sieht es so aus, als hätte ich jetzt frei», sagt die Malerin. Dabei muss sie erst mal Zmittag kochen und betreut am Nachmittag ihre neunjährige Tochter. Daneben lernt sie für die Vorarbeiterinnenprüfung. Jeden zweiten Samstag geht sie dafür in die Schule, in zwei Jahren will sie die Ausbildung abgeschlossen haben.

Dass sie nur halbtags arbeitet, ist in ihrem Beruf nicht selbstverständlich. Sie sagt: «Bei uns ist es schwer, eine Teilzeitstelle zu bekommen.» Nur gerade 4 Prozent aller Maler und Gipserinnen schweizweit arbeiten nicht Vollzeit. Die Folge: Fast jede zweite Malerin verlässt bis Mitte 30 ihren Beruf. Ein neues Projekt von Gewerkschaften und Arbeitgeberverband will das jetzt ändern (siehe Text unten).

«Es braucht mehr mutige Chefs!»

HEIMSPIEL-BONUS

Als Kneubühl nach der Geburt ihrer Tochter ihr Pensum verringern wollte, biss sie bei ­ihrer Firma auf Granit. Also rief sie ihren früheren Arbeitgeber an, die Naturfarbenmalerei Schulz & Rotach im appenzellischen Heiden. «Ich sagte dem Chef, ich brauche 40 Prozent. Er war einverstanden.» Auch, weil er sie schon kannte und schätzte. «Da habe ich vom Heimspiel-Bonus profitiert», sagt sie und lacht.

Klar müsse ein Betrieb anders planen, wenn Mitarbeitende Teilzeit arbeiteten. «Man kann nicht drei Wände streichen und am Mittwoch der Kundschaft sagen, jetzt habe ich frei, die vierte Wand mache ich erst nächste Woche.» Aber ein grosses Problem sei das nicht. Alles eine Frage der Organisation. Sie macht oft kleinere Arbeiten, streicht Fensterrahmen oder mischt Farben für die anderen im Betrieb.

ETWAS FLEXIBILITÄT

Ihr Chef habe jetzt die Erfahrung gemacht, dass es tiptop klappe mit Teilzeitmitarbeitenden, so Kneubühl. «Er ist richtig gut», sagt sie und schmunzelt. Ihr Chef Rolf Schulz bestätigt, das Experiment Teilzeit­arbeit habe sich gelohnt: «Wir haben ihr das ermöglicht und dadurch eine topmotivierte Mitarbeiterin gewonnen.» Es brauche klare Absprachen und etwas Flexibilität von beiden Seiten. «Zusammen finden wir meistens eine Lösung.»

Allerdings ist Schulz in der Branche noch die Ausnahme. Viele Chefs stellen die Leute entweder zu hundert Prozent oder gar nicht an. Malerin Kneubühl sagt, die hätten das halt immer so gemacht. «Viele funktionieren nach dem Motto: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht.» Für sie ist deshalb klar, was es braucht, um die Frauen in der Branche zu halten: «Mehr mutige Chefs!»


Neues Projekt fördert Teilzeitarbeit im Maler- und Gipsergewerbe Damit die Frauen den Pinsel in der Hand behalten

Fast die Hälfte der ­Lernenden im Malerberuf sind heute Frauen. Doch 10 bis 15 Jahre später kehren viele dem Beruf den Rücken. Was läuft schief?

Im Maler- und Gipsergewerbe arbeiten viele junge Frauen. Aber in der Altersgruppe ab 32 Jahren sind es nur noch 4,5 Prozent. (Foto: Stephan Bösch; Grafik: Zahlen von 2017, Quelle: Gimafonds)

In den 1980er Jahren eroberten die Frauen den Malerberuf. Waren im Jahr 1979 erst vier Prozent der Lernenden Frauen, so lag der Anteil 1992 schon bei dreissig Prozent. Heute sind es sogar schon vierzig Prozent, im Gipserberuf rund fünf Prozent. Aber fast die Hälfte dieser Frauen steigen wieder aus, bevor sie 35 werden. In der Alterskategorie ab 32 Jahren sind die Männer fast wieder unter sich (siehe Grafik).

«Firmen investieren viel Geld in die Ausbildung. Das geht ver­loren, wenn Malerinnen auf­hören.»

PROBLEM. Laut Barbara Rimml vom Verein «Pro Teilzeit» schadet dies der Branche enorm: «Mit den Malerinnen, die auf­hören, verliert die Branche viel Fachwissen sowie Geld, das in die Ausbildung investiert wurde.» Warum sie aufhören, weiss niemand genau. ­Einen Hinweis gibt eine Pilotumfrage der Unia Bern von 2011. Darin sahen 40 Prozent der Malerinnen das Fehlen von Teilzeitstellen als wichtiges Problem der Branche.

Das neue Projekt «Teilzeitbau» packt das jetzt an. Geleitet wird es von Barbara Rimml. Ziel sind mehr Teilzeitstellen in der Branche – «auch für Männer», wie Rimml betont. Denn laut ­einer Erhebung des Bundesamts für Statistik sind nicht nur 42 Prozent der Frauen, sondern auch 36 Prozent der Männer der ­Ansicht, die beste Aufteilung der Erwerbsarbeit in einer Familie sei es, wenn beide Eltern ­einen Teilzeitjob hätten. In der Realität ist es aber nur bei 9 Prozent aller Familien der Fall.

LÖSUNGEN. Hinter dem Projekt stehen die Gewerkschaften Unia und Syna sowie der ­Maler- und Gipserverband. ­Finanziell unterstützt wird es vom eidgenössischen Gleichstellungsbüro. In einer ersten Phase erfasst eine Umfrage das Bedürfnis nach Teilzeitarbeit bei den Arbeitnehmenden sowie das Interesse der Unternehmen. Nächstes Jahr starten dann Projekte in Firmen: Ein Experte berät sie bei der Einführung von Teilzeitarbeit im Betrieb.

Zur Umfrage: www.teilzeitbau.ch

1 Kommentar

  1. May-Britt Meisser

    Bravo- Das Problem ist schon länger bekannt. Ich habe in chur via RAV vor einem Jahr eine Teilzeitstelle angeboten. Es meldeten sich a nur stellensuchende aus dem Kanton Zürich und b wollten alle eigentlich eine Vollzeitbeschäftigung. Warum bleibt mein eigentlich rares aber gesuchtes Stellenangebot beim Arbeitsamt stecken und erreichte nicht die Malerinnen in chur und Umgebung ?
    Mit freundlichen Grüssen
    M. Meisser

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